Lange Museumsnacht

February 1st, 2010
Brandburg Gate Engraving

In der Nacht von Samstag auf Sonntag war in Berlin wieder mal eine Lange Nacht der Museen. Diesmal schaffte ich es endlich (nachdem ich das schon 10 Jahre geplant hatte), ins Märkische Museum zu gehen. Das ist das Museum für Berliner Stadtgeschichte. Die Ausstellung zu den wichtigen Straßenzügen (Stalinallee, Nollendorfplatz usw.) ist sehr interessant, weil Architektur, Kunst, Historisches miteinander verwoben werden. Wissenschaftlich mag ich so einen Kultur-Mix ja nicht so gern, aber für ein Museum ist das sehr gut geeignet, weil es für den Betrachter einfach sehr abwechslungsreich ist und neue Sichtweisen eröffnet. Die Führung auf den Spuren des weltreisenden Alexander von Humboldt hat mir sehr gefallen. Da Alexander von Humboldt ja sozusagen die Leitfigur dieser Museumsnacht war, hatte ich es darauf angelegt, diese Führung mitzumachen, und bin nicht enttäuscht worden. Dafür spielte die im Museum auftretende Band etwas sehr laut. Das Besondere an den Museumsnächten ist ja immer, dass an vielen Standorten Musik, Speisen und Getränke angeboten werden. Die Veranstalter sollten aber nicht vergessen, dass ein Museum eben ein Museum ist, wo sich die Leute vor allem eben auf das museale konzentrieren wollen.

Vom Märkischen Museum ging es dann nach Charlottenburg, wo wir uns das Bröhan-Museum ansahen. Das Jugendstil-Museum wird einem allerdings schnell langweilig, wenn man kein großer Fan von Vasen und Keramik ist. Dass zum Beispiel praktisch keine Architektur vorkommt, finde ich sehr schade. Gegenüber im Stülerbau ist jetzt die Sammlung Scharf-Gerstenberg, die ich sehr empfehlen kann. Dort konnte man in der Langen Nacht sogar selbst künstlerisch tätig werden. So fertigte ich (auf Styropor) einen Stich vom Brandenburger Tor an, der hier auch abgebildet ist. Außerdem versuchte ich mich (weniger erfolgreich) an Abklatsch und Frottage. Besonders interessant war es, im Anschluss an die praktischen Übungen eine Führung mitzumachen, in der die Techniken anhand der Werke alter und neuerer Meister vorgestellt wurden.

Danach besichtigte unsere kleine Gruppe noch das nahe gelegene und daher nahe liegende Schloss Charlottenburg, und schon war es fast zwei. Die Lange Nacht ist also eigentlich gar nicht so lang!

Die sieben Todsünden des Powerpoint

January 14th, 2010

Da ich mich immer wieder über Powerpoint-Präsentationen aufregen muss, habe ich hier mal die sieben Todsünden solcher Präsentationen aufgeführt, in der Hoffnung, dass mancher die eine oder andere zukünftig vermeidet. Und da Todsünden nur richtig lasterhaft sind, wenn sie einen lateinischen Namen haben, habe ich auch lateinische Namen dazu erfunden oder aus dem mittelalterlichen Lasterkatalog übernommen.

Heller Hintergrund (fundus albus)

In einem abgedunkelten Hörsaal flammt ein weißer Hintergrund auf der großen Leinwand auf und blendet die Zuschauer. Auf dem blendend-weißen Hintergrund erscheinen dann oft noch wenig kontrastreiche Farben. Die Augen ermüden schnell, und der Vortrag ist oft nur im wörtlichen Sinn „erhellend“.

Farben (colores)

Sinnvoll und sparsam eingesetzt können die richtigen Farben der Hervorhebung dienen. Leider werden Farben oft willkürlich eingesetzt und sind nicht kontrastreich genug oder zu dunkel bzw. zu hell (bei hellem Hintergrund). Ich bin zudem leicht rot-grün-blind (wie übrigens sehr viele Menschen!). Dummerweise werden aber Ampelfarben gern bedeutungsvoll eingesetzt.

Maßlosigkeit, Völlerei (gula)

Manche Folien sind randvoll mit Text (oft in kleiner Schriftart, damit noch alles passt) und der Zuschauer kommt mit dem Lesen nicht nach. In Ausnahmefällen kann natürlich mal Kontext angegeben werden, wenn ein kurzer Textausschnitt dabei hervorgehoben wird, aber sonst ist Textfülle unerträglich. Eine andere Form von Maßlosigkeit liegt vor, wenn in wenigen Minuten zig Folien durchgezogen werden, so dass fast der Eindruck eines Films entsteht. Wenn dann nur wenige Minuten Zeit sind, zwei bis drei Lambda-Kalküle mental zu „parsen“, freut sich das Publikum (die Beobachtung beruht auf einer wahren Begebenheit: über 100 Folien mit Lambda-Kalkülen in 60 min!).

Animierte Schriften (animatio)

Ich erinnere mich an den Vortrag eines Didaktikers, in dem Text nach und nach mit Geräusch in die Folien purzelte. Das war am Anfang noch ganz witzig, verlor aber seinen Reiz und viel Zeit. Außerdem lenkte es vom Inhalt ab. Ich erinnere mich nur noch an die Präsentation, sogar das Thema ist mir entfallen.

Ablesen der Folien (lectura)

Manche Vortragende lesen einfach ihre Folien vor, als ob das Publikum das nicht selbst könnte. Selbstverständlich soll auf den Folien das eine oder oder andere wichtige Schlagwort von dem stehen, was der Vortragende sagt, aber einfaches Ablesen der Folien wird schnell monoton.

Abschweifung (vagatio)

Wahrscheinlich um die zuletzt genannte Todsünde zu vermeiden, schreiben manche Referenten auf ihre Folien etwas völlig anderes als das, was sie erzählen. Für nur bedingt multitasking-fähige Zuhörer wie mich ist das dann wirklich die Hölle, gleichzeitig zuhören und lesen zu müssen.

Verstecken (latitio)

Manche Vortragende gefallen sich darin, eine Folie zu zeigen, die völlig leer ist und auf der nach und nach immer mehr eingeblendet wird. Ich fühle mich als Zuschauer dabei immer gegängelt, weil ich nicht gleich das Gesamtbild sehen kann. Außerdem kann es schnell langweilig werden, wenn man sieht, dass da noch sehr viel kommen muss.

Sicher gibt es noch viel mehr, was man falsch machen kann. Viele Fehler lassen sich vermeiden, wenn man ein vernünftiges Programm benutzt (und eben nicht Powerpoint). LaTeX Beamer ist zum Beispiel eine große Hilfe – oder Keynote für die Apple-Gemeinde. Allerdings bewahren auch die besten Programme nicht vor jedem Laster.

Jahresrückblick 2009

January 3rd, 2010

2009 war für mich außergewöhnlich, was besonders daran lag, dass ich mir eine völlig neue Möglichkeit erschloss, Politik zu machen. Aber der Reihe nach: Da ich im Sommersemester ein Forschungsfreisemester hatte, ergriff ich die Gelegenheit, noch kurz vor Beginn des Sommersemesters als Gastwissenschaftler die Universität Caen in Frankreich zu besuchen. Da dort gerade heftig gestreikt wurde, hatte ich viel Gelegenheit mit französischen Wissenschaftlern und Studierenden über Bildungspolitik zu diskutieren, was sehr interessant war, gerade in Hinblick auf die späteren Bildungsproteste in Deutschland. Das Forschungssemester erlaubte es mir auch, wieder mehr zum Baskischen zu arbeiten und ein neues Forschungsprojekt zum Sprachkontakt in Galicien zu starten.

Durch mein Engagement im Chaos Computer Club war ich 2009 viel in Sachen IT-Grundrechte unterwegs, vor allem ab dem Frühjahr gegen das gefährliche Zensurerleichterungsgesetz. So war ich einer der Vertreter des „Internet“, als Martin Dörmann und Kajo Wasserhövel für die SPD zum Gespräch über das Gesetzesvorhaben einluden. Durch den positiven Eindruck eines Seminars über Freiheit und Sicherheit bei der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See hatte ich die vage Hoffnung, man könne die SPD von diesem hochproblematischen Gesetz abbringen. Weit gefehlt: die SPD war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht im Geringsten bereit, sich zu bewegen und wollte nur verkünden, sich um die Einwände aus dem „Internet“ bemüht zu haben. Jedenfalls löste die Aktion und besonders die anschließende Pressemitteilung der SPD bei mir ein Wutgefühl im Bauch aus, und ich überlegte, wie es weitergehen sollte: Sich weiter über die Politik zu ärgern, erschien mir schon gesundheitlich der falsche Weg. So entschloss ich mich, in die Piratenpartei einzutreten, und muss sagen: es hat sich gelohnt! Ich habe ein bisschen was bewegen können, ein neues Sprachrohr gefunden und sehr viele neue und nette Mitstreiter kennen gelernt. Jeder Entgleisung auf Seiten der Internetausdrucker (leider ist der Begriff irrelevant für die deutsche Wikipedia) brauche ich jetzt nur noch mit „Fazialpalmierung“ zu begegnen und kann mich darüber freuen, dass sie wahrscheinlich den Zulauf bei den Piraten erhöht.

Der Piratenwahlkampf war eine interessante Erfahrung, weil mir dadurch klar wurde, wie Politik an der Basis offline funktioniert. Außerdem lernt man beim lokalen Wahlkampf auch sehr viel über die Gegend, in der man wohnt. Sehr wichtig ist für mich die Umsetzung des partizipativen Parlamentarismus, der neue Möglichkeiten in der Politik eröffnet – unabhängig von „Parteigegruschel“.

Im Sommer wollte ich eigentlich zur HAR2009 und anschließend zur Wikimania reisen, was ich aber beides unterließ, weil ich im Juli heftige Rückenprobleme bekommen habe, die aber dank stetiger Physiotherapie jetzt hoffentlich nicht wieder auftreten werden. Zum Glück konnte ich mich als die Rückenprobleme besser geworden waren in Berlin gut ablenken, weil das Wetter ins Strandbad Wannsee lud und natürlich auch der Wahlkampf in die heiße Phase kam.

So beschränkte sich meine Reisetätigkeit auf Kurzreisen zu verschiedenen Veranstaltungen der Erfa-Kreisen und Chaostreffs des CCC, aber die SigInt in Köln entschädigte durchaus für die verpasste HAR (Köln liegt ja auch fast in NL). Im September ging es dann noch eine Woche nach Slowenien zu einem Fachkongress über Dialektologie. Es war sehr eindrucksvoll, dieses schöne Land neu zu entdecken, wo ich seit der Wende nicht mehr war.

Der Herbst war sehr arbeitsreich, besonders weil ein Riesenberg Klausuren zu korrigieren war, so dass kaum Zeit für andere Aktivitäten blieb. Zwischendurch gab es Kurzauftritte bei Studienwahl.tv und Breitband und natürlich die Vorbereitung auf den Chaos Communication Congress. Dort hielt ich wieder einen Vortrag, der offenbar gut ankam. Da aber das Thema Zensursula eigentlich durch ist, wird er bestimmt nicht so viel Echo finden wie der Vorjahresvortrag über Neusprech.

Interessanterweise hat sich 2009 auch mein Internet-Kommunikationsverhalten grundlegend geändert (was wohl auch mit der Anschaffung eines iPhone zusammenhängt): Während ich vorher Informationen im Netz meist über RSS erhalten habe (und immer weniger über E-Mail), verfolge ich RSS-Feeds gar nicht mehr, sondern verlasse mich auf Mikroblogging. Das funktioniert deutlich besser, weil wichtige Informationen wiederholt „getickert“ werden, was das „Aufmerksamkeitsmanagement“ erleichert. Daneben spielt Jabber eine sehr wichtige Rolle in meiner Kommunikation, während E-Mail für mich wegen des Informationsüberflusses fast nicht mehr verwendbar ist (das auch als Hinweis für diejenigen, die noch auf eine Antwort warten). Ich weiß leider noch nicht, wie ich das E-Mail-Problem gelöst bekomme. Mikroblogging ist wohl inzwischen das neue Leitmedium, was sich auch darin zeigt, dass viele Leute (und auch ich) weniger „makrobloggen“.

My favorites 2009

January 2nd, 2010
  • best movie I saw in 2009: Primer, a must-see low-budget cult movie on time traveling,
  • best TV series: Seinfeld: this is not a new series, but I got the complete collection only this year (thanks to hukl), and enjoyed it so much!
  • best book I read in 2009: A Most Wanted Man by John le Carré, a most plausible story about post-cold-war espionage in Germany,
  • best podcast, as in 2008 & 2007: Der Tag, on Hessischer Rundfunk; this year’s best episode: Yo-ho und ne Buddel voll Bits (Yo-ho and a bottle of bits),
  • best Compact Disk I bought in 2009: I can hardly believe I didn’t buy any; obviously, the age of the CD is over,
  • best music I discovered in 2009: Dave Van Ronk’s songs;
  • in June 2009, I finally bought an iPhone, so here’s the best App I found so far: iThoughts, a very practical mindmapping tool, which made me rediscover mindmapping.

Bildungsproteste

November 20th, 2009

Im Januar dieses Jahres hatte ich zusammen mit einem Kollegen eine Podiumsdiskussion zur notwendigen Reform des Bologna-Reformen veranstaltet, die leider nur sehr schwach besucht war. Dass nun im gleichen Hörsaal die studentischen Protestveranstaltungen stattfinden, freut mich da natürlich besonders. Es ist ganz wichtig, dass sich die Studierenden rühren, denn Professorenprotest verhallt bei den derzeitigen Bildungspolitikern größtenteils ungehört – Millionen protestierender Studenten haben da sicher einen anderen Effekt.

Und wieder geben sich Politiker merkbefreit – selbst solche, die es von Amts wegen eigentlich wissen sollten: Bildungsministerin Annette Schavan hat eben noch die Dynamik des Bologna-Prozesses gelobt und stellt jetzt angesichts der Proteste eine BAFöG-Erhöhung in Aussicht. Eine BAFöG-Erhöhung ist sicher überfällig, aber darum geht es doch den protestierenden Studenten gar nicht – jedenfalls nicht in erster Linie. Der Vorsitzende des RCDS, der nun wirklich wissen sollte, worum es geht, versteht die Ziele des Protestes nicht und hält die Aktionen für „Bequeme Fundamentalkritik“. Damit reiht er sich ein in die Riege der Internetausdrucker, obwohl man bezweifeln kann, dass er sich die im Netz unter dem Internet-Mem #unibrennt aufgeflammte Diskussion ausgedruckt hat – zur Kenntnis genommen hat er sie jedenfalls nicht.

Worum es eigentlich geht, fasst Julian Nida-Rümelin in einem Fernsehinterview sehr treffend zusammen: Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen ist die Bologna-Reform in Deutschland komplett gescheitert, jetzt muss es darum gehen, die Reform zu reformieren. Nida-Rümelin fordert im Übrigen eine Verdoppelung der Bildungsausgaben. Wenn ich mir die finanzielle Situation der Hochschulen – selbst im reichen Bayern – anschaue, muss ich davon ausgehen, dass eine Verdoppelung hier kaum, in manchen norddeutschen Ländern mit Sicherheit nicht reichen wird.

Neben der Reform der Bologna-Reformen und der Steigerung der Bildungsausgaben müssen weitere Verbesserungen durchgesetzt werden:

  • Vor allem die prekären (und oft fehlenden) Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den akademischen Mittelbau müssen dringend verbessert und das Lehrdeputat für alle in Forschung und Lehre tätigen Universitätsangehörigen verringert werden.
  • Außerdem dürfen Wissenschaftler grundsätzlich nicht für wissenschaftsfremde Tätigkeiten in Anspruch genommen werden wie Evaluationen, Akkreditierungen, Verwaltungs- und Managementaufgaben (die über die sicherlich notwendige akademische Selbstverwaltung hinausgehen).
  • Die Willensbildung innerhalb der Hochschule muss von den Lehrenden und Studierenden ausgehen, und darf nicht externen Hochschulräten und einem Lean-Management überlassen werden.
  • Die anonyme Gängelung von Studierenden durch Hochschulinformationssysteme, die diesen Namen nicht verdienen, muss ein Ende haben.

Ich bin zuversichtlich, dass sich aufgrund der unüberhörbaren Proteste jetzt tatsächlich etwas ändern wird.

Halloween

November 2nd, 2009

Neueren Erkenntnissen zufolge soll Halloween auf eine von Martin Luther gestiftete Tradition namens Halo Wahen zurückgehen. Das erklärt wohl auch den Feiertag in Brandenburg, den die S-Bahn Berlin in diesem Jahr bei der Planung des Sonderfahrplans offenbar übersehen hatte. Jedenfalls stapelten sich am Samstag gruselig gekleidete Brandenburger in Kurzzügen.

Jedes Jahr vergesse ich es wieder, mich aus dem Staub zu machen oder wenigstens mit genügend Schokolade einzudecken, um dem Trick-or-treating gewappnet zu sein. Ich habe ja im letzten Jahr der ersten Gruppe eine Tafel Milka gegeben, was sich wohl schnell herumgesprochen hatte, denn ich konnte mich des Ansturms danach nicht mehr erwehren. Irgendwann drohten meine Süßigkeiten dem Ende zuzugehen. Ich hatte noch einen Tux aus Schokolade, den mir begeisterte Linux-Freunde geschenkt hatten und dessen Verzehr ich nicht übers Herz gebracht hatte. Auch ihn musste ich preisgeben.

Dann hatte ich wirklich keine Süßigkeiten mehr, was nicht ganz so schlimm war, da das Alter der Halloweener gegen Abend allmählich stieg. Ich begann also, als Nächstes meine Sammlung bunter T-Shirts aufzulösen und gab ihnen noch ein paar AOL-CDs dazu (da die heute nicht mehr bekannt sind, wurden sie für wertvoll gehalten). Da ich befürchten musste, auch mein letztes Hemd herausgeben zu müssen, entschloss ich mich dann doch zur Flucht. Auf der Straße lief ich Freddy Krueger in die Arme, der mich zur Herausgabe meiner Halspastillen zwang; jetzt weiß ich auch, warum er relevant genug für die deutsche Wikipedia ist – leider ohne Bild. Unter den Linden (statt Unter den Ulmen) wirkte er kaum deplatziert.

In diesem Jahr liefen auffällig viele Leute mit Staubschutzanzügen herum (möglicherweise hatten sie ja andere Kleidungsstücke verschenken müssen). Die Staubschutzanzüge – zum Teil mit roter Farbe befleckt – waren wohl von der letzten Partie Killerschach übrig geblieben.

Den diesjährigen Halloween-Abend verbrachte ich im Café Voland, das ja – passend zum Tag – nach dem Voland aus Der Meister und Margarita benannt ist. Bei Live-Musik und einer ukrainischen Borschtsch-Spezialität stieß ich mit einem Балтика № 4 «Оригинальное» auf das Wohl der großartigen Verka Serduchka an. Das verlieh mir Mut für die Begegnungen mit Jason Voorhees, Angela Franklin, Imhotep und anderen „Irrelevanten“, die mir auf dem Rückweg nicht erspart blieben.

Mein Fazit: Nicht nur Hunde sollten Halloween meiden!

Ideen zur Wikipedia

October 25th, 2009

Nachdem sich nun alle möglichen Leute zur Relevanzdiskussion in der Wikipedia äußern, möchte ich als langjähriger Wikipedianer und Inkludist auch mal meine Meinung kundtun. (Die besseren deutschen Termini sind Inkludist und Exkludist, während inclusionist/exclusionist englische Bezeichnungen sind, die man nicht einfach ins Deutsche übertragen sollte, da dort andere Ableitungsprinzipien gelten.)

Meine Meinung zum Exkludismus habe ich ja schon mal im Chaosradio geäußert und Leon bringt es schön auf den Punkt: Unter Exkludismus leidet immer die Gesamtqualität der Wikipedia, während unter Inkludismus bestenfalls die durchschnittliche Qualität der Wikipedia-Artikel leiden kann. Ich finde es zum Beispiel sehr schlimm, dass ein kulturelles Phänomen wie der Tschunk einfach für irrelevant erklärt und dem enzyklopädischen Vergessen anheimgestellt wird. Das widerspricht geradezu dem Wort Enzyklopädie, das ja umfassende Lehre oder Bildung bedeutet. Wo – wenn nicht in der Wikipedia – soll man so etwas finden? Pavel hat ja schon die Absurdität der Relevanzkriterien deutlich angeprangert. Dass da Handlungsbedarf besteht, ist kaum zu bezweifeln. Die Löschung von Tschunk, nachdem dieses Lemma bereits einen Löschversuch überstanden hat, zeigt auch, dass das Argument falsch ist, dass Relevanz in der deutschen Wikipedia nicht verjähre.

Zudem sollten aus Relevanzgründen gelöschte Artikel für alle Nutzer zum Beispiel in einem besonderen Namensraum zugänglich bleiben, denn ein Artikel wie Tschunk ist kaum ausbaubar, wenn man ihn nur unter großen Schwierigkeiten überhaupt findet. Und wenn eine Schule – aus welchen Gründen auch immer – an Relevanz gewinnt, möchte man vielleicht auf Vorarbeiten zurückgreifen. Ich muss allerdings sagen, dass ich kaum verstehen kann, warum Schulen an sich irrelevant sein sollten, und über freiwillige Feuerwehren möchte ich lieber in der Wikipedia etwas lesen als auf herbeigegoogleten Seiten. Auch die Geschichte eines 120 Jahre alten Landgasthauses macht die Wikipedia noch nicht zu einem Restaurantführer. Hier zeigt sich wieder, dass Relevanz keine Eigenschaft von Lemmata ist (weshalb die meisten Relevanzkriterien eigentlich irrig sind), sondern damit zu tun hat, wie viel und was über ein Lemma geschrieben wird. Wikipedia wird nur dann zu einem „Verzeichnis“, wenn Lemmata aufgenommen werden, über die keine interessanten Artikel geschrieben werden. Und ich finde es ausgesprochen schade, dass ich zu bestimmten Themen regelmäßig auf die englische Wikipedia zurückgreifen muss (zum Beispiel wenn es um Filme geht, die demnächst ins Kino kommen). Das ist letztlich eine Provinzialisierung der deutschen Sprache, vor der ich als Sprachwissenschaftler nur warnen kann. Wie Leser der deutschen Wikipedia kulturell in die Irre geführt werden, zeigt sehr schön die Suche nach den Morlocks in der deutschen, englischen, französischen und portugiesischen Wikipedia. Die entscheidenden Morlocks fehlen in der deutschen Wikipedia – vermutlich aus Relevanzgründen.

Ich habe noch einen sehr radikalen Vorschlag zur Lösung der Löschproblematik, auf dessen Durchsetzbarkeit ich mir allerdings keine Hoffnungen mache: Ich schlage vor, die Administratoren abzuschaffen. Schon jetzt gibt es die Möglichkeit, dass fleißige Wikipedianer Artikel „sichten“ können; dabei könnte man ihnen auch gleich die Administrator-Schaltflächen geben. Dann entstünde eine ganz neue Situation: Die Zahl der „Admins“ (die dann nicht mehr so hießen) wäre größer und direkt bzw. automatisch an die Intensität der Mitarbeit gebunden. Die beobachteten konservativen Tendenzen der jetzigen Admins würden wahrscheinlich verschwinden. Da nun jeder, der unangenehm auffiele, seinen Zugriff auf die entsprechenden Schaltflächen verlöre, ist zu erwarten, dass insgesamt zurückhaltender vom Löschen und Sperren Gebrauch gemacht würde, wobei es natürlich ein Löschen aus Relevanzgründen eigentlich gar nicht mehr gäbe (weil da nur noch in den Namensraum: „auszubauen“ verschoben würde). Das wäre doch einen Versuch wert!

Das Löschen von Artikeln ist immer sehr frustrierend für die Leute, die Arbeit darein gesteckt haben. Daher halte ich die Verschiebung in einen besonderen Namensraum für sinnvoller, denn dann kann an dem entsprechenden Artikel weitergebaut werden, bis er ansehnlich und/oder aus anderen Gründen plötzlich an Relevanz gewinnt. Zwei Dinge sollten verhindert werden: Das Entstehen von Machtstrukturen und das Frustrieren von aktiven Autoren, denn beides kann sich eine Quelle freien Wissens nicht erlauben. Daher besteht jetzt auch dringender Handlungsbedarf, der erstaunlicherweise von manchen nicht gesehen wird.

Datenspuren in Dresden

October 13th, 2009
Dresden

Am ersten Oktoberwochenende fanden in Dresden mal wieder die Datenspuren statt. Das ist eine schöne kleine Veranstaltung des Chaos Computer Clubs Dresden (C3D2) über Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung usw. Am Samstag und Sonntag gab es unter dem Titel Privacy off Vorträge und Workshops zu dieser Thematik – zum Teil von eingeladenen Experten, zum Teil von Dresdnern.

Hier ein paar Highlights: Peter Bittners Vortrag Wider das unauslöschliche Siegel über die Entfernung von Fingerabdrücken in Wissenschaft und Literatur war sehr kurzweilig und interessant. Ich konnte mir sogar ein paar Literatur- und Filmempfehlungen notieren. Das Jeopardy über Politikerzitate war auch sehr erhellend. Etwas trockener, aber sehr interessant waren zwei Vorträge über rechtliche Aspekte der Privacy-Thematik.

Statt Workshops zu besuchen, habe ich vor allem das Gespräch mit anderen Teilnehmern gesucht und gefunden. Allerdings sah der Workshop über OpenStreetMap sehr interessant aus.

Insgesamt waren die Datenspuren wie immer sehr besuchenswert. Man muss sich allerdings darauf einstellen, dass das Programm zwischendurch immer mal geändert wird. Das birgt das Risiko, dass man vorher ausgeguckte Vorträge eventuell kurzfristig verpasst, aber letztlich müssen Veranstalter und Teilnehmer einer kleinen Veranstaltung flexibel sein.

Filmwarnung: The Time Machine

October 6th, 2009

Habe vor Kurzem Die Zeitmaschine im englischen Original gelesen und kann The Time Machine sprachlich und inhaltlich sehr empfehlen, besonders weil es dort auch um den Gegensatz von Materialismus und Immaterialismus geht (nur im Buch, nicht in den Verfilmungen!). Jetzt wollte ich natürlich auch die Verfilmung sehen, eigentlich die von 1960, die ich vor vielen Jahren schon mal auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher meiner Großeltern gesehen hatte. Ich konnte mich noch dunkel erinnern, dass Die Zeitmaschine (1960) irgendwie in den Kalten Krieg verlegt worden war und die Eloi immer dann getötet wurden, wenn sie bei Atomalarm in den Bunker gingen, was natürlich für H. G. Wells noch kein Thema war.

Leider bekam ich stattdessen den falschen Film, nämlich die Neuverfilmung von 2002 (The Time Machine (2002)), vor dem ich warnen muss: Das Drehbuch ist furchtbar! Jede Art von tieferer Bedeutung ist einfach herausgefiltert worden. Der Film ist zäh, überhaupt nicht spannend, verstrickt sich in logische Pannen und Rührseligkeiten. Die Filmmusik ist streckenweise übertrieben dominant und unpassend. Komplett unerträglich ist der Film für Linguisten: Alle Personen sprechen amerikanisches Englisch des ausgehenden 20. Jahrhunderts mit zum Teil Westküstenakzent, egal ob es sich um New Yorker Pferdekutscher, Räuber oder Professoren handelt. Und obwohl die Eloi im 802. Jahrtausend eine andere Sprache sprechen, muss der Zeitreisende (im Unterschied zu dem der Buchvorlage) diese nicht lernen, weil sich sofort zwei Dolmetscher finden (der eine davon ein Kind). Sie haben diese 800000-Jahre alte Sprache so perfekt gelernt, dass sie sie mit dem gleichen Akzent sprechen, auch wenn ihnen hier und da mal ein Wort fehlt. Der Ober-Morlock (auch eine Erfindung aus dem verqueren Drehbuch) spricht natürlich auch perfekt Englisch, während die anderen Morlocks offenbar sprachlos sind.

Ich spare es mir, auf alle logischen Brüche des Filmes im Einzelnen einzugehen und empfehle, dieses Machwerk zu meiden! Da empfehle ich lieber das Buch, das als Wikisource-Text und anderweitig frei vorliegt.

MetaRheinMain

September 8th, 2009

Am letzten Wochenende war ich auf einer Veranstaltung des Chaos Computer Clubs Darmstadt (einschließlich Mainz und dem Umfeld aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet), die weil sie eben das Rhein-Main-Gebiet umfasst, den klangvollen Namen MetaRheinMain Chaos Days hat. Für mich war es vor allem eine Möglichkeit, Leute zu treffen, mit denen ich normalerweise nur virtuell zu tun habe. Daher habe ich mir auch gar nicht viele Veranstaltungen angesehen, sondern mehr mit anderen Teilnehmern gequatscht, zumal ich hoffe, dass viele Vorträge dann auch noch online zu haben sind.

Gleich am ersten Abend gab es einen Höhepunkt im Programm: Ein Podiumsgespräch zwischen padeluun, Julius Mittenzwei (CCC) und Brigitte Zypries. Anders als ich erwartet hatte, gab es kaum Politiker-Geschwurbel, dafür mehr Clownerien von padeluun. Hätte der Moderator Holger Klein ihn mehr gezügelt, wäre die Veranstaltung weniger unterhaltsam gewesen, dafür wäre Julius’ sachliche Argumentation besser zur Geltung gekommen. Überhaupt wurde deutlich, dass Politiker und Aktivisten gute Moderatoren brauchen, Holger ist sicher ein solcher! Schade war bloß, dass aus dem Publikum keine Fragen gestellt werden konnten.

Der Vortrag von Jörg Tauss am nächsten Tag hat mich etwas enttäuscht, denn es fehlte eine klare Linie. Er hat sehr assoziativ über alle möglichen Themen gesprochen, die ihm am Herzen liegen. Zum Glück waren die Fragen aus dem Publikum überwiegend sehr interessant. Den Auftritt von Franziska Heine habe ich leider verpasst, weil ich selbst einen Programmbeitrag parallel geleitet habe.

Insgesamt war die Veranstaltung sehr politiklastig. Ich frage mich auch, ob Politiker wirklich auf CCC-Veranstaltungen so prominent auftreten sollten. Sicher ist der CCC ein Bürgerrechtsverein, in dem es um die Verbindung von Technik und Politik geht, aber hier stand die Politik sehr im Vordergrund, was ja in den heutigen Zeiten auch nicht überrascht.