Rechtschreibtipp: -t oder -d

Wir haben das alle in der Schule gelernt: Wenn man nicht weiß, ob am Wortende ein -t oder -d zu schreiben ist, müssen wir das Wort einfach „verlängern“ und hören automatisch, was dort richtig ist: Lied oder Liet? – Lied natürlich, weil es auch Lieder heißt. Das ist immer dann ganz einfach, wenn man das Wort „verlängern“ kann. Manchmal macht die „Verlängerung“ jedoch Schwierigkeiten; so findet man immer Unsicherheiten bei seit und seid, denn beide Wörter kann man nicht verlängern. Nach einigem Nachdenken möchte man gern die Verbalform von sein vielleicht mit -t schreiben, denn auch in ihr fragt, ihr habt usw. steht ja ein -t, aber bei sein ist das falsch: Erstaunlicherweise schreibt man ihr seid. Dafür wird das andere gleichklingende Wort, nämlich die Präposition bzw. Konjunktion seit mit -t geschrieben, weil dieses Wort möglicherweise entfernt etwas mit Seite zu tun hat.

Hintergrund

Die Schreibung ihr seid ist tatsächlich willkürlich festgelegt worden, möglicherweise um die Gleichschreibung (Homographie) von seid und seit zu vermeiden. Man hätte es auch umgekehrt handhaben können, dann hätte die Verbalendung übereingestimmt, allerdings wäre dann der Zusammenhang von seit und Seite nicht mehr offensichtlich gewesen, was aber kein wirklich wichtiger Zusammenhang ist.

Tod und tot

Auch hier hilft die „Verlängerung“ (Tod: Todes, Tode, tot: tote usw.), aber was macht man in Wortzusammensetzungen: schreibt man toternst oder todernst, totlachen oder todlachen, totkrank, totmüde, totschick, totsicher oder todkrank, todmüde, todschick, todsicher? Das macht nicht zuletzt den Bloggern das Leben schwer. Hier lässt sich nichts verlängern. Es hilft, über die Bedeutung der Wörter nachzudenken, um eine Lösung zu finden. Man kann auch auf eine einfache Faustregel zurückgreifen:

  1. Bei Verben ist das Erstglied meist tot-: totschlagen, totmachen, totlachen, totstellen, totschweigen….
  2. Bei Adjektiven/Eigenschaftswörtern liegt man mit tod- als Erstglied eher richtig: todernst, todkrank, todmüde, todschick, todsicher (sogar todbleich trotz der vermeintlichen „Verlängerung“ zu totenbleich).

Im Internet findet sich sogar eine Übung zu diesem Problem.

Hintergrund

Die Erklärung für diese Schreibung ist tatsächlich semantisch, das heißt aus der Bedeutung der Zusammensetzungen ableitbar:
Bei den Verben ist das Erstglied das Adjektiv, das den durch das Verb hervorgerufenen Zustand beschreibt:

  • totschlagen: ‘schlagen, bis jemand/etwas tot ist’,
  • sich totlachen: ‘lachen, bis man tot ist’ (bildlich gesprochen natürlich)
  • usw.

Bei den Adjektiven stellt das Erstglied einen Vergleich her:

  • todernst: ‘so ernst wie der Tod‘,
  • todsicher:’so sicher wie der Tod‘,
  • usw.

Das Erstglied solcher expressiven Bildungen, die alle einen besonders hohen Grad (Elativ) ausdrücken, ist immer ein Substantiv (vgl. auch haushoch, schnurgerade, spindeldürr usw.); bei todschick handelt es sich auch um eine solche Bildung, die sich nicht mehr sinnvoll semantisch analysieren lässt (‘so schick wie der Tod’?), aber natürlich auch zu diesem Muster (Substantiv+Verb) gehört.

Jagd und jagt

Das vom Verb jagen (er jagt) abgeleitete Substantiv schreibt sich Jagd, obwohl in manchen gesprochenen Varietäten des Deutschen der Plural Jagden wie *Jagten klingt (das Sternchen vor dem Wort zeigt an, dass diese Form nicht korrekt ist). In Norddeutschland hört man bisweilen sogar Jacht und Jachten; so sollte man Jagd(en) natürlich nicht schreiben, aber tatsächlich ist das Wort Jacht mit Jagd verwandt: Jacht ist nichts anderes als das niederdeutsche Wort für ‘Jagd’.

Wörter mit seltener „Verlängerung“

Es gibt ein paar Wörter, deren „Verlängerung“ selten ist, weshalb Unsicherheiten auftreten:

  • Standard/Standart?: die „Verlängerung“ zu Standards/Standarts? hilft nicht. Erst das seltene Wort Standardisierung gibt Aufschluss, was aber manche Sprecher auch falsch sprechen/schreiben, nämlich: *Standartisierung. Die Standarte ist aber etwas anderes, nämlich eine kleine Fahne.
  • Endgeld, Entgeld, Endgelt, Entgelt?: Die „Verlängerung“ End/tgelte ist sehr selten und hilft nicht, was den Anfang betrifft. Erst durch den Zusammenhang zum seltenen Verb: entgelten oder vergelten wird klar, wie man es schreiben muss.
  • Diplomand/Diplomant: Im Gegensatz zu Ministrant, Praktikant ist hier das -d richtig: Plural: Diplomanden; aber die Betroffenen wissen es hoffentlich sowieso (Doktoranden erst recht!).

Hintergrund

  • Man glaubt es kaum, aber Standard kommt tatsächlich von Standarte. Das Wort Standarte ist wahrscheinlich direkt aus dem altfranzösischen (e)standart ins (Mittelhoch-) Deutsche gekommen. Das Englische hat die altfranzösische Auslautverhärtung abgebaut und aus (e)standart standard gemacht, was dann aus dem Englischen ins Deutsche entlehnt wurde. Ursprünglich ist das altfranzösische Wort ein germanisches Lehnwort, das im Germanischen ungefähr standhart gelautet (und bedeutet) haben könnte.
  • Entgelt ist tatsächlich von entgelten abgeleitet und wird deshalb eigentlich auf der zweiten Silbe betont, denn ent- kann keinen Akzent tragen (im Gegensatz zu end-). Viele Sprecher des Deutschen erkennen den Zusammenhang nicht mehr und betonen Entgelt auf der ersten Silbe. Kein Wunder, dass die Schreibung schwierig ist!
  • Es handelt sich bei -ant und -and um unterschiedliche Endungen im Lateinischen: -ant ist die Endung des Partizip Präsens Aktiv, bezieht sich also auf jemanden, der wirklich handelt (der Ministrant ministriert, der Praktikant praktiziert, sammelt praktische Erfahrungen usw.); -and ist hingegen die Endung einer speziellen Adjektivform, die auch Gerundivum genannt wird, und die etwas in Zukunft zur Erfüllung Anstehendes bezeichnet, hier das Erreichen eines Diploms oder eines Doktortitels. Das soll natürlich nicht heißen, dass Diplomanden und Doktoranden dafür nichts tun…

14 Responses to “Rechtschreibtipp: -t oder -d”

  1. The Exit says:

    Danke für die gute Erklärung!

  2. Sadalwantar says:

    Tja, besonders die Geschichten zu “Standard” ziehen sich immer wieder durchs Land…

    Hierdurch sollten wir aber wieder schlauer geworden sein. ;o)
    Besonders die Hintergründe dazu sind interessant.

    Grüße
    Sadalwantar/Chris

  3. The Exit says:

    Der Doktorand

    Spätestens zum Studienabschluß tritt das Problem auf. Ist man Diplomand oder Diplomant? Wer noch eine Ehrenrunde einlegt wird Doktorand (auch Dissertante genannt, aber das tut nichts zur Aufklärung).

    Dabei ist das doch ganz einfach wie Maha erkl…

  4. Tee oder Dee

    Warum das Standard und nicht Standart sowie Diplomand und nicht Diplomant heißt klärt maha’s blog auf.

    via praegnaz

    * /: Im Gegensatz zu Ministrant, Praktikant ist hier das -d richtig: Plural: Diplomanden; aber die Betroffenen wissen e…

  5. mkorsakov says:

    Die Suche nach »Webstandarts« liefert immer noch erstaunliche 1700 Ergebnisse, manche dabei sind schon (für die Lieferanten [LieferanDen?!]) einigermassen peinlich …

  6. aliblabla says:

    Der Blog fast das Problem toll zusammen!

    Für mich ungelöste Frage: Wenn ich aber diplomiere, dann scheint das doch erst mal eine Tätigkeit zu sein, die ohne ihre Vollendung auskommt. Wieso dann nicht Partizip Präsens Aktiv. So kommt es ja auch in der Bemerkung “Das soll natürlich nicht heißen, dass Diplomanden und Doktoranden dafür nichts tun” zum Ausdruck. Diplomanden sind doch Studierende!

  7. maha says:

    @aliblabla: das liegt daran, dass diplomare ‚diplomieren‘ bzw. ‚beurkunden‘ bedeutet, und eben die Universität dem zu diplomierenden Diplomand eine Urkunde über seine Leistung ausstellt. So ist das dann auch bei der Promotion, die die Universität vornimmt, daher wird der Doktorand oder Promovend von der Universität promoviert und promoviert nicht selbst.

  8. Derrick says:

    Super erklärung für Diplomand u.a., wie du siehst auch Jahre später noch im www entdeckt und weiter geholfen. Gruß Derrick

  9. Doktorand und Doktorant, Dissertand und Dissertant, das geht doch beides!

  10. maha says:

    Nein, das sehe ich anders: Doktorand geht auf (neulateinisch) doctorandus zurück (so heißt es zum Beispiel auf Niederländisch), ein Partizip (doctorans) wäre hier unplausibel; dissertare ist hingegen ein aktives Verb, mit dem man dissertans und somit auf Deutsch Dissertant bilden kann. Da ist dissertandus, also Dissertand unplausibel. Ich finde zudem, dass Dissertant kein allgemein gebräuchliches Wort im Deutschen ist, aber das ist nur so ein Eindruck.

  11. Heiko C. says:

    Vielen Dank für diesen Blogeintrag. Etymologie finde ich ja immer recht spannend. Das “Standard” wohlmöglich von etwas wie “Standhart” kommt, wusste ich gar nicht. :D

  12. Madonna says:

    Doktorand und Doktorant, Dissertand und Dissertant, das geht doch beides!

    Das sehe ich genauso wie Sie.

  13. maha says:

    @Madonna: um es noch einmal zu sagen (s.o.): im Standarddeutschen geht nur Doktorand mit d und Dissertant mit t.

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