Ich werde zunächst über die Zusammen- bzw. Getrenntschreibung von zusammengesetzten Substantiven schreiben, denn bei den Verben gibt es immer noch ein heilloses Durcheinander, zu dem ich später ausführlicher Stellung nehmen werde. Das wird dann kompliziert! Mit den Substantiven sollte man aber keine Schwierigkeiten haben, denn im Gegensatz zu anderen Sprachen, ist es im Deutschen ganz einfach: Zusammengesetzte Substantive, auch Komposita genannt, werden zusammengeschrieben, oder – wenn es die Lesbarkeit erhöht – werden die Bestandteile mit einem Bindestrich verbunden: Man schreibt also Parkkolonnade (oder Park-Kolonnade) und nicht (wie am Potsdamer Platz zu sehen): *Park Kolonnade; eben wie man auch Parkbank zusammenschreibt. Das gleiche gilt für das DB-Hochhaus am gleichen Ort.
Werden die Bestandteile eines zusammengesetzten Substantivs durch ein Leerzeichen getrennt, spricht man auch von einem Deppenleerzeichen oder gebildeter von einem Agovis. Beispiele gibt es unter den angegebenen Links mehr als genug.
Lediglich zusammengesetzten Wörter, die als ganze aus einer anderen Sprache entlehnt werden, dürfen auch so wie in der Gebersprache geschrieben werden: also Blue Jeans (die Großschreibung ist allerdings deutsch) neben Bluejeans oder Pommes Frites (auch hier ist die Großschreibung deutsch, und die Aussprache weicht vom Französischen mehr oder weniger ab).
Wenn nur der erste Teil des Wortes ein Fremdwort oder Eigenname ist, greift natürlich wieder die Zusammenschreibregel, also: Multimedia-Anwendungen, Windows-Betriebssystem, Curry-Huhn, Intel-Prozessor (alle diese Beispiele habe ich in den letzten Tagen falsch geschrieben gesehen). Besonders gern falsch geschrieben werden Komposita, deren erster Bestandteil eine Abkürzung ist. Richtig ist in diesem Fall die Schreibung mit einem Bindestrich: Mac-OSX-Plattform, DB-Hochhaus, DDR-Bürgerrechtler usw. Auch bei mehrgliedrigen Namen empfiehlt sich der Bindestrich: Rosa-Luxemburg-Gedenkstätte oder Carl-von-Ossietzky-Universität, die sich allerdings nicht entblödet hat, gegen die Rechtschreibung und für das Deppenleerzeichen zu optieren, und deshalb Carl von Ossietzky Universität heißt. Die Hamburger Uni-Bibliothek hat sich da besser aus der Affäre gezogen; sie heißt offiziell: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, denn nachgestellte Namen gehören nicht mehr zum Substantiv und können daher unverändert hinzugefügt werden, also auch in das Betriebssystem Windows XP oder die Firma AMD usw.
Hintergrund
In einem Kompositum gibt der erste Teil eine Zusatzinformation zum zweiten Teil: Eine Parkbank ist eine ‘Bank im Park’; man sagt: das erste Kompositionsglied (von Grammatikern auch „Determinans“ oder „Modifikans“ genannt) modifiziert semantisch das zweite (auch „Determinatum“ oder „Modifikatum“ genannt). Das Damen-WC ist ein ‘WC für Damen’, während die WC-Damen die ‘Damen des WCs’ sind (zum Beispiel diejenigen, die sich um die WCs kümmern – im Quartier 205 auf der Friedrichstraße in Berlin kann man es genau umgekehrt sehen. Außerdem erhält der erste Teil des Kompositums den Hauptakzent. Die semantische Modifikation und die Akzentuierung werden durch die Zusammenschreibung bzw. den Bindestrich angezeigt. So ist das DB-Netz (auf DB), das (Schienen-) Netz der Deutschen Bahn, während die DB Netz (jetzt hinten betont) eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn ist (auch DB Netz AG), es handelt sich bei diesem Eigennamen also nicht um ein Kompositum.
Ja, vielen Dank. Mit Freude gelesen.
[...] Kürzlich habe ich in einer renommierten Zeitschrift einen Artikel über ein „Nano Zentrum“ gelesen (wir wissen inzwischen, dass die Schreibung Nano-Zentrum richtig wäre). Dort wurde über verschiedene „Partikel“ berichtet, die das Zentrum erforscht. Es muss in der deutschen Standardsprache allerdings Partikeln heißen. Hier die Regel: Bei maskulinen Substantiven auf -el wird der Plural (außer im Dativ) ohne -n gebildet, bei femininen mit -n. [...]
Hi maha,
eine Frage dazu noch: Wie sieht es bei Zusammensetzungen von mehrteiligen englischen Wörtern mit einem deutschen Wort aus. Konkret meine ich “Coming of Age-Thriller”, das du im Beitrag “Harry Potter 4 im Kino” ohne Bindestriche geschrieben hast. Ich bin mir nun nicht ganz sicher, wie dies korrekt ist, ich hätte ja gedacht mit Bindestrichen.
MfG
Da gibt es zwei Möglichkeiten: 1. Ich behandle das ganze Wort als deutsches Wort (mit fremdem Erstglied) und schreibe: „Ich habe einen Coming-of-Age-Film gesehen.“; dabei müsste natürlich der erste Buchstabe groß sein; 2. ich behandle den ersten Teil als Englisch (eventuell schreibe ich das dann kursiv und klein, eigentlich sogar am Satzanfang!) und dann mit Bindestrich vor dem deutschen Wort: „Ich habe einen Coming of Age-Film gesehen.“ (oder „einen coming of age-Film“). Du hast möglicherweise Recht damit, Thriller (zumal mit großem T) als deutsches Wort aufzufassen. Ich hab es als englisches Wort aufgefasst und daher auf den Bindestrich verzichtet.
[...] beschäftigt sich mit unserer deutschen Sprache, auch Martin Haase schreibt regelmäßig in seinem Weblog über Merkwürdigkeiten und Eigenarten unserer Muttersprache. Die finde ich immer wieder sehr [...]
Hi maha,
ich bin gerade auf deine Artikel über “beliebte” Fehler bei der Verwendung der deutschen Schriftsprache hingewiesen worden. Klasse, weiter so!
Ich mache selbst immer wieder die Erfahrung, dass Anhänger des Deppenleerzeichens völlig übersehen, wie leicht dabei eklatante Bedeutungsunterschiede entstehen können. Außerdem ergibt sich ein ausgesprochen holperiger Lesefluss – zumindest bei mir.
Wenn ich mich dann mit Leuten unterhalte, die wenigstens mal darüber nachdenken mögen, stellt sich oft die Frage: Woher kommt denn das nun? Viele meinen, es liege an der Rechtschreibreform; ich persönlich vermute eher Denglisch-Wildwuchs, vielleicht auch eine Kombination aus beidem. Weiß man darüber mehr?
Und wie stehst du dem gern genannten Argument “Sprache muss sowieso im Wandel sein, also lass die Leute schreiben, wie sie wollen, bis sich eine neue Form durchsetzt” gegenüber?
Viele Grüße
empty
@empty: Die Rechtschreibreform hat mit dem Deppenleerzeichen wohl wenig zu tun: zwar schreibt man im Verbalbereich mehr auseinander, aber die Zusammenschreibung von Substantiven ist ja gar nicht von der Reform betroffen. Der Einfluss des Englischen hingegen spielt sicher eine Rolle, denn englische (unverbunden geschriebene) Komposita sind vielen Menschen geläufig. Es stimmt, dass Sprache immer im Wandel ist, aber das bezieht sich vor allem auf gesprochene Sprache, weniger auf Schriftsprache und schon gar nicht auf Orthografie, denn die ändert sich immer erst durch eine Reform. Es ist auch sinnvoll, wenn es klare Regeln für die Schreibung gibt, denn sonst fiele das Lesen fremder Texte schwerer.
Danke maha!
“… zwar schreibt man im Verbalbereich mehr auseinander, aber die Zusammenschreibung von Substantiven ist ja gar nicht von der Reform betroffen.”
*Wir* wissen das durchaus, aber in manchen Köpfen geistert – so scheint mir – bloß etwas herum wie: “Man darf jetzt alles auseinander schreiben.”
Wie auch immer, ansonsten hast du sicherlich recht. Ich bin ja dafür, Anglizismen zu canceln.
“Es ist auch sinnvoll, wenn es klare Regeln für die Schreibung gibt, denn sonst fiele das Lesen fremder Texte schwerer.”
Allerdings. Auch aus der Übersetzer-Perspektive kann ich das nur bestätigen.