Archive for October, 2005

22c3-Programmplanung, offenes Wasser, Plan 9

Monday, October 31st, 2005

Meinen Geburtstag, der sich am letzten Dienstag begab, habe ich an diesem Wochenende in zwei Teilen nachgefeiert: mit einem Tortenessen am Samstag und am Sonntag mit einem Essen und zwei Kinofilmen im Berliner Chaos Computer Club. Zu essen gab es einen Schinken mit Sauerkraut und Erbspüree. Der Schinken musste den ganzen Tag im Ofen sein (ca. 7 Stunden). Zwischendurch konnten Chefkoch Wuerfel und ich noch an einem philosophischen Frühstück in der c-base teilnehmen. Anschließend schälte ich Kartoffeln während des 22c3-Programmplanungstreffen. Die Programmplanung kommt eigentlich recht gut voran. Ich freue mich sehr auf das ziemlich abwechselungsreiche Programm!
Nach dem Essen schauten wir Open Water, einen Low-Budget-Film, der keinem so recht gefallen wollte, und anschließend den Kultfilm Plan 9 from Outer Space von Ed Wood, der die Meisten wohl wieder versöhnt hat. Es soll ja der schlechteste Film aller Zeiten sein! Besonders schön ist der Rahmentext, den The Amazing Criswell spricht. Demnächst sollten wir dann noch den Film Ed Wood sehen. Zu den Filmen gab es (ausnahmsweise wegen meines Geburtstags) Augustiner Bier. Ansonsten sind wir ja drogenfrei, denn geraucht wird inzwischen vor der Tür. Diese strikte Regelung hat mich etwas überrascht, ist aber gut!

Der hunderste Eintrag

Saturday, October 29th, 2005

In letzter Zeit geht es bei mir beruflich wieder recht anstrengend zu – kein Wunder, denn das Wintersemester ist in vollem Gang, daher schreibe ich hier zur Zeit nicht so regelmäßig, aber es wird sicher auch wieder ruhiger!
Dies ist übrigens mein hundertster Beitrag! Das kann ich kaum fassen, denn mir ist, als hätte ich erst gestern mit diesem Blog angefangen. Genau genommen begann meine Bloggerkarriere schon am 30.3.2001 bei mytagebuch.de, das sich (ohne dass ich den Terminus Blog kannte) schon nach den ersten Einträgen von einem Online-Tagebuch in ein Blog verwandelte; dann ging es weiter mit Thinknerd, meinem ersten Blog, das auch Blog hieß, und schließlich landete ich hier.

Gelahrtheit

Monday, October 24th, 2005

Ich habe mich immer darüber gewundert, warum Literaturwissenschaftler ihre Vorträge vom Blatt ablesen. Jetzt weiß ich es, denn heute konnte ich einen literaturwissenschaftlichen Vortrag hören, in dem sich der Redner immer wieder vom Blatt löste und dann wurde es – dramatisch! (Der Gedankenstrich ist hier bewusst gesetzt, denn er repräsentiert die dramatischen Pausen, die der Redner einlegte.)
Zum Teil verstieg sich der Vortragende in neuartige Wortschöpfungen: so sagte er statt ‚symptomatisch‘ symptomatologisch, statt ‚geheim‘ oder ‚vertraulich‘ mirakulös (worunter ich bestensfalls ‚wundervoll‘ verstehen könnte) und statt ‚Fresko‘ al fresco; neu war mir auch das deutsche Wort Progress für ‚Fortschritt‘ – sehr wirkungsvoll dramatisch betont; und die contingentia oppostorum dürfte „Neulatein“ sein, aber man lernt ja gern dazu. Den Vogel schoss er ab, als er nach einer Stunde Vortrag verkündete: „Meine Damen und Herren – [dramatische Pause] – ein letztes Wort – [dramatische Pause, das Publikum atmete erleichtert auf] – bevor ich am Schluss zum eigentlichen Thema meines Vortrags komme…“ Großes Kino!
Übrigens: wer hochgelahrte Artikel über postmoderne Themen selbst schreiben will, kann sich des Postmodernism Generator bedienen. Dort fehlen allerdings die dramatischen Effekte, die der heutige Redner aus dem Stegreif zu extemporieren wusste.

Gärtnerei

Monday, October 24th, 2005

Chrysanthemum

Ein Gärtner werde ich wohl nie. Nachdem mein zweiter Versuch, in meinem Hof einen Buchsbaum zu halten, nach immerhin fast zwei Jahren jäh gescheitert ist (trotz pfleglicher Behandlung), hab ich ihn passend zum Herbst hinter einer Chrysantheme versteckt. Die blüht ziemlich eindrucksvoll, und man wundert sich nicht, dass es die japanische Nationalblume ist und Symbol des Kaiserhauses.
Mein Weihnachtskaktus hat während meiner Abwesenheit sehr eindrucksvoll in Zartrosa geblüht, aber nun ist das auch vorbei. Warum heißt er eigentlich „Weihnachtskaktus“, wenn die Blüte schon zu Erntedank vorbei ist?

Wikipedia: Enzyklopädie oder Nachschlagewerk?

Saturday, October 22nd, 2005

Unter der Überschrift Ist Brockhaus eine Enzyklopädie? zeigt Mathias Schindler, dass Philologie so spannend sein kann wie ein Krimi: Mathias „Sherlock“ Schindler ermittelt nämlich, wie die Wikipedia aus der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie (zumindest aus dem Artikel Enzyklopädie) herausgefallen ist und wie der Text des Artikels Enzyklopädie umgearbeitet wurde, damit die Wikipedia bestenfalls ein Nachschlagewerk sein kann, aber eben keine Enzyklopädie. Allerdings schlägt man doch eher in Büchern nach als im Internet.
Ganz ernsthaft: Der Brockhaus in der Buchausgabe mit seinen zum Teil kurzen Einträgen dient in der Tat eher zum Nachschlagen. Bei der Wikipedia geschieht es jedoch oft, dass man an einem Thema richtig hängen bleibt – zum Beispiel indem man sich von einem Artikel zum nächsten klickt. Auch im Brockhaus gibt es natürlich Verweise. Die sind aber weniger zahlreich, und das weitere Nachschlagen ist in der Buchausgabe auf die Dauer ermüdend.

Rechtschreibtipp: ß

Tuesday, October 18th, 2005

Eigentlich wollte ich gar nicht über die (neue) ß-Regel schreiben, weil ich dachte, sie sei allgemein bekannt und völlig unproblematisch. Die Lektüre der letzten Tage hat mich allerdings eines Besseren belehrt. Hier also noch einmal die Regel:

Ein „scharfes“, also stimmloses [s] wird nach kurzem Vokal mit ss orthografisch wiedergegeben, nach langem Vokal oder Diphthong mit ß.

Beispiele: kurzer Vokal vor ss: Kuss, Fässer, Masse; langer Vokal vor ß: Fuß, Maße, Diphthong vor ß: weiß, außer (häufig sieht man falsches *ausser).
Eigentlich eine einfache Regel, wenn einem der Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen klar ist. Für die meisten deutschen Muttersprachler dürfte das aber kein Problem sein.
Schwierigkeiten ergeben sich am Wortende: Da dort wegen der Auslautverhärtung das s immer stimmlos ist, stellt sich die Frage, ob nicht vielleicht ein einfaches s reicht: Schreibt man Fleis? – oder Fleiß? Vlies oder Vließ? Mus oder Muß? Das „Verlängern“ des Wortes hilft, wo dies möglich ist: fleißig, also Fleiß, Vliese oder Vließe, also beides (Vließ ist eher süddeutsch/österreichisch); Mus lässt sich schlecht verlängern, der Plural müsste Muse sein, also ist Mus richtig (vgl. auch Gemüse, mit dem Mus entfernt verwandt ist). Übrigens ist Müsli ein Müslein und wird daher nicht mit ß geschrieben – wie auf mancher Speisekarte zu sehen.
Ganz trickreich ist das Suffix -nis: Da der Plural -nisse lautet, würde man für den Singular *-niss erwarten, aber man schreibt seit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1901 -nis im Singular.

Hintergrund

Das Latein kannte nur ein stimmloses s, das in der Schreibung des Deutschen für stimmhaftes s (IPA [z]) übernommen wurde. Stimmloses s wurde durch Doppelschreibung bzw. ß angezeigt, wobei ß eine Ligatur für ss war (in der Typografie). Später wurde dann die typografische Regel zu einer orthografischen: Nach kurzem Vokal wurde ss geschrieben, wenn das (Teil-) Wort nicht zuende ist und kein Konsonant folgt (Flüs-se), sonst (Fluß-u-fer). Die neue Regel mit der Vokallänge ist einfacher und passt besser in das Grundprinzip der deutschen Orthografie, dass Vokalkürze durch Doppelkonsonanten gekennzeichnet wird. Die neue ss/ß-Regel ist eine der wenigen überzeugenden Verbesserungen der neuen deutschen Rechtschreibung.
Die Schreibung -nis mit einfachem s wurde übrigens damit begründet, dass dieses Suffix immer unbetont ist. Die Begründung ist nicht wirklich überzeugend.

Umleitung über Merseburg und Leuna

Monday, October 17th, 2005

Wegen eines „Personenschadens“ wurde mein InterCityExpress zwischen Leipzig und Naumburg umgeleitet und zwar knapp vorbei an Halle (Saale) und über Merseburg. Was des einen Leid, ist des anderen Freud: Da es sich bei der Umleitung nicht um eine Schnellstrecke handelte, gewährte mir die Deutsche Bahn in ruhiger Fahrt ein paar interessante Einblicke in mehr oder weniger blühende Landschaften, während sie mich über meine Kopfhörer gleichzeitig mit klassischer Musik berieselte (und das noch im Panoramawagen an der Spitze des Siemens Venturio). Zuerst ging es entspannt langsam durch so manche Hallenser Vororte, von denen mir jetzt nur Halle-Ammendorf namentlich in Erinnerung geblieben ist. Hier sieht man so manche Industrieruine. Dann ging es direkt durch Merseburg (auch hier sah man die eine oder andere Ruine). Den berühmten Merseburger Dom habe ich aus dem Zug leider nicht entdecken können. An Merseburg habe ich aufgrund einer leider verflossenen Liebschaft besonders angenehme Erinnerungen, obwohl ich die Stadt selbst noch nicht besucht habe. Das furiose Finale war die weitere Strecke, die mitten durch die schier endlosen Industrieanlagen von Leuna führte, um bei Großkorbetha wieder die Stammstrecke zu erreichen. In der spätnachmittäglichen Sonne folgte das pittoreske Saale-Tal mit der Rudelsburg und Burg Saaleck und schließlich der Thüringer Wald, wo es schon mächtig herbstelte. Hier gönnte ich mir Schuberts « Moments musicaux » und den ebenfalls sehr klassisch angehauchten Soundtrack des Films 23.

Berliner Frühling wird Prager Herbst

Monday, October 17th, 2005

Der Computerlinguist Jorge(s), der serchilo.net initiiert hat und betreut, ist inzwischen als Gaststudent in Prag. Für seinen herbstlichen Aufenthalt dort hat er ein neues Blog aufgesetzt – sozusagen als Fortsetzung seines Berliner Blogs Berliner Frühling; es heißt passenderweise Prager Herbst und ist lesenswert.
Anlässlich seiner Bemerkungen zum Herbstanfang frage ich mich, warum ein deutscher Gaststudent mit einem Deutschen das Wohnheimszimmer teilt. Als ich in Santa Cruz (Kalifornien) war, hatte ich wenigstens einen Mitwohni aus den Niederlanden; das lag aber vielleicht nur daran, dass für die US-Amerikaner kein großer Unterschied zwischen den Niederlanden und Deutschland besteht… Auch als ich in Toulouse studiert habe, hatte die Wohnheimsverwaltung versucht, die ausländischen Studierenden national zu gruppieren, was ich für eine ziemlich abwegige Idee hielt. Übrigens waren sowohl in Frankreich wie in Kalifornien die sanitären Anlagen des Wohnheims coeducational, also für Frauen und Männer zusammen. In Kalifornien stand sogar coed an der Toilettentür. So habe ich diese merkwürdige Bezeichnung gelernt.
Leider kann man beim Prager Herbst nur kommentieren, wenn man selbst beim gleichen Anbieter ein Blog hat. :-( Daher hab ich meinen Kommentar hier eingetragen und hoffe, dass wenigstens der Trackback funktioniert.

Von Wikipedia zu Gattaca

Monday, October 17th, 2005

Brandenburger Tor by night

Der Sonntagabend gehört fast zu meinen Lieblingsabenden in Berlin, zumal ich jetzt montags keine Vorlesungen habe, also nicht so intensiv an die Vorbereitungen für meine Veranstaltungen denken muss. So ist es fast der einzige freie Tag in der Woche für mich, zumal ich am Sonnabend immer versuche, alles abzuarbeiten und auch meine Wohnung in Ordnung zu bringen (letzteres habe ich aber an diesem Wochenende nicht geschafft). :-( Am Sonntag kann ich ausschlafen, telefonieren, ausspannen und schließlich abends noch etwas unternehmen. Das ist schon sehr angenehm, weil insgesamt eine etwas ruhigere Atmosphäre herrscht als zum Beispiel an einem typischen Ausgehtag.
Am gestrigen Abend bin ich zunächst in die c-base gefahren, um dort am Berliner Wikipedia-Treffen teilzunehmen, dann bin ich in den Berliner Chaos Computer Club, um dort noch etwas zu chillen. Jemand hat The Transporter gezeigt, einen Film von Luc Besson, dem leider am Ende etwas die Puste ausgeht. Schade! Dann gab es zur Wiedergutmachung neben Pasta mit Pesto den Film Gattaca, der mir sehr gefällt und den ich erstmalig in der englischen Fassung sehen konnte (mit den Original-Lautsprecheransagen in Esperanto). Ich mag auch den Soundtrack sehr!

Göttingen: Stadt, die Wissen schafft

Sunday, October 16th, 2005

Goettingen: Stadt, die Wissen schafft

Bien sûr, ce n’est pas la Seine,
Ce n’est pas le bois de Vincennes,
Mais c’est bien joli tout de même,
A Göttingen, à Göttingen.

Barbara: Göttingen (1964)

Kanaldeckel

Die BahnCard 100 verwandelt Deutschland ja in so eine Art Nahverkehrsnetz, wo man dank des InterCityExpress auch mal längere Strecken zurücklegen kann – mit dem Gefühl nur mal eben in der eigenen Stadt unterwegs gewesen zu sein. In Berlin bin ich oft – als ich noch an der Freien Universität tätig war – vom Büro aus über eine Stunde unterwegs gewesen, um noch mit Freunden abends ins Kino zu gehen. So macht es dann kaum noch einen Unterschied, wenn man mal abends nach Göttingen fährt, um am dortigen Treffen der Wikipedianer teilzunehmen.

Gänseliese

Das war insgesamt eine sehr nette Veranstaltung. Es war ein ganzes Dutzend Wikipedianer zugegegen, unter anderem auch Mathias Schindler aus Frankfurt am Main, den ich ja schon wegen seiner lesenswerten Beobachtungen zur Brockhaus Enzyklopädie sehr schätze und mit dem ich mich auch wieder angeregt unterhalten habe. Er hat bei der Vorstellung der neuen Auflage vom Brockhaus-Verlag als Liebesgabe für Journalisten ein kleines Notizbuch im Brockhaus-Look geschenkt bekommen, in dem er jetzt alle Fehler des neuen Brockhaus sammelt. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.
Mit Nina hab ich mich über das Verhältnis zwischen Nerds und Wikipedianern unterhalten. Ich bin der Meinung, dass Wikipedianer auch Nerds sind, denn sie haben doch sehr ähnliche Eigenschaften: Es ist schon sehr nerdig, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, um noch schnell einen Artikel exzellent zu machen oder an einer Löschdiskussion teilzunehmen. Auf der anderen Seite ist der Wikipedianer (homo sapiens vichipaediensis) schon eine etwas andere Art Nerd als der gemeine Hacker (homo sapiens nerdus nerdus): Der Frauenanteil bei den Wikipedianern ist höher und diese konzentrieren sich bisweilen auf völlig andere Themen als der nerdus nerdus: In Güttingen überwog eindeutig die Geisteswissenschaft.
Wir kamen auf Themen, deren Existenz und Relevanz ich vorher kaum erahnt hatte: So arbeitet Wikipedianer Alkibiades an der Exzellenz des Artikels Berufsfreiheit: Hinter diesem Thema verbirgt sich wirklich Spannendes: Zum Beispiel die Frage nach Umfang und Art bürgerlicher Grundrechte; Während in der ersten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der französischen Revolution von Berufsfreiheit keine Rede war, kam diese in der Fassung von 1793 vor; man kehrte jedoch später zur Urfassung zurück.