Wir

Heute habe ich den Roman Wir (russisch: Мы, allerdings in deutscher Übersetzung) von Jewgeni Iwanowitsch Samjatin zuende gelesen. Den Roman hatte ich eigentlich schon vor einigen Tagen durch, aber ich habe erst jetzt das Nachwort gelesen, das den Roman in seinen historischen Kontext einbettet und recht interessant ist, auch wenn es schon vor einigen Jahren geschrieben worden ist. Das Nachwort ist offensichtlich zur Zeit der Aufbruchstimmung im ehemaligen Ostblock verfasst worden und daher wird ein wichtiger Aspekt vernachlässigt: Der Roman ist hochaktuell, weil er einen (fast) perfekten Überwachungsstaat beschreibt – etwa das Modell no more secrets, auf das wir gerade zusteuern und das ganz ähnlich (aber düsterer und nicht mit der gleichen Konsequenz) von George Orwell in 1984 beschrieben wird oder mit einer etwas anderen Stoßrichtung von Aldous Huxley in Schöne Neue Welt. Beide haben sich von Samjatin inspirieren lassen – übrigens auch der Film Equilibrium, den ich neulich mal gesehen habe, der mir aber weniger gefallen hat (der Soundtrack ist ganz brauchbar, wird aber auf die Dauer auch anstrengend).
Man sollte jedoch durchaus mal zum Original, also zu Wir zurückfinden – möglicherweise sogar auf Russisch, denn der Stil des Romans ist sehr klar und einfach. Es gibt im Roman nämlich mehrere Ideen, die gerade auf der derzeitigen politischen Agenda stehen. Hier eine Auswahl:

  • Glücks- und Sicherheitssimulation durch Ordnung und totale Überwachung,
  • Einführung einer Personenkennzahl (zum Beispiel in Form des genetischen Fingerabdrucks),
  • erzwungenes heterosexuelles Paarverhalten „zum Wohle des Staates“,
  • Ersatz von Phantasie und Kreativität durch auf zweifelhafter Statistik gegründetes Erbsenzählertum (man denke an das „leistungsorientierte Hochschuloptimierungskonzept“),
  • biometrischer Pass: hier geht die derzeitige Entwicklung noch weiter: in Wir muss nur ein Abzeichen offen getragen werden, in Deutschland wird sogar ein RFID-Chip verwendet;
  • Beeinflussung von Wetter und Klima, Aussperrung/Domestizierung der Natur mit katastrophalen Folgen,
  • Herabwürdigung von Kunst und Geisteswissenschaft,
  • Zulassung von Folter gegen Staatsfeinde.

Natürlich sehen wir im Roman die fantastische Endstufe solcher Vorstellungen, aber wem bestimmte Aspekte von Samjatins „Einzigem Staat“ nicht gefallen, der sollte jetzt für seine Bürgerrechte kämpfen. Wie heißt es so schön: Wehret den Anfängen!

4 Responses to “Wir”

  1. 46halbe says:

    Es gibt schon seltsame Zufaelle: ich las das Buch grade letzten Herbst auch. Ausser einer einzigen Person kannte das niemand, mir scheint sogar, es ist nahezu vergessen. Ich wuenschte, ich haette im Russischunterricht besser aufgepasst, um heute in der Lage sein zu koennen, es im Original zu lesen.
    Ich hatte sogar darueber gebloggt:
    http://46halbe.org/auchblog108.html#a27

  2. ChrisMD says:

    Ich habe Maha Zam’atins dystropischen Roman wohl empfohlen, da ich ihn während meines Slawistikstudium gelesen hatte und slebst zum glühenden Verfechter des einzig wahren Originals wurde. Ich möchte das gesagte noch einmal inhaltlich untersetzen.
    Der Ingenieur D-503 (sein “Name” – eine Kennziffer) arbeitet an der Konstruktion des Raumschiffes “Integral”. Seine mathematisch-technische Tätigkeit enspricht im Grunde dem Zustand des “Einzigen Staates”, in dem er lebt und dessen glühender Anhänger er ist.
    Die Menschen wohnen in gläsernen Häusern und verrichten ihre Arbeit maschinenartig zur selben Zeit. Alles ist genau eingetaktet und festgelegt.
    D-503 hält seine Gedanken in einem Tagebuch fest und ist davon überzeugt, dass der “Einzige Staat” sich unaufhaltsam der Perfektion nähert. Das Erreichen dieses Zustandes sei lediglich eine Frage der Zeit, da ihm alle Probleme der Welt mathematisch lösbar erscheinen. Das Ziel ist der völlige Gleichklang der Massen.
    Als er der Dissidentin I-330 begegnet, bemerkt er innerliche Veränderungen an sich. Bald ist er nicht mehr in der Lage, seiner Arbeit nachzugehen, da er unter einer Krankheit leidet. Bei ihm, so die erschreckende Diagnose, hat sich eine “Seele gebildet”. Schritt für Schritt gerät sein scheinbar geschlossenes und unumstürzliches Weltbild ins Wanken. Wie Maha bereits anmerkte, ist die Kritik des zu Zam’atins Lebenszeiten aufbrechenden sozialischischen Gesellschaftsideal hier durch politische Gleichschaltung, Totalitarismus und Unterdrückung der Individualität gekennzeichnet. Da die Allmacht des Staates zwar über alle Maßen überzeichnet wird, ist “Wir” vielleicht eine direkte Warnung vor derartigen Verhältnissen, den wir uns wohl zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon wieder annähern.
    Ich weiß selbst nicht, ob wir nicht auch irgendwann einmal unter der Krankheit leiden werden, dass sich bei uns “eine Seele bildet”. Derzeit habe ich eher das Gefühl, wir vertrauten all zu oft gedankenlos auf unseren “einzigen Staat”. Wir nehmen es auch unreflektiert hin, das wir bereits jetzt schon auf jedem U-Bahnhof überwacht werden und grinsen sogar noch in die Kameras. Wählen gehen wir auch nicht mehr…
    Vielleicht könnte man sogar sagen, dass unsere ausdifferenzierte und Freiheit heuchelnde moderne Gesellschaft es von Zam’atin gelernt hat,
    uns nicht mehr direkt eingrenzen zu müssen. Wir laufen auch so hinterher.
    Durch Mauern und Sicherheit hat es nicht geklappt. Also hat man uns abhängig gemacht. Wir brauchen alle ein handy mit GPS und Fotofunktion – eigentlich fehlt nur noch die Mensch-Maschine-Schnittstelle und schon ist unser Gehirn teil des Internets. Die totale Überwachung ist ohne Druck erreicht worden. Es gibt auch keinen “großen Bruder”, oder wie es bei Zam’atin heißt einen “Wohltäter”. Das funktioniert bereits unterbewusst kollektiv – auch wenn wir es nicht wahr haben wollen.

    Zu Schluss meine Lieblingsstelle aus dem Roman (Die Diagnose):

    Seine schmalen Lippen lächelten: “Schlecht, schlecht. Bei Ihnen hat sich offenbar eine Seele gebildet.”
    Eine Seele? Das ist eine uraltes, längst vergessenes Wort. Wir sagen wohl manchmal noch “ein Herz und eine Seele”, “Seelenruhe”, “Seelenverderber”, aber Seele, nein!
    “Ist das… ist das sehr gefährlich?” stotterte ich.
    “Unheilbar”, erwiderte er.
    “Aber – was ist das eigentlich, eine Seele? Ich kann mir das nicht richtig vorstellen.”
    “Ja, wie soll ich Ihnen das erklären? Sie sind doch Mathematiker, nicht wahr?”
    “Ja.”
    “Stellen Sie sich eine Fläche vor, zum Beispiel diesen Spiegel. Blicken Sie hinein – auf dieser Fläche sehen Sie uns beide, Sie sehen einen blauen Funken in der Leitung, und jetzt huscht der Schatten eines Flugzeugs vorüber. Nehmen wir an, diese Fläche sei weich geworden, jetzt gleitet nichts mehr darüber hin, sondern alles versinkt in jener Spiegelwelt, die wir als Kinder voller Neugier bestaunten. Glauben sie mir, die Kinder sind gar nicht so dumm. Die Oberfläche ist also zu einem Körper geworden, zu einer Welt, un im Innerern des spiegels – und in Ihnen selbst – ist eine Sonne, der Propellerwind Ihres Flugzeugs, Ihre bebenden Lippen und ein zweites Lippenpaar. Sehen Sie, der kalte Spiegel reflektiert die Gegenstände, jener andere aber absorbiert sie, und alles lässt für immer eine Spur zurück. Vielleicht haben Sie einmal in einem Gesicht eine ganz feine Falte entdeckt – und schon ist sie für immerin Ihnen. Sie haben einmal gehört, wie in der Stille ein Wassertropfen fiel, und Sie hören ihn auch jetzt…”

    Wie ist das nun mit unseren Seelen? In unserer Gesellschaft gibt es ständig so viele Eindrücke und Reize, dass sie gar keine Spuren mehr hinterlassen. Allerhöchstens kleine Riffel und Ritzen. Wir überlegen ja schon nicht einmal mehr, ob man den nächsten unethischen Schritt gehen darf. Wir tun es einfach. und es bleibt nicht einmal etwas zurück.
    Hier wird schon wieder einer erstochen, da explodiert die 100ste Bombe. Nebenan hat sich ein Attentäter eingenistet und gestern ist ein Schüler in der Schule Amok gelaufen. Und hat sich bei uns eine Seele gebildet?
    Wegrationalisiert!
    Effizienzsteigerung durch Verschlankung!
    Ach ist mir doch egal!
    Ich guck jetzt erstmal “Gute Zeiten – schlechte Zeiten” – muss was für meine Seele tun…

  3. maha says:

    Hallo Chris! Vielen Dank für den interessanten Kommentar. Der Aspekt des kollektiven Hinterherlaufens ist bei meiner Besprechung tatsächlich etwas zu kurz gekommen. Das ist sicher ein wesentlicher Punkt: Samjatins Protagonist lässt sich aus Überzeugung unterdrücken, weshalb es keine Unterdrückung im eigentlichen Sinn ist. Und diese Gefahr besteht heute auch: Wir lassen uns durch Medienkonsum, Konsum und Gewöhnung auf Dinge ein, vor denen wir uns lieber in Acht nehmen sollten und entwickeln eine kollektive Gleichgültigkeit, die eben seelenlos ist. Fazit: Nicht nur für die Bürgerrechte kämpfen (das natürlich auch!), sondern auch bei sich selbst anfangen!

  4. [...] Chris aus Magdeburg hat einen sehr schönen und ausführlichen Kommentar zu Wir abgegeben, auf den ich unbedingt hier noch mal hinweisen will, denn er zeigt sehr schön, dass die Gefahr des Totalitären und des Überwachungsstaates schon in der Demokratie selbst steckt. Diese Überlegungen sind sehr interessant! [...]

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