Gewohnheiten

Wenn man in einer Großstadt wie Berlin mit ausgeprägtem ÖPNV an einem bestimmten Tag zur gleichen Zeit – vorzugsweise in den frühen Morgenstunden – immer den gleichen Weg zurücklegt, zum Beispiel um zur Arbeit zu gelangen, begegnen einem jedes Mal dieselben Zeitgenossen. Man kann sogar seine Uhr nach ihnen stellen. So war ich heute drei Minuten früher unterwegs und der rauchende Mann an der Mauer lehnte dort noch nicht, obwohl er sonst immer genau an der Stelle eine Zigarette raucht. Möglicherweise ist er auch seinem Laster erlegen, denn Rauchen soll gefährlich sein; der Riese, der mir am Ende der Bülowstraße entgegen kommt, stand heute noch auf der anderen Seite der Yorckstraße. Da es sich wirklich um einen außerordentlich großen Menschen handelt, habe ich bei dieser Begegnung immer das Gefühl eines Déjà-vu; dann folgt der Zeitungsmann und die Bäckerei… ich kaufe eine belegte und eine unbelegte Schrippe, und schon bin ich an der S-Bahn Berlin, wo ich mit den gleichen Leuten wie das letzte Mal zum Bahnhof Berlin-Südkreuz fahre. Im Zug sitzt mir jetzt der gleiche Mann gegenüber, der dort auch neulich schon saß. Gut, dass ich nur an einem Tag in der Woche (und das auch nicht jedes Mal) eine solche Routine absolviere. Sie hat zwar etwas Heimeliges, aber wenn täglich das Murmeltier grüßt, hat das auch etwas Erschreckendes: Man hat das Gefühl, in der Matrix gefangen zu sein.

5 Responses to “Gewohnheiten”

  1. wetter says:

    Dieser Umstand ist mir zu Schulzeiten aufgefallen, in denen ich aus Bequemlichkeit für zwei Stationen immer den gleichen Bus benutzt habe. Aber vergiss nicht, dass Du für sie Teil desselben Schauspiels in ihren Köpfen bist.

  2. maha says:

    stimmt… was kann man da tun? Eines Morgens mal ‘ne Pappnase aufsetzen?

  3. FloSch says:

    Mein MP3-Player hat mir gerade ein sehr passendes Musikstück aus dem Film “Good Bye Lenin” serviert, The Decent Session von Yann Tiersen. Das hat die lustige Beschreibung dieses Phänomens noch verbessert :)

    Mir geht’s aber auch immer wieder so, wenn ich zu den immer gleichen Zeiten fahre (Veranstaltungen in der Uni sind halt jede Woche zur selben Zeit). Jedes Mal das selbe Schauspiel. Manche Leute trifft man da so regelmäßig, dass es schon fast gespenstisch ist.

  4. maha says:

    Ich hab zwar einiges von Yann Tiersen, aber The Decent Session kenn ich nicht, hat der nicht sonst eher französische Titel?

  5. Gerd says:

    Sehr schön geschrieben und beobachtet…gefällt mir gut, was du schreibst.

    Kommt mir manchmal auch sehr bekannt vor.

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