Archive for October, 2007

Verdi-Requiem

Monday, October 8th, 2007

Gestern war ich nach langer Zeit mal wieder in der Berliner Philharmonie, aber nicht um die Berliner Philharmoniker zu hören, denn es spielte die Konkurrenz: das Konzerthausorchester Berlin. Zusammen mit dem Philharmonischen Chor, der Berliner Singakademie und Solisten brachte es das Verdi-Requiem zur Aufführung. Es war das erste Mal, dass ich dieses Requiem gehört habe und ich war sehr beeindruckt. Die Musik ist schon gewaltig, besonders im Dies irae. Man hat allerdings bei Giuseppe Verdi weniger den Eindruck eines Klangteppichs wie bei Richard Wagner, der somit moderner wirkt (obwohl die beiden ja Zeitgenossen waren). Dennoch zieht Verdi in seinem Requiem alle Register. Es ist monumentale Musik und sehr hörenswert.

Obwohl ich auf den letzten Drücker eine Karte bekommen hatte und auf einem so genannten Sonderplatz saß, waren der Ausblick und die Akustik fantastisch. Ich hatte das Orchester und den Chor direkt unter mir und konnte alles überblicken. Meine Sitznachbarn waren alle selbst Musiker und so konnte ich auch von ihrem bedeutungsvollen Mienenspiel und den Anmerkungen am Schluss profitieren, die meine Eindrücke bestärkten: Chor und Orchester waren ausgezeichnet, die Solisten weniger. Besonders beim Dies irae wirkte der Bass manchmal leicht unsicher auf mich und schien einmal einen Tick zu schnell zu sein, beim Agnus Dei kamen die Solistinnen mindestens einmal aus dem Takt, was auch meine Nachbarn deutlich bemerkten.

Insgesamt hinterließ das Konzert bei mir einen überwältigenden Eindruck. Ich habe mir auch gleich das Philharmonieprogramm mitgenommen. Ich sollte auf jeden Fall öfter in Konzerte gehen, zumal wenn man wie ich ein so schönes und akustisch gelungenes Konzerthaus wie die Philharmonie fast vor der Haustür hat.

Gay Photo Award, Marathon & Marathon Man

Thursday, October 4th, 2007

Am letzten Wochenende war in Berlin mal wieder Berlin-Marathon, also eins dieser Großereignisse, die den regulären Ablauf des Großstadtlebens versuchen, aus der Bahn zu werfen, was bis zu einem gewissen Grad auch gelingt. Ich will hier aber nicht meckern, denn ich freue mich natürlich, in einer Stadt zu leben, in der solche Großereignisse stattfinden. Schließlich machen solche Ereignisse Berlin ja auch noch anziehender, als es eh schon ist.

Am Sonnabend wurde ich auf der Fahrt zur Verleihung des Gay Photo Award schon ziemlich ausgebremst – durch Menschenmassen, die sich durch den Mäusetunnel zwischen den Bahnsteigen des U-Bahnhofs Stadtmitte zwängten. Schließlich war ich aber (im Gegensatz zu den Autofahrern) doch einigermaßen pünktlich in der Galerie Laine-Art, wo das Ereignis stattfand. Die geringere Teilnahme war sicher auch dem Marathon geschuldet, aber der Abend war sehr gelungen, die erstplatzierten Fotos waren richtig gut und die Preisträger hübsch. ;-) Gut hat mir auch der musikalische Beitrag der Berliner Jazz- und Impro-Sängerin Birgit Breuer gefallen. Nach der Veranstaltung bin ich etwas erschöpft quer durch die übervolle Hauptstadt nach Hause gefahren und hatte dabei völlig eine Party vergessen, zu der ich eigentlich wollte. Manchmal ist in Berlin eben doch zu viel los.

Am Sonntag war dann wieder ein Filmabend angesagt: Bei Kürbissuppe und Sangiovese (aus der Provinz Chieti) gab es passend zum Thema des Wochenendes den Filmklassiker Marathon Man. Der Film wirkt nach über dreißig Jahren schon ziemlich angestaubt. Man sieht auch wenig von Manhattan, was bedauerlich ist, denn ich hätte gern das 1973 noch in Bau befindliche World Trade Center gesehen. Dafür konnten wir im Anschluss an den Film noch Einblicke in das Berlin der fünfziger Jahre werfen – mit dem Film Berlin – Ecke Schönhauser, einem nach heutigen Maßstäben etwas seltsam anmutenden DEFA-Film mit schönen historischen Ansichten der Schönhauser Allee.

Promotion auf Niederländisch

Tuesday, October 2nd, 2007

Heute habe ich an einer Promotion an der Universiteit van Amsterdam teilgenommen. Das geht in den Niederlanden alles sehr zeremoniell zu (wer Niederländisch kann, erfährt mehr unter Wetenschappelijke promotie in der niederländischen Wikipedia). Die Professoren (hoogleraren) treten hier bei solchen Gelegenheiten im Talar auf, was der ganzen Veranstaltung einen bunten Charakter gibt. Der Ablauf ist genau geregelt: um 10.15 betrat die Kommission den Saal – angeführt vom Pedell mit dem Universitätszepter –, dann begann die Verteidigung. Mir kam die Ehre zu, die erste Frage stellen zu dürfen, dann folgte die Antwort des Kandidaten, dann stellte der nächste Opponent seine Frage usw. Nach genau 45 Minuten kam der Pedell, der übrigens eine Frau war (sagt man da: Pedellin?), wieder herein und rief „Hora est!“ Daraufhin zog sich die Kommission zur Beratung zurück. Eine riesige lateinische Urkunde wurde ausgefertigt und in einen großen roten Kasten gesteckt, der an eine Torarolle erinnerte. Dann ging es zurück in den großen Saal. Dort gab es eine Laudatio von den beiden Doktorvätern und die Rolle wurde übergeben („Kein Händeschütteln!“ war vorher angeordnet worden). Anschließend mussten wir über eine enge Wendeltreppe nach unten gehen (was mit einem langen Talar leicht zu einem gewissen Risiko wird, zumal man nicht gewohnt ist, damit eine Treppe hinabzusteigen), um dann bei einem Empfang endlich dem erfolgreichen Doktor gratulieren zu dürfen.

Ich fand die Zeremonie sehr interessant, weil sie für mich ganz neu war. Ein bisschen bedauere ich, dass es das in Deutschland nicht gibt. Mit der Parole Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren hat die deutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre für die Abschaffung solcher Riten gesorgt. Die Frage ist bloß, warum man das nicht mehr wollte, denn für einen Doktoranden ist es eher wünschenswert, wenn seine oder ihre Leistung festlich gewürdigt wird; durch den Verzicht auf Äußerlichkeiten ändert sich an den Machtstrukturen an einer Universität nicht das Geringste. Ich denke, es liegt daran, dass die Professoren sich nach der 68er-Bewegung einfach „modern“ geben wollten, ohne es in allen Fällen wirklich zu sein.