Tempelhof

Heute findet der erste Volksentscheid in Berlin seit der entsprechenden Verfassungsänderung statt. Es geht um den Flughafen Tempelhof: Der Senat von Berlin hatte die Schließung beschlossen, weil sie eine Voraussetzung war für den Ausbau des Flughafens Berlin-Brandenburg-International (in offizieller englischer Orthografie ohne die im Deutschen erforderlichen Bindestriche). Flughafenbefürworter haben daraufhin über ein Volksbegehren den heutigen Volksentscheid durchgesetzt. Ihre Argumente kann ich nicht nachvollziehen:

  • Die Mehrheit der Berliner sei für den Erhalt des Flughafens: Das ist natürlich ein Scheinargument, denn das wird ja erst im Volksentscheid ermittelt, und mit der Masse zu schwimmen sollte keine Tugend sein.
  • Die Aufgabe des Flughafens zerstöre Arbeitsplätze: Dafür schafft dann eben der Flughafen BBI neue, zumal die auch in Brandenburg viel eher gebraucht werden; außerdem sind sie auch für Berliner erreichbar.
  • Tradition
  • Die Aufgabe eines Innenstadtflughafens mache Berlin provinziell, da auch andere große Städte einen Innenstadtflughafen hätten. Auch hier liegt ein Scheinargument vor: Provinzialität misst sich nicht an Flughäfen; zudem grenzt Schönefeld direkt an Berlin und ist – im Gegensatz zum Münchner Flughafen – problemlos in einer Viertelstunde vom Stadtzentrum aus erreichbar.

Viel schwerer wiegen die Gegenargumente:

  • Ein innerstädtischer Flughafen bringt lästigen Fluglärm in die Stadt; ich selbst habe darunter gelitten, als ich noch in Friedenau wohnte.
  • Die Einflugschneisen über Wohngebiete bergen ein erhebliche Risiken.
  • Der Flughafen ist unrentabel.
  • Die Beibehaltung des Flughafens könnte zu einem Ausbaustopp beim Flughafen BBI führen (das wäre zwar gut für die dortigen Anwohner und die Natur, aber schlecht für Berlin).
  • Anstelle des Flughafens könnte hier das Tempelhofer Feld mit einem Park und einer Gartenstadtsiedlung neu entstehen. Zudem würde das Flughafenmuseum zu einem Museum, das an den Flughafen und die Berliner Luftbrücke erinnern soll; das wäre eine vernünftige Art, mit Geschichte umzugehen.

Ich vermute mal, die Flughafen-Befürworter werden sich nicht durchsetzen. Das ist aufgrund der oben angeführten Argumente auch zu hoffen.

8 Responses to “Tempelhof”

  1. Chris says:

    Bei dir zeigt sich wieder das große Problem der ganzen Diskussion: Auf beiden Seiten werden einfach falsche Argumente gebracht. Bitte zeige mir mal, wie du in 15 Minuten von Schönefeld nach Mitte kommst. Für jemanden, der jeden Tag ne halbe Stunde in der S-Bahn nach Adlershof sitzt (weit VOR Schönefeld) ist die Aussage ‘ne Farce. Zwar sollen _irgendwann_ (kein Baustart bekannt) über die Dresdner Bahn Züge in 20 Minuten am Hauptbahnhof sein, aber wann das ist ist unklar und bis man an seinem Ziel ist, braucht man 100%ig länger.

    Du widerlegst einige der sinnlosen Argumente der Flughafen-Befürworter, bringst aber genausoviel falsche wieder. Das ist das traurige.

    Keine Frage, dass einige andere Flughäfen weiter weg sind als der BBI, aber BBI ist nun wirklich kein naher Flughafen, er liegt international irgendwo im Mittelfeld (siehe Flughafen Frankfurt). Mich nerven in solchen Diskussionen echt diese Scheinargumente. Bei dir hatte ich die nicht erwartet: Die Arbeitslosigkeit im Landkreis Dahme-Spreewald (wo Schönefeld liegt) ist 4,8 Prozentpunkte geringer als in Berlin (oder über 30% niedriger!). Natürlich sind die Arbeitsplätze da wichtiger (hä??).

    Und das Argument, dass Berlin unbedingt einen weiteren Park braucht ist für mich in etwa auf Augenhöhe mit dem “Tradition”-Argument der Befürworter.

    Schade, dass du dich anscheinend auch von vielen Diskussionen leiten lassen hast, ohne dich 100%ig zu informieren.

  2. maha says:

    Laut Fahrplan der DB benötigt man 18 Minuten mit dem Regionalexpress vom Ostbahnhof nach Schönefeld. Das dürfte durchaus noch unter den Begriff “Viertelstunde” fallen. Ich gebe zu, dass ich das kürzer in Erinnerung hatte, da ich diese Strecke noch aus der Zeit kenne, als man mit dem ICE über Ostbahnhof-Schönefeld nach Bayern gefahren ist, aber ehrlich gesagt möchte ich jetzt nicht um drei Minuten streiten. Es sei also hiermit richtig gestellt: Man benötigt 18 Minuten vom Ostbahnhof nach Schönefeld. Das ist nun wirklich mit München nicht vergleichbar.

    Zur Arbeitslosigkeit: Laut Berliner Statistik gibt es in Berlin eine Quote von 16,5 Prozent. Die Brandenburger Statistik weist etwa 20 Prozent aus. Das war der Rahmen, von dem ich ausgegangen bin. Dass die Situation in Dahme-Spreewald günstiger aussieht, mag ja sein (liegt vielleicht auch am Flughafen, an der Speckgürtellage und daran, dass Dahme-Spreewald nennenswerten Tourismus hat), aber Brandenburg hat aufgrund seiner Infrastruktur eher arbeitsplatzpolitische Maßnahmen nötig als eine Großstadt.

    Zum Park: Die Nutzung einer Fläche als Park und Wohngebiet ist aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Perspektive auf jeden Fall einer Flughafenbrache vorzuziehen.

    Die Hauptargumente sind meines Erachtens: die Fluglärmbelastung, das hohe Risiko innerstädtischen Flugverkehrs, die Unrentabilität des Flughafens und die Bindung des BBI-Ausbaus an die Schließung der innerstädtischen Flughäfen.

  3. fireball says:

    Ohne mich mit dem Thema wirklich tiefgründig auseinander gesetzt zu haben: für das Hauptproblem an der ganzen Sache halte ich die Scheinargumentationen beider Seiten und die auf Emotionalisierung ausgelegte Debatte.

    Denn wenn man sich die Statistiken anschaut gab es wohl erst einen nennenswerten Flugunfall mit Personenschaden in Tempelhof, was das Sicherheitsargument zwar nicht völlig entkräftet, aber in seiner Bedeutsamkeit doch sehr einschränkt. (Zumal in Tempelhof eh nur kleinere Maschinen landen.)
    Das finanzielle Argument zieht auch nicht mehr, wenn man bedenkt, dass das Gebäude der größte Posten bei der Finanzierung ist, und dieses eh erhalten bleiben muss, da es unter Denkmalschutz steht.
    Die Lärmbelästigung der Anwohner mag vorhanden sein, allerdings werden, wenn diese wegfällt, aller Wahrscheinlichkeit nach die Mieten erheblich steigen. Fragt sich, was die Anwohner dann davon halten.

    Außerdem müsste eine Entscheidung für Tempelhof ja nicht direkte Konkurrenz zu BBI bedeuten, da den Statistiken nach BBI wohl schon nach Fertigstellung voraussichtlich an der Kapazitätsgrenze arbeiten wird und die kleinen Maschinen, die dann auch in BBI landen müssen, wertvolle Slots blockieren.

    Ganz interessant dazu ist auch die Meinung eines Piloten, zu hören in ChaosRadioExpress 85. (Einfach auf ca. 1:30h vorspulen)

    Nunja, sollte Wowereit nicht noch eine Kehrtwende um 180° machen ist die Sache aber wohl eh gelaufen. – Nebenbei finde ich, dass sich gute 21% aller Berliner – also über 500.000 Bürger – für den Erhalt ausgesprochen haben eine bemerkenswerte Zahl. Besonders, wenn man bedenkt dass wir 40.000 Unterzeichner einer Verfassungsbeschwerde in ganz Deutschland schon als großen Erfolg feiern.

  4. Keks says:

    @Chris: Ob nun 15 oder 20 Minuten von Mitte aus, Fakt ist, dass BBI am Stadtrand von Berlin liegt und schnell zu erreichen ist. Man darf nicht vergessen, dass Berlin riesig ist, flächenmäßig passen da München, Frankfurt und Stuttgart zusammen locker rein. Da ist klar, dass man von der Stadtmitte aus an den Stadtrand länger benötigt als in einer der anderen Städte. Und trotzdem ist man schneller in Schönefeld, da es eben so schön dicht liegt. Von Köpenick oder Weißensee aus braucht man jetzt auch Ewigkeiten, bis man in Tegel oder Tempelhof ist.

    Und bzgl. der Arbeitsplätze: Natürlich wird sich da was verschieben. Es kann nicht überall Gewinner geben. Aber unterm Strich werden es sicherlich nicht weniger Arbeitsplätze, ich gehe sogar von mehr aus. Zudem kann das Tempelhofer Feld ja nicht nur als Erholungs- und Wohngebiet, sondern auch für Gewerbeflächen genutzt werden.

    @fireball: Sicherheitstechnisch haben innerstädtische Flughäfen immer einen Nachteil. Und die vielen kleinen Flugzeuge in Tempelhof bringen ja gerade zusätzliches Risiko, zudem die teilweise fehlenden Sicherheitseinrichtungen in Tempelhof (wenn ich es recht in Erinnerung habe, fehlen Bodenradar und weite Auslaufzonen).

    21% ist zwar ein deutlicher Wert, aber trotzdem eine Minderheit, denn 79% haben sich (trotz der riesigen Kampagne) dagegen ausgesprochen oder sich enthalten (bzw. sich durch die Enthaltung dagegen ausgesprochen, weil die Befürworter behauptet hatten, dass jemand, der nicht abstimmen geht, mit “Nein” stimmt, was so nicht ganz korrekt war). Und das finde ich auch eine bemerkenswerte Zahl.

    Liebe Grüße, Keks
    http://www.blitztarif.de

  5. maha says:

    @Keks: Danke für die Klarstellung! Ich bin voll und ganz deiner Meinung.

  6. AndreasP says:

    Ich find’s trotzdem schade. Am größten Gebäude Europas (oder was auch immer) mit dem fabelhaftesten Linoleumboden der Welt zu landen war immer erheblich schöner als in all den anderen gesichtslosen Zweckbauten. Und die Friedrichshafener Morgenmaschine landete immer so, dass man zu Fuss (!) in angemessener Zeit in die Innenstadt schlendern konnte, dabei das verschlafene Kreuzberg erwachen sah und auch noch 2,10 für das U-Bahn-Ticket sparen konnte…

  7. AndreasP says:

    PS: Das erste, was Berlin ja nun vom großartigen internationalen Flughafen hat, ist, dass der Airport klammheimlich nicht mehr zum Tarifbereich B gehört. Na super. Bald kommen dann wohl noch fiese Strafgebühren wie z. B. in Madrid oder Newark hinzu (dort ist die Reise zum Flughafen viel teurer als eine weitere auf der gleichen Bahnlinie). Und plötzlich will auch der kleine Mann auf der Straße schon aus Wettbewerbszwecken dann den guten alten THF wieder haben, nur ist’s dann zu spät.

  8. maha says:

    @AndreasP: Ja, ich kann das mit Friedrichshafen nachvollziehen. Ich hab den Flug auch mal gemacht und das auch so erlebt. Ich könnte auch zu Fuß vom Tempelhofer Flughafen nach Hause gehen. Aber deshalb muss ich ja nicht für den Flughafen sein (unter dem Fluglärm habe ich in meiner damaligen Friedenauer Wohnung auch gelitten). Die Strafgebühren sind natürlich ein Unding! Aber ich hoffe, dass da bald mal ein verkehrspolitisches Umdenken einsetzt. Im Grunde müssten die Preise für öffentliche Verkehrsmittel drastisch reduziert werden, um die Leute vom Auto wegzubekommen.

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