Primer

In der letzten Woche habe ich den Film Primer (film) gleich zweimal gesehen, der möglicherweise schon jetzt für mich der Film des Jahres 2009 ist (obwohl er schon 2004 erschienen ist, aber von mir leider erst jetzt entdeckt wurde). Der Film ist nicht so leicht zu verstehen, und man muss ihn wohl mindestens zweimal sehen. Hilfreich ist vor allem der Artikel über den Film in der italienischen Wikipedia, weil dort die verschiedenen Zeitläufte sehr übersichtlich aufgelistet werden (unübersichtlicher ist eine englischsprachige Darstellung).

Keine Angst, ich werde hier nicht zu viel über den Film verraten; nur soviel: es geht um Zeitreisen, so ein bisschen im Stil der von mir sehr geschätzten Geschichten von Alfred Bester (in den Kritiken wird Robert Heinlein genannt – insbesondere seine Bootstrap-Geschichte –, aber Besters Geschichten treffen es eher). Die Zeitmaschine ist sehr realistisch: Das Besondere besteht darin, dass man sie zu einem Zeitpunkt A einschalten muss, dann zu einem Zeitpunkt B in sie einsteigen muss, um dann nach einem Zeitraum der Länge B-A wieder bei A aussteigen kann, um dann den Zeitraum von A bis B noch einmal zu durchleben. Während der Zeit gibt es einen dann zweimal. Die Wikipedia-Skizze veranschaulicht das sehr schön.

Wie immer ergeben sich aus so einer Konstellation eine Reihe von Zeit-Paradoxien, die im Film diskutiert werden: Was passiert, wenn der Zurückgereiste mit seinem „Original“ interagiert? Das Problem ist ja als Großvaterparadoxon schon häufiger diskutiert worden und wird hier sehr pragmatisch (meiner Ansicht nach zu pragmatisch) angegangen. Eine sehr interessante Besprechung des Films (von Jason Gendler) ist der Meinung, man könne mit der im Film gezeigten Zeitmaschine nie weiter zurückreisen, als bis zum Startzeitpunkt der ersten Zeitmaschine, was zunächst einmal einleuchtet, da man immer nur zu dem Zeitpunkt zurückreisen kann, zu dem man eine Maschine eingeschaltet hat. Was der Autor jedoch übersieht, ist die Rekursivität, die meines Erachtens im Film angesprochen wird (an einer Stelle geht es darum, eine Zeitmaschine in eine Zeitmaschine zu stecken): Wenn eine Person zum Zeitpunkt A zwei Zeitmaschinen (Z1 und Z2) einschaltet und dann zum Zeitpunkt B Z2 in Z1 steckt und selbst auch zu A zurückreist (was wieder eine Dauer von B-A hat), kann diese Person zum Zeitpunkt A Z2 betreten und mit Z2 über eine Zeitspanne von 2x B-A zurückreisen. (Es ist offensichtlich, dass man auch innerhalb der Zeitmaschine normal weiteraltert).

Jetzt sind bestimmt alle Leser meins Blogs komplett verwirrt – egal ob sie den Film kennen oder nicht. :-) Bleibt noch zu bemerken, dass ich nicht glaube, dass Rechtshänder beim Zeitreisen zu Linkshändern werden (und umgekehrt), wie Andrew Bacon in einem Blogartikel annimmt. (Wenn die Hirnhemisphären wechseln, müsste es noch mehr Nebeneffekte geben als blutende Ohren und undeutliches Schreiben. Andrews Idee ist aber sehr originell!)

Der Film ist übrigens auch deshalb so gut, weil seine Form (insbesondere der Filmschnitt) mit dem Inhalt korrespondiert (wie man in Jason Gendlers bereits erwähnter Besprechung nachlesen kann). Die sparsam eingesetzte Musik ist übrigens auch sehr schön.

Wer den Film jetzt (wieder) sehen will, kann das ganz legal (wieder und wieder) bei Google Video tun (“for free as in free beer”). Viel Spaß!

9 Responses to “Primer”

  1. Peter says:

    Wow der Film ist wirklich faszinierend. Habe ihn jetzt einmal gesehen, aber ein zweites mal ist schon fest eingeplant :-) Sehe ich das richtig, dass es den nicht auf deutsch gibt? Schade, das wäre dann vielleicht weniger verwirrend.

    Deine These “2x B-A” ist interessant, wird aber meiner Meinung nach nicht funktionieren. Du musst ja so lange in der Box ausharren, wie diese in Betrieb war, damit du nicht irgendwo zwischen den Zeitpunkten A und B aussteigst. Du musst also in Z2 den Zeitraum 2x B-A ausharren und kommst damit wieder bei A raus. Denn während Z2 innerhalb von Z1 zurückreist, wirst du innerhalb von Z2 wieder vorwärts reisen. Denn zweimal rückwärts ergibt wieder vorwärts.
    Du kannst nur zu den Zeitpunkten A oder B aussteigen, ohne Schaden zu nehmen. Durch Verschachtelung der Zeitmaschinen verlängerst du nur unnötigerweise die Wartezeit. In jedem Fall steigst du aus einer Kiste aus. Und diese hat vor der ersten Kiste noch nicht existiert.

    Was ich nicht ganz verstanden habe (vielleicht hab ichs auf englisch nicht mitbekommen), ist warum der Einsteigende nicht mit dem Aussteigenden zusammenprallt. Oder kommt der doch nicht genau bei A heraus, sondern etwas später?

    Was ich allerdings sehr überzeugend finde, wenn ich so darüber nachdenke, ist dass der Apparat ursprünglich dazu gedacht war das Gewicht des Inhalts zu verringern. Denn ich hab mich grad gefragt, ob man nicht feststellen kann, ob schon jemand in der Box sitzt. Man könnte die ja auch wieder abschalten ohne einzusteigen. Oder wie war das mit der Kamera in der Box? Da muss ich beim zweiten mal besser drauf achten.

    Viele Grüße und danke für den Filmtip!
    Peter

  2. maha says:

    Nein, den Film scheint es auf Deutsch nicht zu geben. Bezüglich der Rekursivität habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt: Du nimmst die Z2 einfach in eingeschaltetem Zustand mit, ohne in ihr zu sein, d.h. du bist in Z1. Nach dem Aussteigen aus Z1 steigst du in die zurückgereiste Z2 ein und müsstest jetzt an den Einschaltzeitpunkt von Z2 zurückreisen, der in der Vorvergangenheit liegen sollte.

    Zusammentreffen von Ein- und Aussteigendem: Das kann nicht passieren, denn man steigt ja erst zum Zeitpunkt B ein, während man zum Zeitpunkt A (dem Einschaltzeitpunkt) aussteigt. Man kann also nur zum Zeitpunkt A aufeinandertreffen, deshalb ja der Vorlauftimer im Film.

  3. Peter says:

    Ok der Einschaltzeitpunkt von Z2 liegt aber genau wie der von Z1 bei A. Ich nehme an, dass du mit Z2 über Punkt B weiter zu Punkt A reist. Denn das ist der “Weg” den Z2 andersherum zurückgelegt hat, also der Zeitstrang den Z2 erlebt hat.

    Stimmt da war was mit nem Vorlauftimer. Da werd ich beim nächsten mal besser aufpassen.

    Vielleicht wurde das auch im Film besprochen, aber was passiert mit der Zeitmaschine nachdem jemand eingestiegen ist? Der müsste ja augenblicklich (falls man das so sagen kann) schon bei A ausgestiegen sein. Also ist sie im ursprünglichen Zeitstrang wieder frei. Dann könnte doch zu einem späteren Zeitpunkt C wieder jemand einsteigen und auch zu A reisen. Das würde auch die failsafe Maschine überflüssig machen.

    Brrr, bevor ich mir da weiter Gedanken drum mache, muss ich den Film erst ein zweites mal gucken!

  4. maha says:

    Also ich meine das mit der Rekursivität so: Z1 und Z2 werden zum Zeitpunkt A eingeschaltet, zum Zeitpunkt B besteigt man Z1 und nimmt Z2 mit zum Zeitpunkt A, Z2 ist dann schon 2x(B-A) gelaufen (einmal von Zeitpunkt A bis Zeitpunkt B und die gleiche Zeit noch mal in der Zeitmaschine). Wenn man jetzt in Z2 einsteigt, kann man eigentlich nur (da sie die Zeit umkehrt) nur von Zeitpunkt A weiter zurück in die Vergangenheit reisen, nämlich zu einem Punkt der 2x(B-A) weiter zurückliegt.

    Ja, es wird darüber spekuliert, ob die Maschine nur einmal genutzt werden kann, was sich aber als falsch herausstellt. Nein, der Zeitreisende steigt nicht augenblicklich bei A aus, sondern erst nach der Zeitspanne B-A, genau nach dieser Zeit ist die Maschine dann wieder frei (Zeitpunkt C), muss aber wohl auch neu initialisiert werden, denn sonst könnte man ja tatsächlich von C zu A zurück und die Failsafe-Maschine wäre überflüssig.

    Der Film hat eine erschreckend starke Logik. :-)

  5. Peter says:

    Das mit der Rekursivität habe ich soweit verstanden. Ich bin aber der Meinung, dass für Z2, genau wie für den Zeitreisenden, die Vergangenheit in der letzten Zeitreise mit Z1 liegt. Denn da sind sie gerade ausgestiegen, das haben sie zuletzt erlebt. Also gehts mit Z2 auch dorthin zurück.

    Für einen Beobachter bei B müsste die Maschine sofort wieder frei sein, wenn er jemanden einsteigen sieht. Denn der Reisende kann nicht nach B noch in der Maschine sein. So meinte ich das. Danach kann die doch auch abgeschaltet werden, ohne dass der Zeitreisende beeinträchtig wird.

  6. maha says:

    Rekursivität: Das müsste man experimentell überprüfen. :-) Dass es wirklich zum Einschaltzeitpunkt von Z2 auf der verlassenen Zeitachse zurückgeht, halte ich für unplausibel, weil die Zeitkrümmung mithilfe von Z1 in Z2 nicht eingehen kann. Möglicherweise entsteht eine neue Zeitachse.

    Ist die Maschine sofort wieder frei? Das könnte sein, wird aber im Film anders diskutiert (es wird gefragt, ob Thomas Granger noch in der Maschine ist).

  7. Peter says:

    Um mal dieses alte Thema wieder aufzuwecken…
    Da hat wohl jemand aufgegeben den Film zu verstehen :-)
    http://xkcd.com/657/

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