Archive for October, 2009

Ideen zur Wikipedia

Sunday, October 25th, 2009

Nachdem sich nun alle möglichen Leute zur Relevanzdiskussion in der Wikipedia äußern, möchte ich als langjähriger Wikipedianer und Inkludist auch mal meine Meinung kundtun. (Die besseren deutschen Termini sind Inkludist und Exkludist, während inclusionist/exclusionist englische Bezeichnungen sind, die man nicht einfach ins Deutsche übertragen sollte, da dort andere Ableitungsprinzipien gelten.)

Meine Meinung zum Exkludismus habe ich ja schon mal im Chaosradio geäußert und Leon bringt es schön auf den Punkt: Unter Exkludismus leidet immer die Gesamtqualität der Wikipedia, während unter Inkludismus bestenfalls die durchschnittliche Qualität der Wikipedia-Artikel leiden kann. Ich finde es zum Beispiel sehr schlimm, dass ein kulturelles Phänomen wie der Tschunk einfach für irrelevant erklärt und dem enzyklopädischen Vergessen anheimgestellt wird. Das widerspricht geradezu dem Wort Enzyklopädie, das ja umfassende Lehre oder Bildung bedeutet. Wo – wenn nicht in der Wikipedia – soll man so etwas finden? Pavel hat ja schon die Absurdität der Relevanzkriterien deutlich angeprangert. Dass da Handlungsbedarf besteht, ist kaum zu bezweifeln. Die Löschung von Tschunk, nachdem dieses Lemma bereits einen Löschversuch überstanden hat, zeigt auch, dass das Argument falsch ist, dass Relevanz in der deutschen Wikipedia nicht verjähre.

Zudem sollten aus Relevanzgründen gelöschte Artikel für alle Nutzer zum Beispiel in einem besonderen Namensraum zugänglich bleiben, denn ein Artikel wie Tschunk ist kaum ausbaubar, wenn man ihn nur unter großen Schwierigkeiten überhaupt findet. Und wenn eine Schule – aus welchen Gründen auch immer – an Relevanz gewinnt, möchte man vielleicht auf Vorarbeiten zurückgreifen. Ich muss allerdings sagen, dass ich kaum verstehen kann, warum Schulen an sich irrelevant sein sollten, und über freiwillige Feuerwehren möchte ich lieber in der Wikipedia etwas lesen als auf herbeigegoogleten Seiten. Auch die Geschichte eines 120 Jahre alten Landgasthauses macht die Wikipedia noch nicht zu einem Restaurantführer. Hier zeigt sich wieder, dass Relevanz keine Eigenschaft von Lemmata ist (weshalb die meisten Relevanzkriterien eigentlich irrig sind), sondern damit zu tun hat, wie viel und was über ein Lemma geschrieben wird. Wikipedia wird nur dann zu einem „Verzeichnis“, wenn Lemmata aufgenommen werden, über die keine interessanten Artikel geschrieben werden. Und ich finde es ausgesprochen schade, dass ich zu bestimmten Themen regelmäßig auf die englische Wikipedia zurückgreifen muss (zum Beispiel wenn es um Filme geht, die demnächst ins Kino kommen). Das ist letztlich eine Provinzialisierung der deutschen Sprache, vor der ich als Sprachwissenschaftler nur warnen kann. Wie Leser der deutschen Wikipedia kulturell in die Irre geführt werden, zeigt sehr schön die Suche nach den Morlocks in der deutschen, englischen, französischen und portugiesischen Wikipedia. Die entscheidenden Morlocks fehlen in der deutschen Wikipedia – vermutlich aus Relevanzgründen.

Ich habe noch einen sehr radikalen Vorschlag zur Lösung der Löschproblematik, auf dessen Durchsetzbarkeit ich mir allerdings keine Hoffnungen mache: Ich schlage vor, die Administratoren abzuschaffen. Schon jetzt gibt es die Möglichkeit, dass fleißige Wikipedianer Artikel „sichten“ können; dabei könnte man ihnen auch gleich die Administrator-Schaltflächen geben. Dann entstünde eine ganz neue Situation: Die Zahl der „Admins“ (die dann nicht mehr so hießen) wäre größer und direkt bzw. automatisch an die Intensität der Mitarbeit gebunden. Die beobachteten konservativen Tendenzen der jetzigen Admins würden wahrscheinlich verschwinden. Da nun jeder, der unangenehm auffiele, seinen Zugriff auf die entsprechenden Schaltflächen verlöre, ist zu erwarten, dass insgesamt zurückhaltender vom Löschen und Sperren Gebrauch gemacht würde, wobei es natürlich ein Löschen aus Relevanzgründen eigentlich gar nicht mehr gäbe (weil da nur noch in den Namensraum: „auszubauen“ verschoben würde). Das wäre doch einen Versuch wert!

Das Löschen von Artikeln ist immer sehr frustrierend für die Leute, die Arbeit darein gesteckt haben. Daher halte ich die Verschiebung in einen besonderen Namensraum für sinnvoller, denn dann kann an dem entsprechenden Artikel weitergebaut werden, bis er ansehnlich und/oder aus anderen Gründen plötzlich an Relevanz gewinnt. Zwei Dinge sollten verhindert werden: Das Entstehen von Machtstrukturen und das Frustrieren von aktiven Autoren, denn beides kann sich eine Quelle freien Wissens nicht erlauben. Daher besteht jetzt auch dringender Handlungsbedarf, der erstaunlicherweise von manchen nicht gesehen wird.

Datenspuren in Dresden

Tuesday, October 13th, 2009

Dresden

Am ersten Oktoberwochenende fanden in Dresden mal wieder die Datenspuren statt. Das ist eine schöne kleine Veranstaltung des Chaos Computer Clubs Dresden (C3D2) über Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung usw. Am Samstag und Sonntag gab es unter dem Titel Privacy off Vorträge und Workshops zu dieser Thematik – zum Teil von eingeladenen Experten, zum Teil von Dresdnern.

Hier ein paar Highlights: Peter Bittners Vortrag Wider das unauslöschliche Siegel über die Entfernung von Fingerabdrücken in Wissenschaft und Literatur war sehr kurzweilig und interessant. Ich konnte mir sogar ein paar Literatur- und Filmempfehlungen notieren. Das Jeopardy über Politikerzitate war auch sehr erhellend. Etwas trockener, aber sehr interessant waren zwei Vorträge über rechtliche Aspekte der Privacy-Thematik.

Statt Workshops zu besuchen, habe ich vor allem das Gespräch mit anderen Teilnehmern gesucht und gefunden. Allerdings sah der Workshop über OpenStreetMap sehr interessant aus.

Insgesamt waren die Datenspuren wie immer sehr besuchenswert. Man muss sich allerdings darauf einstellen, dass das Programm zwischendurch immer mal geändert wird. Das birgt das Risiko, dass man vorher ausgeguckte Vorträge eventuell kurzfristig verpasst, aber letztlich müssen Veranstalter und Teilnehmer einer kleinen Veranstaltung flexibel sein.

Filmwarnung: The Time Machine

Tuesday, October 6th, 2009

Habe vor Kurzem Die Zeitmaschine im englischen Original gelesen und kann The Time Machine sprachlich und inhaltlich sehr empfehlen, besonders weil es dort auch um den Gegensatz von Materialismus und Immaterialismus geht (nur im Buch, nicht in den Verfilmungen!). Jetzt wollte ich natürlich auch die Verfilmung sehen, eigentlich die von 1960, die ich vor vielen Jahren schon mal auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher meiner Großeltern gesehen hatte. Ich konnte mich noch dunkel erinnern, dass Die Zeitmaschine (1960) irgendwie in den Kalten Krieg verlegt worden war und die Eloi immer dann getötet wurden, wenn sie bei Atomalarm in den Bunker gingen, was natürlich für H. G. Wells noch kein Thema war.

Leider bekam ich stattdessen den falschen Film, nämlich die Neuverfilmung von 2002 (The Time Machine (2002)), vor dem ich warnen muss: Das Drehbuch ist furchtbar! Jede Art von tieferer Bedeutung ist einfach herausgefiltert worden. Der Film ist zäh, überhaupt nicht spannend, verstrickt sich in logische Pannen und Rührseligkeiten. Die Filmmusik ist streckenweise übertrieben dominant und unpassend. Komplett unerträglich ist der Film für Linguisten: Alle Personen sprechen amerikanisches Englisch des ausgehenden 20. Jahrhunderts mit zum Teil Westküstenakzent, egal ob es sich um New Yorker Pferdekutscher, Räuber oder Professoren handelt. Und obwohl die Eloi im 802. Jahrtausend eine andere Sprache sprechen, muss der Zeitreisende (im Unterschied zu dem der Buchvorlage) diese nicht lernen, weil sich sofort zwei Dolmetscher finden (der eine davon ein Kind). Sie haben diese 800000-Jahre alte Sprache so perfekt gelernt, dass sie sie mit dem gleichen Akzent sprechen, auch wenn ihnen hier und da mal ein Wort fehlt. Der Ober-Morlock (auch eine Erfindung aus dem verqueren Drehbuch) spricht natürlich auch perfekt Englisch, während die anderen Morlocks offenbar sprachlos sind.

Ich spare es mir, auf alle logischen Brüche des Filmes im Einzelnen einzugehen und empfehle, dieses Machwerk zu meiden! Da empfehle ich lieber das Buch, das als Wikisource-Text und anderweitig frei vorliegt.