Filmwarnung: The Time Machine

Habe vor Kurzem Die Zeitmaschine im englischen Original gelesen und kann The Time Machine sprachlich und inhaltlich sehr empfehlen, besonders weil es dort auch um den Gegensatz von Materialismus und Immaterialismus geht (nur im Buch, nicht in den Verfilmungen!). Jetzt wollte ich natürlich auch die Verfilmung sehen, eigentlich die von 1960, die ich vor vielen Jahren schon mal auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher meiner Großeltern gesehen hatte. Ich konnte mich noch dunkel erinnern, dass Die Zeitmaschine (1960) irgendwie in den Kalten Krieg verlegt worden war und die Eloi immer dann getötet wurden, wenn sie bei Atomalarm in den Bunker gingen, was natürlich für H. G. Wells noch kein Thema war.

Leider bekam ich stattdessen den falschen Film, nämlich die Neuverfilmung von 2002 (The Time Machine (2002)), vor dem ich warnen muss: Das Drehbuch ist furchtbar! Jede Art von tieferer Bedeutung ist einfach herausgefiltert worden. Der Film ist zäh, überhaupt nicht spannend, verstrickt sich in logische Pannen und Rührseligkeiten. Die Filmmusik ist streckenweise übertrieben dominant und unpassend. Komplett unerträglich ist der Film für Linguisten: Alle Personen sprechen amerikanisches Englisch des ausgehenden 20. Jahrhunderts mit zum Teil Westküstenakzent, egal ob es sich um New Yorker Pferdekutscher, Räuber oder Professoren handelt. Und obwohl die Eloi im 802. Jahrtausend eine andere Sprache sprechen, muss der Zeitreisende (im Unterschied zu dem der Buchvorlage) diese nicht lernen, weil sich sofort zwei Dolmetscher finden (der eine davon ein Kind). Sie haben diese 800000-Jahre alte Sprache so perfekt gelernt, dass sie sie mit dem gleichen Akzent sprechen, auch wenn ihnen hier und da mal ein Wort fehlt. Der Ober-Morlock (auch eine Erfindung aus dem verqueren Drehbuch) spricht natürlich auch perfekt Englisch, während die anderen Morlocks offenbar sprachlos sind.

Ich spare es mir, auf alle logischen Brüche des Filmes im Einzelnen einzugehen und empfehle, dieses Machwerk zu meiden! Da empfehle ich lieber das Buch, das als Wikisource-Text und anderweitig frei vorliegt.

7 Responses to “Filmwarnung: The Time Machine”

  1. Paul says:

    Interessant ist auch, dass der Regisseur Simon Wells, irgendein Nachfahre von H. G. Wells, mitten im Film aufgehört hat weil er zu viel stress hatte (oder so). Gore Verbinski hat dann die Actionszene am Ende gemacht, was man auch merken kann, plötzlich ist alles schnell und lustig.

    Ich find den Film gar nicht so schlecht. Ist halt amerikanisches Action-Kino, kann auch Spaß machen. Man sollte es bloß vermeiden, dabei zu viel nachzudenken.

  2. niun says:

    Der Film von 1960 war ganz witzig und gut gemacht. Ich glaube er passt auch gut zu dem Buch, was ich gut in Erinnerung habe. Mein Konsum der beiden Werke ist allerdings schon eine Weile her. Übrigens kann man sich den (alten) Film hier anschauen, wenn man keine großen Ansprüche an die Bildqualität hat:
    http://v.youku.com/v_show/id_XMTE0ODI3ODYw.html

    Stephen Baxter hat übrigens 1995 mit “The Time Ships” eine “Autorisierte Fortsetzung” geschrieben. Soll gut sein. Habe ich aber nicht gelesen.

    Den Film von 2002 habe ich auch mal gesehen. Wenn ich Deinen Blogeintrag lese wundert es mich aber nicht, dass ich mich absolut nicht mehr daran erinnern kann.

    Und wo wir gerade beim Thema Filmwarnung und Zeitreise sind: Michael Crichton hat “Timeline” geschrieben. Das Buch ist ganz nett, da einigermaßen spannend geschrieben. Allerdings ist es ansonsten eher unwichtig. Die Verfilmung von 2003 ist wahrscheinlich die schlechteste Buchverfilmung aller Zeiten. Der Roman ist fast schon wie ein Drehbuch geschrieben, aber für den Film wurden konsequent alle spannenden, interessanten und dramatischen Szenen gestrichen. Dazu sind die Schauspieler schlecht. Geld wurde anscheinend ausschließlich für die Kulisse ausgegeben. In der IMDB steht der Kommentar “Haben die Macher den Roman überhaupt gelesen?” – Schlimmer als Zeitverschwendung.

  3. Lieber Martin,

    da fragste mich das nächste mal vorher, mit schlechten Filmen kenne ich mich aus ;)

    Gruß

    Christopher

  4. maha says:

    @CommodoreSchmidtlepp: werde ich tun!

  5. wuerfel says:

    Das Buch habe ich mir jetzt aus der Bibliothek geholt. Bisher hatte ich nur den alten Film gesehen. Aufgefallen ist mir erst einmal, dass die Erzählung im 803. Jahrtausend spielt (802.701 n. Chr.). Wie das mit der Sprache im Film war, kann ich nicht mehr erinnern. In der Rahmenhandlung sprachen alle deutsch. :-)

  6. wuerfel says:

    Nachdem ich jetzt das Buch (http://www.ipernity.com/doc/deodaro/2817474/in/album/81041) gelesen und den alten Film gesehen habe, kann ich sagen, dass das Buch um Längen besser ist. Im Film sprechen die Eloi englisch. Die Sprachproblematik lässt sich wohl nur schwierig filmisch umsetzen. Dazu muss der Film nicht in der fernen Zukunft spielen. Da reicht es schon, dass sich die Handlung nach Kopenhagen verlagert.

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