Bildungsproteste

Im Januar dieses Jahres hatte ich zusammen mit einem Kollegen eine Podiumsdiskussion zur notwendigen Reform des Bologna-Reformen veranstaltet, die leider nur sehr schwach besucht war. Dass nun im gleichen Hörsaal die studentischen Protestveranstaltungen stattfinden, freut mich da natürlich besonders. Es ist ganz wichtig, dass sich die Studierenden rühren, denn Professorenprotest verhallt bei den derzeitigen Bildungspolitikern größtenteils ungehört – Millionen protestierender Studenten haben da sicher einen anderen Effekt.

Und wieder geben sich Politiker merkbefreit – selbst solche, die es von Amts wegen eigentlich wissen sollten: Bildungsministerin Annette Schavan hat eben noch die Dynamik des Bologna-Prozesses gelobt und stellt jetzt angesichts der Proteste eine BAFöG-Erhöhung in Aussicht. Eine BAFöG-Erhöhung ist sicher überfällig, aber darum geht es doch den protestierenden Studenten gar nicht – jedenfalls nicht in erster Linie. Der Vorsitzende des RCDS, der nun wirklich wissen sollte, worum es geht, versteht die Ziele des Protestes nicht und hält die Aktionen für „Bequeme Fundamentalkritik“. Damit reiht er sich ein in die Riege der Internetausdrucker, obwohl man bezweifeln kann, dass er sich die im Netz unter dem Internet-Mem #unibrennt aufgeflammte Diskussion ausgedruckt hat – zur Kenntnis genommen hat er sie jedenfalls nicht.

Worum es eigentlich geht, fasst Julian Nida-Rümelin in einem Fernsehinterview sehr treffend zusammen: Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen ist die Bologna-Reform in Deutschland komplett gescheitert, jetzt muss es darum gehen, die Reform zu reformieren. Nida-Rümelin fordert im Übrigen eine Verdoppelung der Bildungsausgaben. Wenn ich mir die finanzielle Situation der Hochschulen – selbst im reichen Bayern – anschaue, muss ich davon ausgehen, dass eine Verdoppelung hier kaum, in manchen norddeutschen Ländern mit Sicherheit nicht reichen wird.

Neben der Reform der Bologna-Reformen und der Steigerung der Bildungsausgaben müssen weitere Verbesserungen durchgesetzt werden:

  • Vor allem die prekären (und oft fehlenden) Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den akademischen Mittelbau müssen dringend verbessert und das Lehrdeputat für alle in Forschung und Lehre tätigen Universitätsangehörigen verringert werden.
  • Außerdem dürfen Wissenschaftler grundsätzlich nicht für wissenschaftsfremde Tätigkeiten in Anspruch genommen werden wie Evaluationen, Akkreditierungen, Verwaltungs- und Managementaufgaben (die über die sicherlich notwendige akademische Selbstverwaltung hinausgehen).
  • Die Willensbildung innerhalb der Hochschule muss von den Lehrenden und Studierenden ausgehen, und darf nicht externen Hochschulräten und einem Lean-Management überlassen werden.
  • Die anonyme Gängelung von Studierenden durch Hochschulinformationssysteme, die diesen Namen nicht verdienen, muss ein Ende haben.

Ich bin zuversichtlich, dass sich aufgrund der unüberhörbaren Proteste jetzt tatsächlich etwas ändern wird.

15 Responses to “Bildungsproteste”

  1. janwo says:

    Wo nimmst Du diese Zuversicht her? Die hätt’ ich auch gern.

  2. maha says:

    Die Zuversicht nehme ich daher, dass ich die Proteste mit früheren vergleiche: 2003 und 1997 war eine ganz andere Stimmung, die Studierenden waren gar nicht vernetzt und in der Tat protestierte nur eine sehr kleine Gruppe. Das ist jetzt alles ganz anders! Wenn ich gerade die öffentliche Wirksamkeit des vernetzten Protestes betrachte, komm ich zu dem Schluss: So sehen Sieger aus!

  3. Ahoi!

    Dein Wort in Gottes Ohr maha ;)

    Ich hoffe ja, dass die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bei dem Thema bleibt. Das liegt jetzt an den Studenten da eben durch pfiffige Ideen dafür zu sorgen.

    Wenn sie sich zu dumm anstellen, ist nächste Woche eben besetzt und keinen Journalist interessiert es. Wäre extrem schade!

  4. codemonk says:

    Grüße aus dem besetzten Audimax Erlangen. Vielleicht hast du ja mal Zeit vorbei zu kommen?
    Ich denke Dienstag sind wir auch noch da ;)

  5. Tonnerre says:

    Huhu maha,

    Irgendwie habe ich aber von Berichten her eher das Gefühl dass weniger Leute dabei sind als damals z.B. im Streit gegen Studiengebühren (will man dagegen eigentlich auch gleich vorgehen?). Von den Leuten hört man immer nur, dass sie keine Zeit oder Lust hatten, mitzumachen.

    Ausserdem ist ja immer noch nicht durchgedrungen was konkret gefordert wird.

    Ich hoffe natürlich dennoch das beste, auch für die vielen lieben Studentchen, und hoffe, dass auch die übrigen Studenten den Hintern hoch bekommen.

    Liebe Grüsse,
    Tonnerre

  6. maha says:

    @Benjamin: ja, es liegt an den Studenten; aus Bamberg lese ich jetzt, dass da die Absenkung der Studiengebühren auf 300 Euro und eine Flexibilisierung der Anwesenheitspflicht gefordert wird. Das greift natürlich zu kurz, weil es doch um viel grundsätzlichere Dinge geht …

    @codemonk: ich schau mal …

    @Tonnerre: es ist ganz offensichtlich, dass die Proteste eine breitere Basis haben. Soweit ich sehe, fordern alle eine Reform der Bologna-Reformen. Wie die genau aussehen soll, ist wohl noch unklar. Hoffen wir das Beste!

  7. Axel Bernd Kunze says:

    Ich stimme Deiner Analyse zu, bin allerdings weniger optimistisch. Die Proteste werden sich totlaufen, und der Reformprozess wird in derselben Richtung weitergeführt werden. Momentan kann ich keine nachhaltige Vernetzung zwischen den verschiedenen Protestgruppen erkennen. Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass die Forderungen “totgelobt” werden, ohne dass sich grundlegend etwas ändert. Noch ein Gedanke zum Schluss: Die gegenwärtigen Hochschul- und Schulstrukturreformen zeigen, was passiert, wenn radikale Umstrukturierungen ohne Rücksicht auf geschichtlich gewachsene Traditionen und nationale Besonderheiten durchgedrückt werden und die politischen Akteure meinen, auf einen hinreichend großen Konsens für ihre Maßnahmen verzichten zu können. Die Reformen werden äußerlich zwar durchgesetzt, aber der gesellschaftliche Hochschul- und Schulfrieden wird über Jahre gestört. Das Thema wird, so meine Vermutung, immer wieder hochkochen; die Integrationskraft der gegenwärtigen Parteien wird weiter geschwächt. Einen neuen bildungspolitischen Konsens in unserem Land zu etablieren, wird Jahre dauern. Gegenwärtig fehlt sowohl den Politikern als auch den Bildungsfunktionären hierzu der nötige politische Wille.

  8. janwo says:

    Vernetzt waren wir ’97 StuTS-sei-Dank auch. Nur leider waren zu viele desinteressiert.

  9. sm says:

    Kann ich in vielen Punkten zustimmen!
    Warum kommen sie als Bamberger Prof nicht in der U7 vorbei und unterstützen uns zb im AK Bologna. Bis auf vereinzelte Profs(2-3) ist die Unterstützung von Lehrenden Seite sehr dürftig!

  10. Gerd says:

    Es wäre schön, wenn Du Recht hättest, Maha.

    Aber bitte täusche Dich nicht, was die Politikerkaste in Deutschland angeht. Dort werden Studentenproteste in der Regel seit den 1968er überhört bzw. in Teilen sogar bewusst umgedeutet, indem beim Rest der Bevölkerung der Eindruck dann geschürt wird, das deutsche Studenten faul seien, immer lange schlafen und noch mehr Druck haben müßten.

    Damit ködern dann Politiker bestimmter politischer Coleur sehr subtil dien Rest der Bevölkerung, indem Sie zeigen, dass sie sich von den Studenten nicht erpressen lassen.

    Und in der Regel interessieren die Studenten den Rest der Bevölkerung nicht: jeder denkt immer nur an seine eigenen Sorgen und bestimmt danach, wen er/sie wählt.

    Bestes Beispiel war die geschickte Kampagne der FDP mit dem einprägsamen Slogan “Mehr Netto vom Brutto”. Damit hat die FDP die letzten Wahlen gewonnen, da viele arbeitende Menschen mehr von ihrem Gehalt übrig behalten wollen und diese Leute interessieren die Sorgen der Studenten kein Stück weit. Erst wenn aus dem Studenten der Arzt, Jurist oder Manager geworden ist, verhält sich der Durchschnitt der Bevölkerung anders, da er dann eventuell Vorteile im Alltag “wittert”, wenn er einen Arzt, Rechtsanwalt oder Firmenchef im Freundeskreis hat. Aber die Studenten…da hat man/frau keinen persönlichen Vorteil von und daher interessiert das Los der Studenten in Wahrheit leider nur die Studenten selbst… ist halt eine brutale Gesellschaft, in der wir leider leben.

  11. Benny says:

    Hallo,
    zunächst mal finde ich sehr wichtig, dass du dazu gebloggt hast und damit deine Position öffentlich machst.
    Ich muss mich leider vielen der anderen Kommentare anschließen, dass ich etwas skeptischer bin. Sicherlich hast du recht damit, dass die Studis generell besser vernetzt sind und dadurch ergibt sich natürlich viel mehr Dynamik.
    Ich sehe leider immer noch eine sehr große Spaltung innerhalb der Studenten. Es gibt auf der einen Seite Studis, die die Nachteile an Bologna selbst erfahren müssen und dadurch schon wesentlich offener und politischer sind. Folglich engagieren sie sich sehr stark. Auf der anderen Seite gibt es den viel beschworenen Teil innerhalb der Studierendenschaft, die – meiner Meinung nach häufig aus egoistischen Gründen – einfach nur auf ihr eigenes Wohl bedacht sind und “so schnell als möglich” von der Uni weg sein wollen. Manche fühlen sich durch Bologna auch weniger stark betroffen, sei es durch die Tatsache, dass sie sich nicht um materielle Belange kümmern müssen oder weil sie einfach noch keine Vergleiche gezogen haben oder können.

    Ich für meinen Teil möchte mich jedoch nicht in die Reihe der Schwarzmaler einreihen, sondern denke, dass gerade jetzt noch stärker vernetzt werden muss, denn letztlich zählt nur die Masse der Studierenden. Ich hoffe, dass sich die Studis nicht durch die “ihr habt ja eigentlich recht”-Bekundungen der Politiker mundtot machen lassen.

    In diesem Sinne beste Grüße
    Benny
    PS:
    Ich studiere gerade ein zweites Mal, Studium 1 war noch zu “Magister”-Zeiten, und damals gab es schon viel zu tun. Ich habe jedenfalls einen ganz guten Vergleich zwischen Vorher-Nachher. Details gerne auf Nachfrage.

  12. Niklas says:

    ja ich sehe das genauso wie viele meiner Vorredner
    Ich studiere zwar noch nciht (bin momentan Schüler in der 12. Klasse (ja ich darf noch 13 Jahre)) unterstütze die Studis aber trotzdem da ich mir sage wenn ich in ein paar jahren anfange mit studieren dann will ich nicht die selbe sch*** Situation wie die jetzigen studis haben.

    Leider sehen das vieler meiner Mitschüler nicht so und sind nicht wirklich am Bildungsstreik aktiv, naja ich freue mich auf jeden Fall auf deinen Vortrag im besetzten Audimax der HU Berlin heute abend.

    auf ein gelingen des Streiks in ganz Deutschland
    deshalb beste und unterstützende Grüße von Niklas aus Berlin

  13. bibliothek says:

    bei uns in frankfurt taut es. ich wünsche ein schönes weihnachtsfest und ein gutes neues jahr.

  14. Berlin Stadtrundfahrt says:

    Die Liberalen zahlen einen hohen Preis für ihre Regierungspolitik der letzten 2 Jahre. So abgewirtschaftet habe ich noch nie eine Regierungspartei erlebt. Wie lange wird sich der Spektator das Spektakel ansehen?

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