Jahresrückblick 2009

2009 war für mich außergewöhnlich, was besonders daran lag, dass ich mir eine völlig neue Möglichkeit erschloss, Politik zu machen. Aber der Reihe nach: Da ich im Sommersemester ein Forschungsfreisemester hatte, ergriff ich die Gelegenheit, noch kurz vor Beginn des Sommersemesters als Gastwissenschaftler die Universität Caen in Frankreich zu besuchen. Da dort gerade heftig gestreikt wurde, hatte ich viel Gelegenheit mit französischen Wissenschaftlern und Studierenden über Bildungspolitik zu diskutieren, was sehr interessant war, gerade in Hinblick auf die späteren Bildungsproteste in Deutschland. Das Forschungssemester erlaubte es mir auch, wieder mehr zum Baskischen zu arbeiten und ein neues Forschungsprojekt zum Sprachkontakt in Galicien zu starten.

Durch mein Engagement im Chaos Computer Club war ich 2009 viel in Sachen IT-Grundrechte unterwegs, vor allem ab dem Frühjahr gegen das gefährliche Zensurerleichterungsgesetz. So war ich einer der Vertreter des „Internet“, als Martin Dörmann und Kajo Wasserhövel für die SPD zum Gespräch über das Gesetzesvorhaben einluden. Durch den positiven Eindruck eines Seminars über Freiheit und Sicherheit bei der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See hatte ich die vage Hoffnung, man könne die SPD von diesem hochproblematischen Gesetz abbringen. Weit gefehlt: die SPD war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht im Geringsten bereit, sich zu bewegen und wollte nur verkünden, sich um die Einwände aus dem „Internet“ bemüht zu haben. Jedenfalls löste die Aktion und besonders die anschließende Pressemitteilung der SPD bei mir ein Wutgefühl im Bauch aus, und ich überlegte, wie es weitergehen sollte: Sich weiter über die Politik zu ärgern, erschien mir schon gesundheitlich der falsche Weg. So entschloss ich mich, in die Piratenpartei einzutreten, und muss sagen: es hat sich gelohnt! Ich habe ein bisschen was bewegen können, ein neues Sprachrohr gefunden und sehr viele neue und nette Mitstreiter kennen gelernt. Jeder Entgleisung auf Seiten der Internetausdrucker (leider ist der Begriff irrelevant für die deutsche Wikipedia) brauche ich jetzt nur noch mit „Fazialpalmierung“ zu begegnen und kann mich darüber freuen, dass sie wahrscheinlich den Zulauf bei den Piraten erhöht.

Der Piratenwahlkampf war eine interessante Erfahrung, weil mir dadurch klar wurde, wie Politik an der Basis offline funktioniert. Außerdem lernt man beim lokalen Wahlkampf auch sehr viel über die Gegend, in der man wohnt. Sehr wichtig ist für mich die Umsetzung des partizipativen Parlamentarismus, der neue Möglichkeiten in der Politik eröffnet – unabhängig von „Parteigegruschel“.

Im Sommer wollte ich eigentlich zur HAR2009 und anschließend zur Wikimania reisen, was ich aber beides unterließ, weil ich im Juli heftige Rückenprobleme bekommen habe, die aber dank stetiger Physiotherapie jetzt hoffentlich nicht wieder auftreten werden. Zum Glück konnte ich mich, als die Rückenprobleme besser geworden waren, in Berlin gut ablenken, weil das Wetter ins Strandbad Wannsee lud und natürlich auch der Wahlkampf in die heiße Phase kam.

So beschränkte sich meine Reisetätigkeit auf Kurzreisen zu verschiedenen Veranstaltungen der Erfa-Kreisen und Chaostreffs des CCC, aber die SigInt in Köln entschädigte durchaus für die verpasste HAR (Köln liegt ja auch fast in NL). Im September ging es dann noch eine Woche nach Slowenien zu einem Fachkongress über Dialektologie. Es war sehr eindrucksvoll, dieses schöne Land neu zu entdecken, wo ich seit der Wende nicht mehr war.

Der Herbst war sehr arbeitsreich, besonders weil ein Riesenberg Klausuren zu korrigieren war, so dass kaum Zeit für andere Aktivitäten blieb. Zwischendurch gab es Kurzauftritte bei Studienwahl.tv und Breitband und natürlich die Vorbereitung auf den Chaos Communication Congress. Dort hielt ich wieder einen Vortrag, der offenbar gut ankam. Da aber das Thema Zensursula eigentlich durch ist, wird er bestimmt nicht so viel Echo finden wie der Vorjahresvortrag über Neusprech.

Interessanterweise hat sich 2009 auch mein Internet-Kommunikationsverhalten grundlegend geändert (was wohl auch mit der Anschaffung eines iPhone zusammenhängt): Während ich vorher Informationen im Netz meist über RSS erhalten habe (und immer weniger über E-Mail), verfolge ich RSS-Feeds gar nicht mehr, sondern verlasse mich auf Mikroblogging. Das funktioniert deutlich besser, weil wichtige Informationen wiederholt „getickert“ werden, was das „Aufmerksamkeitsmanagement“ erleichert. Daneben spielt Jabber eine sehr wichtige Rolle in meiner Kommunikation, während E-Mail für mich wegen des Informationsüberflusses fast nicht mehr verwendbar ist (das auch als Hinweis für diejenigen, die noch auf eine Antwort warten). Ich weiß leider noch nicht, wie ich das E-Mail-Problem gelöst bekomme. Mikroblogging ist wohl inzwischen das neue Leitmedium, was sich auch darin zeigt, dass viele Leute (und auch ich) weniger „makrobloggen“.

3 Responses to “Jahresrückblick 2009”

  1. Gerd says:

    Hallo Martin !

    Ich wünsche Dir auf diesem Wege ein glückliches und gesundes (Rücken) Jahr 2010.

    Hier bei mir und Martin (smile!) in Ibb gibt es nicht viel Neues. Wir gehen mittlerweile in das achte Jahr unserer Beziehung (“die Zeit rennt”) und arbeiten so vor uns hin. Während ich mich mit diversen Schriftsätzen plage und oftmals mich am PC auf der Wikipedia gedanklich davon “ablenke” und dort einige Konten “ärgere”, hat sich Martin in Norddeutschland mit weiteren Bauprojekten erfolgreich ein weiteres Jahr “rumgeschlagen”.

    Weihnachten waren wir bei meiner Mutter und Sylvester haben wir in Hamburg am Hafen verbracht und dort das Sylvesterfeuerwerk und die Schiffe angeschaut sowie in einer Pizzeria an der Langen Reihe gegessen und tags zuvor waren wir im Klimahaus in Bremerhaven, das mir gut gefallen hat.

    Ich wünsche Dir ein weiteres schönes Jahr.

    Lieben Gruß aus NRW
    Gerd

    P.S.: Wie immer lese ich deinen Blog sehr gern. PC- und medientechnisch bin ich wohl noch nicht auf der “Höhe der Zeit”, wenn ich deinen aktuellen Text mir anschaue.

  2. Dunkelangst says:

    Etwas muss ich zu Deiner Jahresbilanz noch hinzufügen:

    Ich hab Ende 2009 deinen Blog in meinen Planeten übernommen, da ich ihn echt Klasse finde und gerne Lese und somit auch gerne weiter empfehle.

    Falls Dir mein persönlicher Feedreader doch etwas zu öffentlich ist, so sage mir doch bitte Bescheid, dass ich ihn wieder entfernen kann. Das fände ich jedoch sehr schade.

    Mach auf jeden Fall weiter wie bisher!

    *Schöne Grüße*

  3. Peter Berndel says:

    Ja Hallo Martin,
    bin durch Zufall auf deinen Blog gestossen, und find ihn gut.
    Mit den Rückenproblemen, weiss ich wovon Du sprichst, ist schon ne sehr unangenehme Sache.
    Wünsche Dir gute Besserung und mach weiter so!
    Gruss aus Essen

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