Die sieben Todsünden des Powerpoint

Da ich mich immer wieder über Powerpoint-Präsentationen aufregen muss, habe ich hier mal die sieben Todsünden solcher Präsentationen aufgeführt, in der Hoffnung, dass mancher die eine oder andere zukünftig vermeidet. Und da Todsünden nur richtig lasterhaft sind, wenn sie einen lateinischen Namen haben, habe ich auch lateinische Namen dazu erfunden oder aus dem mittelalterlichen Lasterkatalog übernommen.

Heller Hintergrund (fundus albus)

In einem abgedunkelten Hörsaal flammt ein weißer Hintergrund auf der großen Leinwand auf und blendet die Zuschauer. Auf dem blendend-weißen Hintergrund erscheinen dann oft noch wenig kontrastreiche Farben. Die Augen ermüden schnell, und der Vortrag ist oft nur im wörtlichen Sinn „erhellend“.

Farben (colores)

Sinnvoll und sparsam eingesetzt können die richtigen Farben der Hervorhebung dienen. Leider werden Farben oft willkürlich eingesetzt und sind nicht kontrastreich genug oder zu dunkel bzw. zu hell (bei hellem Hintergrund). Ich bin zudem leicht rot-grün-blind (wie übrigens sehr viele Menschen!). Dummerweise werden aber Ampelfarben gern bedeutungsvoll eingesetzt.

Maßlosigkeit, Völlerei (gula)

Manche Folien sind randvoll mit Text (oft in kleiner Schriftart, damit noch alles passt) und der Zuschauer kommt mit dem Lesen nicht nach. In Ausnahmefällen kann natürlich mal Kontext angegeben werden, wenn ein kurzer Textausschnitt dabei hervorgehoben wird, aber sonst ist Textfülle unerträglich. Eine andere Form von Maßlosigkeit liegt vor, wenn in wenigen Minuten zig Folien durchgezogen werden, so dass fast der Eindruck eines Films entsteht. Wenn dann nur wenige Minuten Zeit sind, zwei bis drei Lambda-Kalküle mental zu „parsen“, freut sich das Publikum (die Beobachtung beruht auf einer wahren Begebenheit: über 100 Folien mit Lambda-Kalkülen in 60 min!).

Animierte Schriften (animatio)

Ich erinnere mich an den Vortrag eines Didaktikers, in dem Text nach und nach mit Geräusch in die Folien purzelte. Das war am Anfang noch ganz witzig, verlor aber seinen Reiz und viel Zeit. Außerdem lenkte es vom Inhalt ab. Ich erinnere mich nur noch an die Präsentation, sogar das Thema ist mir entfallen.

Ablesen der Folien (lectura)

Manche Vortragende lesen einfach ihre Folien vor, als ob das Publikum das nicht selbst könnte. Selbstverständlich soll auf den Folien das eine oder oder andere wichtige Schlagwort von dem stehen, was der Vortragende sagt, aber einfaches Ablesen der Folien wird schnell monoton.

Abschweifung (vagatio)

Wahrscheinlich um die zuletzt genannte Todsünde zu vermeiden, schreiben manche Referenten auf ihre Folien etwas völlig anderes als das, was sie erzählen. Für nur bedingt multitasking-fähige Zuhörer wie mich ist das dann wirklich die Hölle, gleichzeitig zuhören und lesen zu müssen.

Verstecken (latitio)

Manche Vortragende gefallen sich darin, eine Folie zu zeigen, die völlig leer ist und auf der nach und nach immer mehr eingeblendet wird. Ich fühle mich als Zuschauer dabei immer gegängelt, weil ich nicht gleich das Gesamtbild sehen kann. Außerdem kann es schnell langweilig werden, wenn man sieht, dass da noch sehr viel kommen muss.

Sicher gibt es noch viel mehr, was man falsch machen kann. Viele Fehler lassen sich vermeiden, wenn man ein vernünftiges Programm benutzt (und eben nicht Powerpoint). LaTeX Beamer ist zum Beispiel eine große Hilfe – oder Keynote für die Apple-Gemeinde. Allerdings bewahren auch die besten Programme nicht vor jedem Laster.

17 Responses to “Die sieben Todsünden des Powerpoint”

  1. rami says:

    Bei latitio bin ich anderer Meinung, in vielen Fällen finde ich es sowohl als Publikum als auch als Vortragender angenehm, wenn die Inhalte nicht auf einen Schlag erscheinen. Wenn ich einen Vortrag höre und die stichwortartigen Inhalte des ganzen Kapitels (bzw. der ganzen Folie) vor mir am Beamer sehe lese ich mir die schnell durch und schalte dann innerlich ab, weil ich ja schon weiß was kommt.

    Will ich dann wieder einschalten, muss ich erst rausbekommen, bei welchem Unterpunkt der Vortragende gerade ist. In dieser Hinsicht ist es mir deutlich lieber, wenn ich als unterstes auf der Folie das sehe, worüber der Vortragende gerade spricht.

    Desweiteren kann es gerade bei Folien, die Ansatzweise gegen Todsünde “gula” verstoßen, sehr ablenken, wenn man zu viel Stichpunkte auf einen Schlag vorgeklatscht bekommt, also bei jeder neuen Folie, wenn man sich nach deiner Meinung zur letzten Todsünde richtet.

    Ich denke, das ist meine Meinung und reine Geschmackssache.

    Grüße,
    Raphael

  2. Georg says:

    Da entscheide ich mich beim Lesen von “Heller Hintergrund” einen Kommentar zu schreiben und auf die LaTeX-Beamer und die meist sehr schönen Themes (aber alle mit hellem Hintergrund) hinzuweisen – und dann verweist du selbst auf Beamer als Positiv-Beispiel. Hm… :) Ich selber fand helle Hintergründe eigentlich immer ganz OK.

    Und Verstecken finde ich auch besser, wenn man dadurch Schritt für Schritt einen Gedankengang aufbaut und den Zuhörer nicht mit zuviel Information am Anfang überfordert.

    Die anderen Sachen scheinen mir aber sinnvoll.

  3. juh says:

    Empfehlenswerte Bücher in diesem Zusammenhang:

    Garr Reynolds: ZEN oder die Kunst des Präsentierens
    Nancy Duarte: slide:ology

  4. Thomas says:

    Leider musste ich feststellen, dass LaTeX Beamer etwas Zeit braucht um sich “einzugewöhnen” und man gewisse Motivation mitbringen muss um die Grundlagen sich anzueignen. Gerade wenn man im Stress ist habe ich festgestellt ist so etwas wie eine LaTeX Beamer präsentation zu erstelle ein ziemlicher Kraftakt….

    Ich Stimme aber mit dir überein, das de Präsentation möglichst schlicht gehalten werden sollte. Hoher Kontrast und wenig Effekte sind das A und O einer Präsentation. Die Folien sollten auch etwas mit dem Thema zu tun haben und die Schriftgröße nicht unter 28 sinken.

  5. Dunkelangst says:

    Ja, an dem hellen Hintergrund hänge ich mich irgendwie auch auf; dann könnte man das ja auch auf Webseiten übetragen und die Frage stellen, weshalb hier der Blog einen hellen Hintergrund und wenige Kontrastreichen Farben hat… :???:

    Aber an sich finde ich Deine Punkte, zumindest für Wissenschaftliche Vorträge, schlüssig. Nette Publizierung, maha. ;-)

  6. maha says:

    @Georg: ja, der helle Hintergrund bei LaTeX-Beamer hat mich immer gestört. Es wäre super, wenn man das Warszaw-Theme, das ich gern verwende, irgendwie invertieren könnte; das ist wahrscheinlich nicht besonders schwierig. Das Verstecken finde ich ungleich schlimmer, LaTeX-Beamer hat da aber eine schöne Möglichkeit, nämlich das, was kommt, lediglich auszugrauen. Das finde ich sehr angenehm.

    @Dunkelangst: auf Webseiten kann man das nicht übertragen, denn da kann ich die Helligkeit meines Computers individuell einstellen. Ich gebe zu, dass das (modifizierte) Default-Theme hier nicht toll ist. Wenn jemand ein schöneres hat, übernehm ich es gern! (Ich habe mal verschiedene Alternativen getestet und hatte an allen was auszusetzen.)

  7. maha says:

    @juh: danke für den Tipp

    @rami: ja, der jeweils verhandelte Unterpunkt sollte deutlich sichtbar sein. Wenn mal also mehrere hat (nicht zu viele natürlich, siehe: gula), dann sollte der jeweils verhandelte hervorgehoben sein, wie das LaTeX-Beamer sehr schön macht mit der Ausgrauung. Noch besser ist, für jeden Punkt eine eigene Folie zu machen. Das ist dem Verstecken von Punkten eigentlich vorzuziehen. Vielleicht hätte ich das so formulieren sollen.

  8. Dunkelangst says:

    @maha: Ich habe auch kein einziges Standard Theme gefunden, welches mir wirklich gefällt. Irgenwann habe ich mir das ausgesucht, welches meinen Geschmack am ehesten trifft und hab das dann komplett überarbeitet… Ich werde das Gefühl nicht los, dass das die einzige Möglichkeit ist wirklich zufrieden zu sein, da die Geschmäcker verschieden sind. Wie sollte ich Dir also ein Theme empfehlen können? :???:

    Aber ansonsten hast du Recht: Den Sachverhalt kann man schlecht auf eine Webseite übertragen. :-) Nur eines: Auch bei Präsenationshintergünden dürften die Geschmäcker ebenfalls verschieden sein…

  9. maha says:

    @Dunkelangst: Geschmäcker sind sicher verschieden, aber ich leide wirklich unter hellem Hintergrund in abgedunkelten Räumen; in hellen Räumen geht es ja. Vielleicht ist es auch ein Problem, dass oft abgedunkelt oder das Licht ausgeschaltet wird.

  10. oxi says:

    Ein absoluter Profi auf dem Gebiet ist Steve Jobs. Wenn er etwas präsentiert, hält die ganze Gemeinde den Atem an (eigentlich auch, wenn er nichts präsentiert).

    Einige sprechen von einem “reality distortion field”, welches Steve um sich herum aufbaut.

    Da ist was dran.

    Auf jeden Fall kann man eine Menge lernen.

    Nett auch die Parodie auf M$ und das iPod: http://video.google.com/videoplay?docid=36099539665548298#

    Konni

  11. wuerfel says:

    Ich verwende auch dunkle Hintergründe, denn die Projektion kann man im Gegensatz zum Monitor nicht individuell in der Helligkeit regeln. Der latitio bekenne ich mich dagegen schuldig.
    Pointen und überraschende Wendungen sind ohne sie nicht möglich. Außerdem möchte ich nicht, dass der Zuhörer mir vorauseilt. Er soll mir ja folgen. :-)

  12. [...] Der aus CCC-Kreisen bekannte Linguistik-Professor MaHa hat sich einmal die Mühe gemacht, die Powerpoint-Todsünden oder NoGos zusammengetragen. AKPC_IDS += "955,"; Social Bookmarking Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen [...]

  13. Kunar says:

    Ich kenne es z.T. genau umgekehrt: Eine Präsentation mit dunklem Hintergrund wird in einem Raum gezeigt, der sich nicht vernünftig verdunkeln läßt.

    Ein grundsätzliches Problem von Präsentationen heutzutage: Sie werden häufig anders eingesetzt, als sie ursprünglich gedacht waren. Dann muss dieselbe Präsentation mehrere Zwecke erfüllen, so dass sie nicht mehr auf einen Anwendungsfall hin optimiert werden kann. Ganz typisch z.B. ist, dass Präsentationen als Schulungsmaterial eingesetzt werden sowie (in einem Archiv) als Lesestoff, um in ein Thema hineinzukommen. Das geht nicht, wenn die Folien nicht (fast) alles wiedergeben, was der Vortragende erzählt hat.

  14. maha says:

    @kunar Das kenne ich auch. Wenn die Sonne direkt auf die Leinwand fällt, hat man keine Chance, egal ob der Hintergrund hell oder dunkel ist. Das grundsätzliche Problem der Zweckentfremdung ist in der Tat schlimm. Für meine Studenten mache ich deshalb auch immer eine leicht ausdruckbare Fassung in schwarz-auf-weiß, und füge auch noch Notizen an. Das reicht aber immer noch nicht. Wenn man wirklich einen Vortrag nachvollziehen will, den man nicht verfolgt hat, reichen Präsentationen nicht aus.

  15. Niels K. says:

    Punkt 1 – 6 stimme ich zu.
    Zu den Hintergründen: Einfarbige Hintergründe sind imho immer nich so prall. Weder weiß, noch schwarz, noch irgendwas anderes. Da sollte zumindest ein Farbverlauf drin sein oder ein nicht störendes Muster. Die Beamer-Templates lösen das ganz schön, indem sie in angemessenen Abständen unterschiedliche Farben verwenden.

    Das Verstecken von Inhalten würde ich jedoch nicht als “Todsünde” einstufen. Auch das kann als Mittel sehr nützlich sein. Es immer und überall einzusetzen ist jedoch ähnlich unbrauchbar. Manchmal aber eine feine Sache wenn man auf einen Klimax o.ä. hinarbeitet und die Pointe nicht vorwegnehmen will. Ich könnte es auch einfach auf die nächste Folie packen – oder ich verstecke es und lasse es im Kontext zu den Restpunkten auftauchen..

    Übrigens nehmen sich Keynote und Powerpoint nicht so wirklich was. Bei Keynote hat man nur ein paar schönere Übergänge und ganz nette Templates. Ach ja: das Default-Template ist weiß auf schwarz anstatt schwarz auf weiß – und das find ich persönlich wie oben geschrieben ähnlich nervig.

  16. frakturfreak says:

    Ein Programm was ſich für die Präſentatation von Pdfs, die mit LaTeXs Beamerklasse erſtellt wurden, eignet wäre impess!ve

  17. [...] Präsentationsprogramme sprechen, kann einen Blick auf einen BBC-Artikel werfen oder auch bei Martin Haase nachlesen. Jessie Daniels führt einige davon in ihrem Vortrag an und zeigt drei Prinzipien, mit [...]

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