Archive for February, 2011

Plagiat

Saturday, February 26th, 2011

Ich habe zumindest in Seminararbeiten mehrfach mit Plagiaten zu tun gehabt. Der schlimmste Fall, war eine Seminararbeit, die lediglich aus Copy&Paste-Textabschnitten bestand, allerdings waren die Quellen im Unterschied zur Dissertation des Freiherrn zu Guttenberg in der Bibliografie vollständig angegeben, es fehlten „nur“ eigenständige Texte und die Kennzeichnung der Textteile als Zitat. Dann gab es noch ein paar Fälle, bei denen Seminararbeiten übersetzte Texte enthielt, ohne dass die Übersetzungen klar als Zitate gekennzeichnet waren. Ich habe in solchen Fällen mit den Plagiatoren klärende Gespräche geführt und die Arbeiten zurückgegeben, bei den minderschweren Fällen zur Überarbeitung, während in dem zuerst genannten Fall eine neue Arbeit angefertigt werden musste. In jenem Fall habe ich dem Studenten auch mitgeteilt, dass ich im Wiederholungsfall den Prüfungsausschuss informieren werde und dass sein Verbleib an der Universität dann gefährdet sein könnte. In den genannten Fällen ging es allerdings immer nur um Seminararbeiten und nicht um Qualifikationsschriften (Magister-, Bachelor- oder Diplomarbeiten), geschweige denn Dissertationen. Spätestens da muss Schluss sein mit der Verharmlosung, die wir in der Causa Guttenberg beobachten.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die Universität Bayreuth sich darum gedrückt hat, ein Aberkennungsverfahren auf der Grundlage der Promotionsordnung durchzuführen, sondern lediglich eine Rücknahme der Entscheidung nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz durchgeführt hat, womit der Plagiator geschont wird. Ich hoffe, dass sich wenigstens die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft noch deutlich zu Wort melden wird. Denn für die Wissenschaft ist ein leichtfertiger Umgang mit Plagiaten verheerend. Schon jetzt frage ich mich, was ich Studierenden in minderschweren Fällen sagen soll. Man wird dann fragen: wieso wird hier nicht einfach die Prüfungsleistung zurückgenommen und „Schwamm drüber“ – so wie bei Guttenberg?

Es gibt noch einen Aspekt, den ich nicht verstehe: Warum haben Doktorvater und Zweitkorrektor nichts bemerkt und noch dazu die Bestnote vergeben? Ich habe die Guttenberg-Dissertation in Auszügen gelesen und mir waren die Brüche sofort aufgefallen. Juristen sind zwar keine Linguisten, haben aber auch sehr viel mit Sprache, Texten und Formulierungen zu tun. Das muss denen doch aufgefallen sein. Betreuer und Zweitkorrektor können sich da nicht aus der Verantwortung stehlen. Auch das ist ein Fall für die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft.

Sehr nützlich ist der Vorschlag, alle Doktorarbeiten künftig im Netz zu veröffentlichen. Meine Dissertation ist zwar noch aus der Klebelayout-Zeit, aber glücklicherweise bei Google Books einsehbar (leider unvollständig, ich werde mal mit dem Verlag sprechen, ob das auch anders geht). Hier liegt ja auch der ursprüngliche Sinn der Veröffentlichungspflicht für Dissertationen: dass jeder sehen kann, was da geschrieben wurde.

Berlinale: Die Jungs vom Bahnhof Zoo

Thursday, February 17th, 2011

Rosa von Praunheims Spielfilme mag ich ja nicht so, jedenfalls waren Can I be your Bratwurst, please! und Der Einstein des Sex ziemlich unerträglich. Dafür empfiehlt sich der Regisseur mit seinen Dokumentarfilmen. Einen solchen sah ich gestern auf der Berlinale, nämlich Die Jungs vom Bahnhof Zoo (Beschreibung im Berlinaleprogramm). Es ist ein sehr politischer Film über die Situation und die Biografien von Strichern in Berlin. Eigentlich ist der Titel etwas irreführend, denn der Film spielt mehr in Schöneberg als am Bahnhof Zoo, aber das machte ihn ja für mich als Schöneberger umso interessanter. Auch mein Rumänisch konnte ich etwas auffrischen (die Synchronisation könnte genauer sein; ich hätte hier auch Untertitel vorgezogen, um besser zuhören zu können). Der Film ist erzählerisch gut gelungen, es gibt immer einen Spannungsbogen. Leider kann sich der Regisseur nicht ganz von (s)einem belehrenden Habitus befreien: So vermittelt der Film den Eindruck, dass ein Stricher praktisch immer Opfer von Misshandlungen im Kindesalter sei und deshalb unschuldig an der „Situation, in der er lebt.“ Diese Botschaft wirkt nicht sehr überzeugend im Zusammenhang mit der Prostitution aus wirtschaftlichen Gründen, die im Film auch beschrieben wird. Diese kritische Bemerkung soll aber niemanden davon abhalten, sich den interessanten Film anzuschauen. Sehr schön ist übrigens der am Anfang hineingeschnittene Bericht der Berliner Abendschau aus den fünfziger Jahren, der zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft und die in ihr vorherrschenden Auffassungen von Moral seither verändert haben.

Digitalradierer

Tuesday, February 1st, 2011

Heute Abend hatte ich mal wieder eine Diskussion über den Digitalradierer. Das so ein Konzept nicht funktioniert kann man sich an einem einfachen Vergleich klar machen: Das Internet ist ein Netz von Kopiermaschinen; wenn ich da einmal etwas eingespeist habe, kann ich es nicht zurückrufen, weil viele Kopien davon angefertigt worden sind und im Umlauf sind. Selbst eine Funktion, die es mir nur dann erlauben würde, den Kopierer weiter zu benutzen, wenn ich eine bestimmte Seite vorher geschreddert habe, ist sinnlos, denn ich kann ja zwischendurch noch eine Kopie anfertigen und dann das Original in den Schredder geben und meine Kopie behalten.

Jede Datei, die ich mir auf dem Computer ausgeben lassen kann, besitze ich auch (wie das eben bei Kopiermaschinen ist) und kann sie auch „abheften“. Schon deshalb funktionieren Digitalradierer eben nicht. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, um Informationen im Internet „verschwinden“ zu lassen, besteht darin, viele neue Informationen zu schaffen, die dazu führen, dass es einen Informationsüberfluss gibt, in dem alte und (vermeintlich) unwichtige Informationen untergehen. Außerdem wird sich die Einstellung der Gesellschaft zu „alten“ Informationen auch mit der zunehmenden Nutzung des Internets ändern. Das soziale Problem, dass Menschen zu viel über sich preisgeben, lässt sich nicht durch technische Vorkehrungen lösen.

Letztlich hat die Online-Speicherung auch Vorteile: Politikeräußerungen bleiben in der Regel lange Zeit erhalten und geraten somit nicht in Vergessenheit. Das ist auch gut und richtig so. Ich vermute mal, dass leere Versprechungen immer seltener werden (Versprechungen sind im Gegensatz zu Versprechen übrigens immer leer), und somit wird die Welt dank fehlender Digitalradierer besser.