Berlinale: Die Jungs vom Bahnhof Zoo

Rosa von Praunheims Spielfilme mag ich ja nicht so, jedenfalls waren Can I be your Bratwurst, please! und Der Einstein des Sex ziemlich unerträglich. Dafür empfiehlt sich der Regisseur mit seinen Dokumentarfilmen. Einen solchen sah ich gestern auf der Berlinale, nämlich Die Jungs vom Bahnhof Zoo (Beschreibung im Berlinaleprogramm). Es ist ein sehr politischer Film über die Situation und die Biografien von Strichern in Berlin. Eigentlich ist der Titel etwas irreführend, denn der Film spielt mehr in Schöneberg als am Bahnhof Zoo, aber das machte ihn ja für mich als Schöneberger umso interessanter. Auch mein Rumänisch konnte ich etwas auffrischen (die Synchronisation könnte genauer sein; ich hätte hier auch Untertitel vorgezogen, um besser zuhören zu können). Der Film ist erzählerisch gut gelungen, es gibt immer einen Spannungsbogen. Leider kann sich der Regisseur nicht ganz von (s)einem belehrenden Habitus befreien: So vermittelt der Film den Eindruck, dass ein Stricher praktisch immer Opfer von Misshandlungen im Kindesalter sei und deshalb unschuldig an der „Situation, in der er lebt.“ Diese Botschaft wirkt nicht sehr überzeugend im Zusammenhang mit der Prostitution aus wirtschaftlichen Gründen, die im Film auch beschrieben wird. Diese kritische Bemerkung soll aber niemanden davon abhalten, sich den interessanten Film anzuschauen. Sehr schön ist übrigens der am Anfang hineingeschnittene Bericht der Berliner Abendschau aus den fünfziger Jahren, der zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft und die in ihr vorherrschenden Auffassungen von Moral seither verändert haben.

3 Responses to “Berlinale: Die Jungs vom Bahnhof Zoo”

  1. NixMix says:

    Ist es nicht bemerkenswert, wie viele Leute Praunheim vor die Kamera bekommt, um freizügig zu erzählen?

  2. maha says:

    @NixMix Ja, das ist wirklich bemerkenswert!

  3. Emre says:

    hallo, ich persönlich mag die (wenigen) Spielfilmproduktionen von Praunheim ganz gerne. Sind aber definitiv Geschmackssache. Seine Beobachtungsgabe und Offenheit als Dokumentarfilmer sind wirklich großartig, er ist in diesem Genre ja auch schon lang aktiv (40+ Jahre?). ich war zwar an einigen Tagen auf der Berlinale habe es aber leider nicht geschafft “Die Jungs vom Bahnhof Zoo” zu sehen, schade. Hoffentlich dann af DVD. VG, EM

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