Archive for March, 2011

Zugangserschwerung bei Arte

Sunday, March 27th, 2011

Ich habe ja seit vielen Jahren schon keinen Fernseher mehr, aber das macht ja nichts, denn die wirklich interessanten Sachen findet man für gewöhnlich im Internet: so zum Beispiel die sehr interessante und aufschlussreiche Doku Water makes Money über die Wassergeschäfte von Veolia und GDF Suez oder Alles im Griff/Rien à signaler über die unhaltbaren Zustände in europäischen Atomkraftwerken. Leider stehen diese Angebote nur sieben Tage zur Verfügung aufgrund der völlig hirnrissigen Regelung des Depublizierens – bei ARTE übrigens auch in Frankreich, obwohl da der deutsche Rundfunkstaatsvertrag gar nicht gilt.

Da ich gerade in Frankreich bin und nur in dem Forschungszentrum, in dem ich gastiere, Internet habe, wollte ich mir die Dokus herunterladen, um sie mir offline anzusehen. Das ist auch meist besser, als sie mit so einem grottigen Adobe Flash-Player im Browser-Fenster zu sehen. Ich suchte also verzweifelt den Download-Button auf den Arte-Seite – Fehlanzeige! Nun gut, dachte ich, der Downloadhelper (ein Firefox-Plugin) wird’s schon richten. Pustekuchen! Es gelang mir nicht, diese Videos herunterzuladen. Auch Programme wie Mediathek halfen nicht. Schließlich fand ich helfende Hinweise in einem Ubuntu-Forum. Mit dem Programm rtmpdump gelang es mir endlich an das Material heranzukommen. Dabei fällt auf, dass man zunächst im Quelltext der Arte-Seite nach einer xml-Datei suchen muss (die ist dort ziemlich gut versteckt), die einen weiteren Link auf eine andere xml-Datei enthält, die dann erst die rtmp-Informationen enthält. Dann muss die noch mit dem richtigen Player verknüpft mit rtmpdump abspielen (im ersten Quelltext genannt, kurz vor der xml-Datei). Es geht, aber es ist schon eine ziemliche Zumutung. Ich habe schließlich meine Gebühren bezahlt und möchte das mit einem Download-Button herunterladen können. Jeder Videorekorder kann so etwas aufnehmen und viele digitale Geräte ermöglichen das zeitversetzte Fernsehen. Warum kann das nicht im Internet möglich sein? Ich halte das wirklich für eine Gängelei, die verboten gehört. Das Depublizieren nach sieben Tagen ist schon eine Zumutung, aber das man selbst in dieser Frist nicht ohne Flash und kaum zumutbare Umstände an die Sachen herankommt, ist schlicht eine Unverschämtheit. Und das angesichts der bevorstehenden Haushaltsabgabe, die für mich (zwei Haushalte, bisher nur Rundfunk) eine ca. 600% Erhöhung mit sich bringen wird. Ich zahle meine Rundfunkgebühren ja gerne, weil mir der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtig ist, aber wenn sie dazu verwendet werden, den Zugang zu Informationen und Wissen zu erschweren, fühle ich mich in meinen Grundrechten verletzt.

Radiergummipolitik

Saturday, March 26th, 2011

Jetzt ist die Fastenzeit schon fast vorbei (ich faste diesmal durch den Verzicht auf fruktosehaltige Limonaden) und ich habe es bisher versäumt auf meine Aschermittwoch-Rede hinzuweisen, die inzwischen auch als Video verfügbar ist: Es geht um Radiergummipolitik, also um analoge Strategien für die digitale Welt, wie sie von den Analogparteien aktionistisch vertreten werden. Viel Spaß dabei!

Feedback ist natürlich immer willkommen!

Merkel zu Fukushima

Tuesday, March 15th, 2011

Das Pressestatement muss Frau Merkel (Video) wohl auf die Schnelle selbst geschrieben haben, denn der Text strotzt nur so von Unerträglichkeiten. Gleich am Anfang geht es schon los:

Guten Tag, meine Damen und Herren! Wir verfolgen mit unverändert großem Entsetzen die Ereignisse in Japan.

„unverändert großes Entsetzen“? Was wäre denn verändert großes Entsetzen? Entsetzen ist doch kein sich verändernder Zustand und das Adverb unverändert relativiert das Entsetzen. Und mit der Relativierung geht es weiter:

Die Berichte über die nuklearen Folgen des schrecklichen Erdbebens und der furchtbaren Flutwelle in Japan sind widersprüchlich.

Es ist keineswegs widersprüchlich, dass dort eine atomare Katastrophe eingetreten ist; nukleare Folgen ist ganz furchtbares Neusprech dafür.

Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und wir gehen auch nicht zur Tagesordnung über. Denn wir können nicht so tun, als ob die Ereignisse in Japan schon deshalb keine Auswirkungen auf die ganze Welt, auf Europa und auf unser Land hätten, weil derartig gewaltige Erdbeben und Flutwellen nach menschlichem Ermessen bei uns nicht eintreffen werden.

Da überschlägt sich Frau Merkel mit Verneinungen. Zum besseren Verständnis verkürze ich den Satz mal und hebe die Negationen hervor:

Denn wir können nicht so tun, als ob die Ereignisse in Japan schon deshalb keine Auswirkungen … hätten, weil derartig gewaltige Erdbeben und Flutwellen … bei uns nicht eintreffen werden.

Man kürze mal die ersten beiden Negationen gegeneinander weg, dann ergibt sich: „wir können so tun, als ob die Ereignisse in Japan schon deshalb Auswirkungen hätten, weil derartig gewaltige Erdbeben und Flutwellen bei uns nicht eintreffen werden.” Wie meinen?

Und das Bild mit der Tagesordnung kommt gleich wieder:

Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und die bisherige unbestrittene Sicherheit unserer kerntechnischen Anlagen zum Maßstab auch des künftigen Handelns machen, ohne dass wir infolge der jüngsten Ereignisse einmal innehalten.

Wieso ist die Sicherheit unbestritten? Die war doch immer umstritten, insbesondere da die Standards gesenkt werden sollten. Und innehalten? Das Wort bedeutet, dass etwas zur Besinnung kurz unterbrochen wird. Damit wird deutlich, dass es offenbar mit der Tagesordnung, sprich Laufzeitverlängerung, weitergehen soll.

Diese Lage muss vorbehaltlos, rückhaltlos und umfassend analysiert werden. Erst danach folgen Entscheidungen. … Es gibt bei dieser Sicherheitsprüfung keine Tabus.

Ja, ist denn bisher nicht vorbehaltlos, rückhaltlos und umfassend analysiert worden? Gab es in der Vergangenheit Tabus?

Ich glaube, dass wir keine Gesetzänderung brauchen, sondern wir brauchen ein Gespräch mit den Betreibern … Aus meiner Sicht ist es nicht notwendig, das Gesetz zu ändern, sondern wir werden am Ende des Moratoriums Bilanz ziehen und sagen, was das genau bedeutet.

Gespräche mit der Lobby statt Gesetzesänderungen, so stellt man sich das vor, wenn die Lobby den Ton angibt.

Man beachte auch den Konjunktiv Irrealis in der Antwort auf die nächste Frage:

FRAGE: Frau Merkel, was bedeutet das Moratorium für die Kernkraftwerke, die ohne Laufzeitverlängerung ihre Reststrommengen schon aufgebracht haben? Müssen diese jetzt sofort vom Netz?

BK’IN MERKEL: Das wäre die Konsequenz, denn sonst wäre es kein Moratorium des von uns neu beschlossenen Gesetzes.

Der Irrealis wird verwendet – wie der Name sagt – wenn etwas irreal ist, also nicht verwirklicht ist oder wird.

Und dann kommt die Frage nach dem Zeitpunkt, auf die Merkel nicht den Schabowski macht:

ZUSATZFRAGE: Ab wann?

BK’IN MERKEL: Ich würde sagen: Wenn wir mit den Kernkraftwerksbetreibern gesprochen haben.

Wieder soll zuerst mit den Betreibern gesprochen werden. Als ob die für eine Abschaltung wären. Von wegen „vorbehaltlos und rückhaltlos“! Offenbar gibt es hier einen Betreibervorbehalt.

Wenn man sich dieses „Statement“ genauer ansieht, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Es geht offenbar nicht darum, aus der Laufzeitverlängerung auszusteigen, sondern es wird auf Zeit gespielt. Das macht mich sehr wütend!

Update: Da das Blog wegen dieses Artikels zeitweise überrannt wurde, hatte netzpolitik.de freundlicherweise einen Mirror eingerichtet. Dort sind dann auch die meisten Kommentare eingegangen.

Leidkultur und Leetkultur

Saturday, March 12th, 2011

In letzter Zeit sprechen viele Politiker wieder von Leidkultur. Ich schreibe das absichtlich mit d, denn was soll das anderes sein, als die Kultur, die uns der Deutschunterricht in der Schule verleidet hat? Eine Leitkultur mit t kann es nicht geben, denn Kultur ist immer vielfältig und es gibt keine „Kulturhierarchie“. Auch das Wort Subkultur ist seltsam, denn wer entscheidet, was Leit- oder Sub- ist?

Zum Glück gibt es die selbsternannte Leetkultur (bzw. 1337kultur in Leetspeak) als Gegenentwurf zum unsinnigen Konzept der Leidkultur; leet steht für élite und spielt mit dem elitären Kulturbegriff, denn Leetkultur ist eben nicht elitär, sondern Kultur aus der Nerd-Perspektive. Es geht dabei darum, die Prinzipien der Hacker-Ethik auf die (nicht nur technische) Kultur zu übertragen. Das könnte so aussehen:

  • Der Zugang zu Kultur und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.
  • Alle Informationen müssen frei sein.
  • Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung!
  • Beurteile einen Urheber nach dem, was er tut und nicht nach Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung.
  • Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.
  • Kultur kann dein Leben zum Besseren verändern.
  • Mülle nicht in den Daten anderer Leute.
  • Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

Ich habe hier lediglich zweimal Computer (im Plural) durch Kultur ersetzt und Hacker durch Urheber. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Über 1337kultur, also über Kultur aus dieser Perspektive plane ich, einen Podcast zu machen, der auch 1337kultur.de heißt. Darin wird es über alle Arten von Kultur gehen: Bücher, Musik, Filme, Kunst, Sport usw. Die folgenden Themen stehen schon fest:

  1. Labsal Weltliteratur: Bücher, die wir kennen, aber nicht gelesen haben (Folge 1)
  2. Beredte Bilder: Comics und Comic-Verfilmungen (Folge 2)

Wem in den Titeln ungewöhnliche Wörter auffallen, soll sich bis zur Sendung gedulden; sie werden dort erklärt. Jedes Mal soll nämlich auch ein leider zu wenig verwendetes Wort vorgestellt werden, das ich auch immer versuche, in den Titel einzubauen.

Die Folgen will ich übrigens schon bei der Aufnahme streamen, so dass die Möglichkeit besteht, über Twitter/Identi.ca und Internet Relay Chat mitzumachen. Die erste Folge wird am Sonntag 13.3.2011 um 13.37 Uhr gestartet, die zweite am gleichen Tag um 15.30 Uhr. Einige Tage später wird dann die erste Folge auch im Podcastfeed sein (technisch überarbeitet von Christopher Schirner, den aufmerksame Hörer schon vom Klabautercast kennen), die zweite Folge noch ein paar Tage später. Für den Stream kann ich dankenswerterweise den Server von xenim.de nutzen. Dort gibt es auch ein Archiv, ich empfehle aber den Rückgriff auf die technisch bearbeiteten Podcastversionen unter 1337kultur.de.

Der Podcast steht natürlich unter einer Creative Commons-Lizenz, nämlich cc-by-sa und darf entsprechend weiter- bzw. wiederverwendet und verbreitet werden – gern auch über Radio.

Update: Das Streaming war eine interessante Erfahrung: im Chat haben so zwanzig bis dreißig Leute mitgemacht und der direkte Feedback war sehr hilfreich. Es sind auch gleich zwei Pads mit den Shownotes geschrieben worden, eins zu Labsal Weltliteratur und eins zu den beredten Bildern.