Archive for July, 2011

Grimme Online Award

Thursday, July 21st, 2011

Ich habe Schelte bezogen, weil ich hier nicht über den Grimme Online Award geschrieben habe, der dem Neusprechblog (neusprech.org) kürzlich verliehen wurde. Ich hatte hier nicht darüber geschrieben, weil ich so ein bisschen Angst davor hatte, dass das in Selbstbeweihräucherung ausarten könnte. Und dass manche gar nichts davon mitbekommen könnten, hatte ich nicht einkalkuliert. Es stimmt jedoch, dass die Auszeichnung (obwohl sie „online“ im Namen führt) eher für Offline-Aufmerksamkeit sorgt.

Nun sei hiermit das Versäumnis nachgeholt und die Trophäe präsentiert, die Christopher Schirner dankenswerterweise in einer Dreh-Animation visualisiert hat.

Natürlich habe ich mich sehr über den Preis gefreut, mit dem ich eigentlich (angesichts der Konkurrenz) nicht gerechnet hatte. An Kai Biermann vielen Dank für die erfolgreiche Zusammenarbeit beim Neusprech-Bloggen.

Update: Kai Biermann hat anlässlich der Preisverleihung ein kurzes Interview gegeben, in dem er die Geschichte des Blogs referiert.

Was uns motiviert

Friday, July 8th, 2011

Eines meiner Lieblingszitate von Wilhelm von Humboldt lautet:

„Allein freilich ist Freiheit die nothwendige Bedingung, ohne welche selbst das seelenvollste Geschäft keine heilsamen Wirkungen […] hervorzubringen vermag. Was nicht von dem Menschen selbst gewählt, worin er auch nur eingeschränkt und geleitet wird, das geht nicht in sein Wesen über, das bleibt ihm ewig fremd, das verrichtet er nicht eigentlich mit menschlicher Kraft, sondern mit mechanischer Fertigkeit.“ (W. v. Humboldt: „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“, 1792 [Breslau: Trewendt 1851, 25])

Eine sehr schöne Illustration für diese Feststellung zeigt die Bologna-Reform in Deutschland: Durch die Modularisierung (Neusprech für ‚Verschulung‘) des Studiums wird den Studierenden ihre traditionelle Freiheit genommen, so kommt es dazu, dass die gefühlte Belastung gestiegen ist (FAZ-Artikel dazu). Und angesichts dieser Beobachtungen sind Maßnahmen wie die leistungsorientierte Vergütung oder die Zielvereinbarung in Bereichen, in denen Kreativität, Originalität und Intellekt eine Rolle spielen, kontraproduktiv.

Eine weitere Illustration dieser Überlegungen zeigt eine preisverdächtige Animation, auf die mich Sebastian Jabbusch in einem Google+-Beitrag hinwies.

Google+

Thursday, July 7th, 2011

Seit letztem Donnerstag teste ich Google+ und kann mich freuen, weil sich nachgerade herausstellt, dass es gut war, facebook auszulassen, denn Google+ ist einfach besser. Auch zum Microblogging komm ich weniger, weil auch das über Google+ besser geht (es ist allerdings eher „Miniblogging“ als Microblogging). Allerdings muss ich Isotopp zustimmen, dass es sich bei Google+ nicht einfach um ein besser facebook handelt, eventuell noch vermischt mit Twitter. Google+ ist mehr:

  1. Es fasst eine Reihe von Google-Diensten zusammen (Buzz, Reader, Talk, Google Profile, +1 und Picasa). Allein aus dieser Verknüpfung ergibt sich ein zusätzlicher Nutzen: Man kann Empfehlungen und Fotos besser austauschen, über Profile kann man gleich auf Inhalte zugreifen, man findet Informationen schneller usw.
  2. Der eingebaute Videokonferenzdienst „Hangout“ ist so ziemlich der erste schmerzfreie Dienst seiner Art. Ich habe mal an einer Seminarsitzung über Skype teilgenommen, weil eine Gastdozentin in der Vulkanasche steckengeblieben war, und das war seinerzeit (so lange ist es ja noch nicht her) richtig anstrengend. Mehrfach brach die Verbindung zusammen oder stockte zumindest. Eine Diskussion war praktisch nicht möglich, weil dann immer die Kamera geschwenkt werden musste, von den Lautstärkeschwankungen und Störgeräuschen ganz zu schweigen! Mit Hangout geht das ganz leicht – wie ich bereits testen konnte.
  3. Die eigentliche Neuerung, die wirklich revolutionär ist, sind die Kreise: Man entscheidet damit, wer was von einem wissen darf. Das klingt jetzt eher banal, aber (außer bei Diaspora) wurde diese nahe liegende Idee bisher nicht verwirklicht (bei Diaspora auch nicht so konsequent): Ich kann für alle meine Inhalte (nicht nur für meine Buzzes und Fotos, sondern auch für Profildaten usw.) genau bestimmen, wer was sehen darf. So kann ich mit Freunden, Bekannten, Kollegen jeweils getrennt kommunizieren und Daten austauschen. Ein Kontakt erfährt nur, dass er bei mir in einem Kreis ist, weiß aber nicht in welchem. Ich kann dabei auch Kreise anlegen wie „Unsympathen“ oder „Mimosen“, die ich ggf. mit gewissen Inhalten verschone, oder auch „sehr gute Freunde“, die dann andere Kontaktdaten und Informationen über mich bekommen als „Geschäftspartner“. Das ist schon sehr gut durchdacht. Damit dürften die Rufe nach einem Digitalradierer bald etwas leiser werden.

Google macht mit dem neuen Dienst viel richtig und die Sache hat großes Potenzial: Der Dienst kann vielleicht sogar E-Mail ersetzen, denn über Google+ kommuniziert es sich leichter und schneller. Viele Probleme können so unverzüglich – quasi per Instant Messaging – gelöst werden. Selbstverständlich wäre eine verteilte Lösung besser, in der jeder seinen eigenen Google+-Server haben könnte, aber bis Google+ zu einer freien und verteilten Plattform wird, dürfte noch einige Zeit vergehen: Die Verknüpfung aller über Google+ ausgetauschten Informationen und das kollaborative Bewerten von Inhalten ist natürlich ein enormes Kapital für Google. Hier liegt auch die Gefahr: Google wird nach und nach Informations- und Kommunikationsmonopolist (noch mehr als es schon ein solcher ist). Zum Glück gehört es zu Googles Geschäftsmodell, nicht böse zu sein, aber da ist das ja ähnlich wie bei Rechtsstaaten, die eigentlich auch nicht böse sind und doch immer eine Gefahr für die Freiheit darstellen. Ich würde ruhiger schlafen, wenn anstelle nur eines Anbieters kleine dezentrale Strukturen interagieren würden, die nicht von Monopolisten oder Staaten beherrscht werden.

Wer mir beim Testen von Google+ über die Schulter schauen möchte, muss nur auf mein G+-Profil klicken.