Archive for October, 2011

55,5 Milliarden Euro

Monday, October 31st, 2011

Ich habe versucht, das Problem mit den „verbuchten“ 55,5 Milliarden Euro bei der FMS Wertmanagement zu verstehen. Besonders hilfreich erwies sich (der für mich immer noch schwierige) Text von Jenny, ein Artikel in der FAZ und natürlich die Wikipedia. Der FAZ-Artikel ist möglicherweise nicht ganz korrekt, da er meines Erachtens das Saldierungsverbot mit der Überkreuzkompensation verwechselt (siehe unten).

Jetzt schreibe ich hier einmal auf, was ich verstanden habe. Bitte berichtigt mich, wenn da was falsch ist, denn nur davon verspreche ich mir, das wirklich zu durchschauen.

Offenbar handelt es sich nicht um einen Rechenfehler im herkömmlichen Sinn. Es geht vielmehr darum, dass die Hypo Real Estate nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) bilanziert, während für die FMS Wertmanagement (eine Anstalt des öffentlichen Rechts) die Bilanzierung nach Handelsgesetzbuch greift. Das HGB ermöglicht die sogenannte Überkreuzkompensation, die nach IFRS verboten ist. Wendet man sie an, kann man die Schulden des Unternehmens dadurch mindern, dass stille Reserven aufgelöst werden. Das ist hier offenbar geschehen. Das bedeutet natürlich auch, dass die Schieflage nur virtuell und nicht wirklich besser geworden ist.

Das in der FAZ beschriebene Saldierungsverbot betrifft die Aufrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten (in der FAZ sehr schön erklärt). Das ist aber wohl nicht das Problem, denn so etwas ist auch nach dem Handelgesetzbuch aus guten Gründen verboten.

Wie auch immer zeigt sich, dass mehr denn je Transparenz zu fordern ist, damit eine Bilanz nach IFRS ohne Überkreuzkompensation (bzw. Saldierung) vorgelegt wird, denn nur so kann klar werden, was da eigentlich passiert ist. Man müsste vielleicht sogar noch weiter gehen, und auch andere staatliche und öffentlich-rechtliche Finanzakteure zu einer solchen Offenlegung zwingen. Was dabei herauskommen wird, dürfte allerdings schlimm aussehen.

Update: Ein leider noch technischerer Artikel von Querschuss bestätigt meine Vermutung. Und damit wir auch noch lachen können, der Hinweis auf das Bernsteinzimmer.

Update: Wie aus den interessanten Kommentaren (vielen Dank!) hervorgeht, geht es doch um Saldierung, die in bestimmten Bereichen erlaubt ist (Zinsswap). Richtig ist jedoch, dass dadurch nicht mehr Geld vorhanden ist und die Transparenzforderung nötig bleibt.

Update 17.11.11: Wie unklar die Bewertung der Angelegenheit immer noch ist, wird gerade in der Zeit diskutiert.

Kleiner Spickzettel (Cheat Sheet) für Liquid Feedback

Sunday, October 23rd, 2011

Angeregt durch die vermehrten Aktivitäten im Bundes-Liquid der Piratenpartei und inspiriert von Pavels LiquidFeedback-Strategien gebe ich hier mal ein paar Hinweise für Neulinge im System. Wer mehr wissen möchte, kann sich ja meinen Podcast mit Simon mit dem Titel How to Liquid anhören.

Anmerkung vorweg: Ich schreibe lieber Liquid Feedback in zwei Wörtern als LiquidFeedback, weil mir die Binnenmajuskel nicht gefällt und sich zwei Wörter besser umbrechen lassen.

Die folgenden Tipps sind ausdrücklich für Neunutzer gedacht; am besten ist es allerdings, wenn man sich in einer Gruppe (Stammtisch, Crew usw.) mit dem System vertraut macht. Da man dann schon im realen Leben vernetzt ist, macht das auch mehr Spaß, denn man kann gleich delegieren und zusammenarbeiten.

  1. Als erstes muss man sich einen Nickname – ein Pseudonym – geben. Dazu muss man entscheiden, wie anonym man bleiben will. Ich halte es für vorteilhaft, möglichst mit einem klaren Pseudonym oder sogar mit seinem Klarnamen zu arbeiten, weil das einem Vertrauen und Bekanntheit verschafft. So bekommt man auch leichter Delegationen. Aber natürlich muss das jeder selbst entscheiden. Wenigstens ein leicht wiedererkennbares Pseudonym sollte es schon sein, denn mit dem Pseudonym baut man sich ja auch im System eine Reputation auf (wie bei Wikipedia). Ein freundlicher Avatar oder gar ein Foto steigern auch den Wiedererkennungswert und das Vertrauen. Ansonsten kann man sein Profil auch später noch aufpeppen.
  2. Dann sollte man sich sofort mit anderen Nutzern vernetzen, indem man sie als Kontakte hinzufügt. Das ist wichtig, da man nur an seine Kontakte delegieren kann. Man geht dazu in den Bereich „Mitglieder“ und klickt sich seine Kontakte dort zusammen. Ob man öffentlich macht, wer seine Kontakte sind, ist dabei zweitrangig.
  3. Als nächstes kann man schon mal eine globale Delegation festlegen. Keine Angst! Das bedeutet nicht, dass man seine Stimme aufgibt, denn man kann ja jederzeit selbst abstimmen; außerdem kann man nach und nach Leute für einzelne Themenbereiche delegieren, so dass der global delegierte Kontakt möglicherweise irgendwann gar kein Stimmengewicht mehr von einem Nutzer bekommt, wenn dieser für alle Themenbereiche Spezialdelegierte hat. Wenigstens kann sich der Delegierte dann noch über die (dann wertlose) globale Delegation freuen. :-)
  4. Man delegiert am besten an Leute, die man kennt oder zumindest einschätzen kann. Bei Einzelthemen kann man auch delegieren an Leute, die gute Ideen haben oder überzeugende Anregungen machen. Ansonsten kann man sich ja auch im realen Leben nach Delegierten umschauen (z.B. in der Crew oder am Stammtisch). Bei Themenbereichsdelegationen sollte man darauf achten, ob der Kontakt an den man delegiert auch Mitglied des Themenbereichs ist und somit dort auch ein besonderes Interesse hat (das muss nicht sein, ist aber hilfreich).
  5. In Themenbereichen, die einen besonders interessieren, sollte man Mitglied werden. Das erhöht das Quorum für neue Anträge („Initiativen“) und signalisiert, dass man sich in diesen Themenbereichen besonders engagieren möchte (wenigstens durch eine wohl überlegte Delegation).
  6. Vorzugsweise sollte man an Leute delegieren, die im System aktiv und selbst vernetzt sind, also ihrerseits auch wieder delegieren, um zu verhindern, dass eine Stimme durch Inaktivität in einer Delegationssackgasse verloren geht. Jetzt kann man sich zurücklehnen und einfach beobachten was passiert: Wenn man irgendwo seine Meinung nicht mehr repräsentiert sieht, sollte man umdelegieren. Mehr muss man aber nicht tun: Es ist also unnötig, sich in alles Mögliche einzuarbeiten oder einzudenken, wenn einem das Lesen von Beschlussvorlagen in manchen Themenbereichen weniger interessiert. Man verwendet dann Liquid Feedback repräsentativ-demokratisch, also etwa so wie die herkömmliche Demokratie: Ab und an wird gewählt (delegiert) und die Delegierten tun dann das Ihrige. Der Vorteil gegenüber anderen repräsentativ-demokratischen Systemen ist, dass man jederzeit wählen und auch direkt eingreifen kann.
  7. Selbstverständlich kann man auch direkt-demokratisch teilnehmen: Man kann auf „Themenbereiche“ klicken und sieht, wo gerade Abstimmungen stattfinden. Dort kann man selbst abstimmen. Viele Piraten nehmen weniger an der ersten Phase teil, in der die Anträge entstehen (Diskussionsphase), stimmen aber häufig selbst ab. Über die „Zeitachse“ kann man ermitteln, welche Anträge sich gerade in welcher Phase befinden.
  8. In der Diskussionsphase kann man natürlich auch Anregungen zu Anträgen geben und daran mitwirken, dass sie sich verbessern. Dann sollte man aber (z.B. über die „Zeitachse“) auch verfolgen, was mit den Anregungen geschieht.
  9. Wenn man selbst einen Antrag stellt, sollte man sich zunächst überlegen, was für eine Art von Antrag das ist (z.B. fürs Parteiprogramm, für ein Meinungsbild usw.), denn davon ist das zu wählende Regelwerk abhängig, das vor allem die Fristen für die einzelnen Antragsphasen regelt und bestimmt, welche Mehrheiten nötig sind (einfache Mehrheit, 2/3-Mehrheit für Programm- und Satzungsanträge). Nun besteht die größte Schwierigkeit darin, den eigenen Antrag aus der Phase „neu“ in die Phase „Diskussion“ zu bringen. Dafür ist ein Quorum nötig, also eine bestimmte Zahl von Mitgliedern des Themenbereichs muss den Antrag unterstützen. Man muss also für seinen Antrag werben. Dabei helfen Twitter und Mailinglisten, aber am besten ist es, wenn man auch im realen Leben schon etwas vernetzt ist. Wenn man zum Beispiel eine Arbeitsgruppe (oder einen thematischen Squad) im Rücken hat, dann hat man schon einmal Unterstützer, die dabei helfen, das nötige Quorum zu erreichen. Außerdem sollte man immer mal nach seinem Antrag schauen und Anregungen aufnehmen.
  10. Wenn man gegen einen Antrag ist, sollte man erst einmal Ruhe bewahren, solang der Antrag das Quorum noch nicht erreicht hat. Man kann dann Interesse für das Thema anmelden. Das hat den Vorteil, dass sich das Quorum erhöht (wenn man noch nicht Mitglied des Themenbereichs ist) und dass die eigene Stimme bis zur Abstimmungsphase nicht von einem Delegierten wahrgenommen werden kann. Ich blockiere also durch „Interesse anmelden“ die Delegation. Wenn dann der Antrag das Quorum erreicht hat, dann kann man überlegen, ihn durch Anregungen zu verbessern oder gleich einen Gegenantrag („alternative Initiative“) zu stellen. Dann muss man wie oben natürlich Werbung für seine Position machen und auch immer mal nach seinem Antrag schauen und auf Anregungen eingehen.

Mit diesem kleinen Leitfaden kann man in Liquid Feedback schon sehr viel erreichen. Wichtig ist vor allem die gute Vernetzung innerhalb und außerhalb des Systems. Es kommt – wie hoffentlich deutlich wurde – vor allem darauf an, geeignete Delegierte zu finden, denn alles direkt-demokratisch selbst unter Kontrolle zu behalten, dürfte angesichts der vielen Aktivitäten kaum möglich sein.

Datenspuren

Saturday, October 22nd, 2011

Am letzten Wochenende fanden in Dresden mal wieder die Datenspuren statt. Das ist eine (nicht ganz so große) zweitägige Veranstaltung des CCC Dresden (c3d2). Ich mag die Veranstaltung sehr gern, denn es gibt immer sehr interessante Vorträge und Workshops und die Veranstaltung ist zudem sehr familiär und übersichtlich, das heißt: man trifft viele alte Bekannte und lernt immer neue Leute kennen, mit denen man dann auch die Zeit findet, sich in Ruhe zu unterhalten. Zudem ist die Veranstaltung kostenlos und um die Ecke gibt es auch gutes Essen, falls noch jemand nach guten Gründen sucht, in die Dresdner Neustadt zu fahren.

Besondere gut fand ich, dass die Debatte um Killerspiele und Gewalt am Samstag noch einmal von verschiedenen Seiten noch einmal beleuchtet wurde, denn die politische Diskussion (einschließlich der bekannten Studien) ist doch sehr vorurteilsbehaftet. Wenn man sich näher damit beschäftigt, wird schnell klar, dass es keinen zwingenden Zusammenhang gibt. Interessant war auch die statistische Auswertung der von Wikileaks publizierten Irak-Krieg-Daten. Da wird schnell deutlich, was man mit Statistik alles so machen kann.

Weniger gelungen war die Grünen-Werbeveranstaltung am Samstagabend. Hintereinander sprachen zwei Grünenpolitiker, von denen der erste die Vorschläge der Grünen-Landtagsfraktion nach dem Dresdner Handygate propagieren wollte. Das kam natürlich nicht gut an, zumal deutlich wurde, dass die Fraktion in Bezug auf Bürgerrechte etwas halbherzig ist, wenn sie Funkzellenabfragen prinzipiell für verfassungsgemäß hält. Das Beispiel mit den Gorleben-Sabotagen klang für mich etwas konstruiert und nicht wirklich überzeugend. Malte Spitz kam da deutlich radikaler und überzeugender rüber, allerdings kannte ich den Inhalt seines Vortrags schon.

Am Sonntag hatte ich ein Regiotreffen der Erfa-Kreise und Chaostreffs, weshalb ich den sicher interessante Vortrag von Peponi zu Bitcoins verpasst habe. Dann habe ich mir noch angehört, wie man Clouds selbst baut. Während des letzten Vortrags über den Staatstrojaner musste ich dann aber schon das Feld räumen, um den letzten bequemen Zug zu erwischen.

Insgesamt eine gelungene Veranstaltung, zu der ich gern wieder komme. Dann wird es hoffentlich nicht wieder eine Parallelität mit der OpenMind geben, so dass ich dort auch teilnehmen kann. Vielleicht hilft ja der Grid-Calendar bei der Koordination von Veranstaltungen (Übersicht über alle möglichen Kalender im Bereich freier Software usw.).