Kleiner Spickzettel (Cheat Sheet) für Liquid Feedback

Angeregt durch die vermehrten Aktivitäten im Bundes-Liquid der Piratenpartei und inspiriert von Pavels LiquidFeedback-Strategien gebe ich hier mal ein paar Hinweise für Neulinge im System. Wer mehr wissen möchte, kann sich ja meinen Podcast mit Simon mit dem Titel How to Liquid anhören.

Anmerkung vorweg: Ich schreibe lieber Liquid Feedback in zwei Wörtern als LiquidFeedback, weil mir die Binnenmajuskel nicht gefällt und sich zwei Wörter besser umbrechen lassen.

Die folgenden Tipps sind ausdrücklich für Neunutzer gedacht; am besten ist es allerdings, wenn man sich in einer Gruppe (Stammtisch, Crew usw.) mit dem System vertraut macht. Da man dann schon im realen Leben vernetzt ist, macht das auch mehr Spaß, denn man kann gleich delegieren und zusammenarbeiten.

  1. Als erstes muss man sich einen Nickname – ein Pseudonym – geben. Dazu muss man entscheiden, wie anonym man bleiben will. Ich halte es für vorteilhaft, möglichst mit einem klaren Pseudonym oder sogar mit seinem Klarnamen zu arbeiten, weil das einem Vertrauen und Bekanntheit verschafft. So bekommt man auch leichter Delegationen. Aber natürlich muss das jeder selbst entscheiden. Wenigstens ein leicht wiedererkennbares Pseudonym sollte es schon sein, denn mit dem Pseudonym baut man sich ja auch im System eine Reputation auf (wie bei Wikipedia). Ein freundlicher Avatar oder gar ein Foto steigern auch den Wiedererkennungswert und das Vertrauen. Ansonsten kann man sein Profil auch später noch aufpeppen.
  2. Dann sollte man sich sofort mit anderen Nutzern vernetzen, indem man sie als Kontakte hinzufügt. Das ist wichtig, da man nur an seine Kontakte delegieren kann. Man geht dazu in den Bereich „Mitglieder“ und klickt sich seine Kontakte dort zusammen. Ob man öffentlich macht, wer seine Kontakte sind, ist dabei zweitrangig.
  3. Als nächstes kann man schon mal eine globale Delegation festlegen. Keine Angst! Das bedeutet nicht, dass man seine Stimme aufgibt, denn man kann ja jederzeit selbst abstimmen; außerdem kann man nach und nach Leute für einzelne Themenbereiche delegieren, so dass der global delegierte Kontakt möglicherweise irgendwann gar kein Stimmengewicht mehr von einem Nutzer bekommt, wenn dieser für alle Themenbereiche Spezialdelegierte hat. Wenigstens kann sich der Delegierte dann noch über die (dann wertlose) globale Delegation freuen. :-)
  4. Man delegiert am besten an Leute, die man kennt oder zumindest einschätzen kann. Bei Einzelthemen kann man auch delegieren an Leute, die gute Ideen haben oder überzeugende Anregungen machen. Ansonsten kann man sich ja auch im realen Leben nach Delegierten umschauen (z.B. in der Crew oder am Stammtisch). Bei Themenbereichsdelegationen sollte man darauf achten, ob der Kontakt an den man delegiert auch Mitglied des Themenbereichs ist und somit dort auch ein besonderes Interesse hat (das muss nicht sein, ist aber hilfreich).
  5. In Themenbereichen, die einen besonders interessieren, sollte man Mitglied werden. Das erhöht das Quorum für neue Anträge („Initiativen“) und signalisiert, dass man sich in diesen Themenbereichen besonders engagieren möchte (wenigstens durch eine wohl überlegte Delegation).
  6. Vorzugsweise sollte man an Leute delegieren, die im System aktiv und selbst vernetzt sind, also ihrerseits auch wieder delegieren, um zu verhindern, dass eine Stimme durch Inaktivität in einer Delegationssackgasse verloren geht. Jetzt kann man sich zurücklehnen und einfach beobachten was passiert: Wenn man irgendwo seine Meinung nicht mehr repräsentiert sieht, sollte man umdelegieren. Mehr muss man aber nicht tun: Es ist also unnötig, sich in alles Mögliche einzuarbeiten oder einzudenken, wenn einem das Lesen von Beschlussvorlagen in manchen Themenbereichen weniger interessiert. Man verwendet dann Liquid Feedback repräsentativ-demokratisch, also etwa so wie die herkömmliche Demokratie: Ab und an wird gewählt (delegiert) und die Delegierten tun dann das Ihrige. Der Vorteil gegenüber anderen repräsentativ-demokratischen Systemen ist, dass man jederzeit wählen und auch direkt eingreifen kann.
  7. Selbstverständlich kann man auch direkt-demokratisch teilnehmen: Man kann auf „Themenbereiche“ klicken und sieht, wo gerade Abstimmungen stattfinden. Dort kann man selbst abstimmen. Viele Piraten nehmen weniger an der ersten Phase teil, in der die Anträge entstehen (Diskussionsphase), stimmen aber häufig selbst ab. Über die „Zeitachse“ kann man ermitteln, welche Anträge sich gerade in welcher Phase befinden.
  8. In der Diskussionsphase kann man natürlich auch Anregungen zu Anträgen geben und daran mitwirken, dass sie sich verbessern. Dann sollte man aber (z.B. über die „Zeitachse“) auch verfolgen, was mit den Anregungen geschieht.
  9. Wenn man selbst einen Antrag stellt, sollte man sich zunächst überlegen, was für eine Art von Antrag das ist (z.B. fürs Parteiprogramm, für ein Meinungsbild usw.), denn davon ist das zu wählende Regelwerk abhängig, das vor allem die Fristen für die einzelnen Antragsphasen regelt und bestimmt, welche Mehrheiten nötig sind (einfache Mehrheit, 2/3-Mehrheit für Programm- und Satzungsanträge). Nun besteht die größte Schwierigkeit darin, den eigenen Antrag aus der Phase „neu“ in die Phase „Diskussion“ zu bringen. Dafür ist ein Quorum nötig, also eine bestimmte Zahl von Mitgliedern des Themenbereichs muss den Antrag unterstützen. Man muss also für seinen Antrag werben. Dabei helfen Twitter und Mailinglisten, aber am besten ist es, wenn man auch im realen Leben schon etwas vernetzt ist. Wenn man zum Beispiel eine Arbeitsgruppe (oder einen thematischen Squad) im Rücken hat, dann hat man schon einmal Unterstützer, die dabei helfen, das nötige Quorum zu erreichen. Außerdem sollte man immer mal nach seinem Antrag schauen und Anregungen aufnehmen.
  10. Wenn man gegen einen Antrag ist, sollte man erst einmal Ruhe bewahren, solang der Antrag das Quorum noch nicht erreicht hat. Man kann dann Interesse für das Thema anmelden. Das hat den Vorteil, dass sich das Quorum erhöht (wenn man noch nicht Mitglied des Themenbereichs ist) und dass die eigene Stimme bis zur Abstimmungsphase nicht von einem Delegierten wahrgenommen werden kann. Ich blockiere also durch „Interesse anmelden“ die Delegation. Wenn dann der Antrag das Quorum erreicht hat, dann kann man überlegen, ihn durch Anregungen zu verbessern oder gleich einen Gegenantrag („alternative Initiative“) zu stellen. Dann muss man wie oben natürlich Werbung für seine Position machen und auch immer mal nach seinem Antrag schauen und auf Anregungen eingehen.

Mit diesem kleinen Leitfaden kann man in Liquid Feedback schon sehr viel erreichen. Wichtig ist vor allem die gute Vernetzung innerhalb und außerhalb des Systems. Es kommt – wie hoffentlich deutlich wurde – vor allem darauf an, geeignete Delegierte zu finden, denn alles direkt-demokratisch selbst unter Kontrolle zu behalten, dürfte angesichts der vielen Aktivitäten kaum möglich sein.

10 Responses to “Kleiner Spickzettel (Cheat Sheet) für Liquid Feedback”

  1. [...] für solche Werkzeuge interessiert, für den hat ‘maha‘ kürzlich in seinem Blog einen “kleinen Spickzettel für Neulinge” geschrieben. Kategorie: Allgemein Kommentar abgeben [...]

  2. data says:

    Nette Zusammenfassung und hat mich nochmal mein Profil überarbeiten lassen. Eine Korrektur: Die “Zeitleiste” heißt (mittlerweile?) Zeitachse.

  3. Gerd says:

    Herzlichen Glückwunsch zu Eurem Wahlerfolg: jetzt bringt Ihr mit den Piraten die Grosse Koalition an die Macht in Berlin. Gleiches wird dann 2013 im Bund passieren, da werden sich Merkel und CDU sehr bei Euch bedanken. Genau davor hatte ich schon Dich vor Jahren einmal gewarnt. Schade das du darauf nicht gehört hast.

    Übrigens auch zur deutschen Wikipedia muss ich hier Kritisches derzeit bemerken: wer ist denn das Konto Benutzer:Saint-Louis, der wird nämlich mittlerweile von einer ganzen Truppe von Leuten gedeckt, um seinen katholischen Fundimist in die deutsche Wikipedia hineinzumanövrieren. Bestes Beispiel derzeit sein Vandalieren im Artikel “Ordination homosexueller Geistlicher”, wo er ganze Absätze rauslöscht, um katholischen POV durchzusetzen.

  4. maha says:

    @data: Danke! Ist korrigiert.

    @Gerd: Dass sich Wowi und die Grünen nicht einigen konnten, ist nun wirklich nicht den Piraten zu verdanken. Die rot-grüne Mehrheit war da und dass die Piraten da nicht eine Beton-Opposition mit Linkspartei und CDU bilden, war auch klar.

  5. Ein neuer Pirat entdeckt Liquid Feedback…

    Letzten Donnerstag durfte ich in München an einem LiquidFeedback-Workshop teilnehmen und in meiner Funktion als "Projektleiter" und Mitgliedsverwalter über den Stand der Dinge und einen Ausblick in die Zukunft berichten. Daneben hat Andi Liqu…

  6. [...] …weiterlesen auf www.maha-online.de Did you like this? Share it:Tweet [...]

  7. neumitglied says:

    Danke Maha!
    Eine sehr hilfreiche Fibel hast du da aufgeschrieben.

  8. Bernd says:

    Ein ganz wichtiger Punkt in der Zusammenfassung fehlt: Kontrolle (regelmässig) des Abstimmungs- und Unterstützungsverhalten der Delegierten (insbesondere dann wenn der direkt auserwählte die Stimme garnicht selbst nutzt).

    Ausserdem würde ich die Empfehlung zur Globaldelegation gleich rausnehmen, aber vielleicht mach ich das Fass nicht mehr auf wenn die irgendwann aus dem System verschwinden.

  9. [...] Kleiner Spickzettel für LiquidFeedback von Maha [...]

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