55,5 Milliarden Euro

Ich habe versucht, das Problem mit den „verbuchten“ 55,5 Milliarden Euro bei der FMS Wertmanagement zu verstehen. Besonders hilfreich erwies sich (der für mich immer noch schwierige) Text von Jenny, ein Artikel in der FAZ und natürlich die Wikipedia. Der FAZ-Artikel ist möglicherweise nicht ganz korrekt, da er meines Erachtens das Saldierungsverbot mit der Überkreuzkompensation verwechselt (siehe unten).

Jetzt schreibe ich hier einmal auf, was ich verstanden habe. Bitte berichtigt mich, wenn da was falsch ist, denn nur davon verspreche ich mir, das wirklich zu durchschauen.

Offenbar handelt es sich nicht um einen Rechenfehler im herkömmlichen Sinn. Es geht vielmehr darum, dass die Hypo Real Estate nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) bilanziert, während für die FMS Wertmanagement (eine Anstalt des öffentlichen Rechts) die Bilanzierung nach Handelsgesetzbuch greift. Das HGB ermöglicht die sogenannte Überkreuzkompensation, die nach IFRS verboten ist. Wendet man sie an, kann man die Schulden des Unternehmens dadurch mindern, dass stille Reserven aufgelöst werden. Das ist hier offenbar geschehen. Das bedeutet natürlich auch, dass die Schieflage nur virtuell und nicht wirklich besser geworden ist.

Das in der FAZ beschriebene Saldierungsverbot betrifft die Aufrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten (in der FAZ sehr schön erklärt). Das ist aber wohl nicht das Problem, denn so etwas ist auch nach dem Handelgesetzbuch aus guten Gründen verboten.

Wie auch immer zeigt sich, dass mehr denn je Transparenz zu fordern ist, damit eine Bilanz nach IFRS ohne Überkreuzkompensation (bzw. Saldierung) vorgelegt wird, denn nur so kann klar werden, was da eigentlich passiert ist. Man müsste vielleicht sogar noch weiter gehen, und auch andere staatliche und öffentlich-rechtliche Finanzakteure zu einer solchen Offenlegung zwingen. Was dabei herauskommen wird, dürfte allerdings schlimm aussehen.

Update: Ein leider noch technischerer Artikel von Querschuss bestätigt meine Vermutung. Und damit wir auch noch lachen können, der Hinweis auf das Bernsteinzimmer.

Update: Wie aus den interessanten Kommentaren (vielen Dank!) hervorgeht, geht es doch um Saldierung, die in bestimmten Bereichen erlaubt ist (Zinsswap). Richtig ist jedoch, dass dadurch nicht mehr Geld vorhanden ist und die Transparenzforderung nötig bleibt.

Update 17.11.11: Wie unklar die Bewertung der Angelegenheit immer noch ist, wird gerade in der Zeit diskutiert.

14 Responses to “55,5 Milliarden Euro”

  1. Anna-Lena says:

    Nur so zum Verständnis:
    Wann wäre denn dann dieser Fehler entstanden? Müsste ja bereits bei der Verstaatlichung geschehen sein. Also bei der Umstellung von IFRS auf die Vorschriften des HGB, oder?

  2. Felix aus Frankfurt says:

    “Wendet man sie an, kann man die Schulden des Unternehmens dadurch mindern, dass stille Reserven aufgelöst werden. Das ist hier offenbar geschehen. Das bedeutet natürlich auch, dass die Schieflage nur virtuell und nicht wirklich besser geworden ist.”

    Das kann man so oder so sehen: Wenn “Stille Reserven” vorhanden sind, war die Situation schon vorher ja gar nicht so schlimm, wie sie nach den Büchern zu sein schien, weil ja in gewisser Höhe Wert(e) vorhanden sind, die eben *nicht* in der Bilanz auftauchten.

    Nach HGB war das immer ein beliebter Trick der “Bilanzglättung”: Eine Firma verkauft Beteiligungen (in der Regel Aktien), die in den Büchern zu niedrigeren Werten angesetzt waren (meist zu Anschaffungskosten) als dem Marktwert. Durch dem Verkauf konnten die Sillen Reserven so gehoben und schlechte Jahre “abgefedert” werden. Gerade die Bilanzierungsregeln für Banken sahen da eine ganze Reihe von Möglichkeiten vor, weil der Gesetzgeben bewußt “Gewinnsprünge” vermeiden wollte, um das Vertrauen in die Banken nicht zu gefährden. Das spielt heute aber alles keine so große Rolle mehr, weil i.d.R. nach den IFAS bilanziert wird.

    Generell wird aber eines deutlich: Um zu verstehen, wie es um die Bad Bank bestellt ist, reicht die Aussage “Wir haben 55,5 Mrd. € gefunden” bei weitem nicht aus! Wichtig wäre zu verstehen, wie die Bilanzersteller zu den einzelnen Werten gekommen sind, sprich, auf welche Weise die Werthaltigkeit der Papiere bestimmt wurde. Vor allem, wieviel Luft “nach oben” oder “nach unten” da noch ist.
    Da selbst das aber immer nur Anhaltspunkte sein können und letztendlich entscheidend ist, wieviel man für die einzelnen Positionen wird erlösen können, wenn man sie verkauft oder hofft, dass die Schuldner ihren Verpflichtungen nachkommen, wird es nach Abwicklung der Bad Bank klar sein, wieviel sie uns gekostet haben wird.

  3. Felix aus Frankfurt says:

    Noch ein Nachtrag:

    Ich bin mir nicht sicher (und dafür gibt der Artikel nicht genug her), ob es nicht DOCH ein Problem mit der Saldierung ist. Allerdings ein anderes, als hier im Blog beschrieben.

    Verbindlichkeiten sind immer “sicher”: Ich weiß, dass ich etwas schulde, und das muss ich auch in voller Höhe zahlen.
    Forderungen dagegen sind immer “unsicher”: Ich weiß eben NICHT, ob ich “mein Geld” bekomme und wenn ja, ob in voller Höhe.

    Ich verstehe den Artikel nun so, dass der Bund die Verbindlichkeiten in voller Höhe übernommen hat (eben, weil sie SICHER sind), die Forderungen aber nur mit einem Abschlag (weil sie eben UNSICHER sind).

    Im Prinzip ok. Nun gibt es aber Forderungen, die sicher sind: Nämlich diejenigen, die ich gegenüber Geschäftspartnern habe, die mir auch etwas schulden. Hier finde ich es völlig ok, wenn man die (zum Zwecke der Ermittlung der tatsächlich drohenden Ausfälle) mit den ensprechenden Verbindlichkeiten verrechnet. So muss nun der Bund für einen Teil der Forderungen keinen Abschlag mehr berücksichtigen und hat “von Geisterhand” seine Verbindlichkeiten reduziert.

    Eigentlich ist aber nichts passiert, denn auch im Laufe der Zeit, wenn die einzelnen Positionen aufgelöst werden, wäre man zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Oder, anders formuliert: Bei dem Teil der Forderungen, bei dem es eine entsprechende Verbinlichkeit zu gibt, hat man von vorneherein zu vorsichtig gerechnet und ist von einem zu schlechten Ergebnis ausgegangen.

  4. maha says:

    @Felix: muss es nicht wie folgt heißen? „Nun gibt es aber Forderungen, die sicher sind: Nämlich diejenigen, die ich gegenüber Geschäftspartnern habe, denen ich etwas schulde.“

  5. maha says:

    @Anna-Lena: Es ist ja kein Fehler. Man hat die Möglichkeiten des HGB nicht sofort bei der Verstaatlichung, sondern offenbar erst später umgesetzt.

  6. Rene Brosig says:

    Das ist nicht ganz korrekt.
    Die FMS bedient sich der Aufrechnung. (vgl. BGB §387 ff)
    Demnach ist es zulässig, sofern vertraglich abgesichert, Schuld und Vermögenswerte zu saldieren. Das ist besonders für die FMS notwendig, da ausschließlich Schuldposten in die Staatsverschuldung eingerechnet werden. Da die bilanzierten Vermögenspositionen i.d.R. toxisch, also nicht werthaltig sind macht das überlicherweise auch Sinn.
    Bei den hier betroffenen Schuldpositionen handelt es sich allerdings um Barsicherheiten für Finanzderivate.
    Im Klartext heist das: Eine noch nicht fällige Vermögensposition wird, üblicherweise bei schlechter Bonität, durch eine Bareinlage gesichert.
    Durch den Eingang der Barsicherheit wird eine Verbindlichkeit bilanziert, welche mit der zugehörigen Vermögensposition saldiert wird.
    Diese Saldierung wurde durch die FMS nicht durchgeführt.
    Der Fehler wurde jetzt festgestellt und nachgeholt.
    Mit stillen Reserven hat dieser Vorgang nichts zu tun. Es bedeutet, dass sich die Finanzlage der FMS dadurch nicht ändert, da es sich lediglich um eine Aktiv / Passiv Minderung (Bilanzverkürzung) handelt.
    Da für die Ermittlung der Staatsschulden aber nur die Schuldposten der FMS als Grundlage dienen, werden diese jetzt reduziert.
    Liebe Grüße
    Rene

  7. Felix aus Frankfurt says:

    @maha: Ja, klar, sorry. Die Schulden mit was und ich denen, in dem Fall ist sowohl Verbindlichkeit als auch Forderung “sicher”.

  8. Albert Barth says:

    Bewertungswahlrechte für unterschiedliche Interessen?

    Ich will mich der Angelegenheiten mal ganz abstrakt mit einfachen Bilanzgrundsätzen nähern. Dazu bedarf es weder Insiderwissen über die FMS noch über die hinter den Bilanzpositionen stehenden Werte.

    Der wichtigste Posten einer Bilanz ist das Eigenkapital, denn nach § 4 Abs. 1 S. 1 EStG gilt: „Gewinn ist der Unterschiedsbetrag zwischen dem Betriebsvermögen am Schluss des Wirtschaftsjahres und dem Betriebsvermögen am Schluss des vorangegangenen Wirtschaftsjahres, vermehrt um den Wert der Entnahmen und vermindert um den Wert der Einlagen.“

    Grundsätzlich findet man auf der Aktivseite einer Bilanz das Vermögen (Mittelverwendung) und auf der Passivseite die Mittelherkunft, also das Eigen- und das Fremdkapital. Daraus ergibt sich folgende Formel: Eigenkapital = Vermögen – Fremdkapital. Daraus folgt: Gewinn Jahr 1 = Eigenkapital Jahr 1 – Eigenkapital Jahr 0.

    Die Verringerung der Bilanzsumme auf 301,8 Mrd. zeigt zunächst nur eine Bilanzverkürzung. Maßgeblich für die Höhe der Verschuldung ist aber ausschließlich das Eigenkapital.

    Bei der FMS dürfte es sich um ein aktivisches Eigenkapital handeln, was bedeutet, dass das Fremdkapital höher als das Vermögen ist, also eine Überschuldung vorliegt. Kommt es zu der berichteten Bilanzverkürzung von 357,8 Mrd. auf 301,8 Mrd. gibt es drei Möglichkeiten:

    a) durch Saldierung von Vermögen und Schulden = gewinnneutral
    b) durch Erhöhung des Wertansatzes für das Vermögen = 56 Mrd. Gewinnerhöhung
    c) durch Minderung des Wertansatzes für die Schulden = 56 Mrd. Gewinnerhöhung

    Gewinnerhöhung um 56 Mrd. bedeutet gleich Schuldenreduzierung um 56 Mrd.

    Ich persönlich glaube nicht so recht an einer Fehlbuchung. Ich denke, Bewertungswahlrechte lassen unterschiedliche Interessen zu: die Buchhaltung der HRE Holding AG zielt naturgemäß auf den niedrigsten Gewinnausweis – unser Finanzminister bei der FSM naturgemäß auf den höchsten.

    Vgl. auch die Ausführungen von Felix at 17:23. Aber, eine Saldierung ist grundsätzlich nicht möglich (§ 246 Abs. 2 HGB).

    Bei Finanzderivaten wie Zins-Swaps sind Forderung und Verbindlichkeit zu saldieren. Ergebnis ist ein nicht zu bilanzierendes schwebendes Geschäft oder eine Drohverlustrückstellung.

  9. Albert Barth says:

    Korrektur zu 1 November, 2011 at 0:40:

    Kommt es zu der berichteten Bilanzverkürzung, gibt es drei Möglichkeiten:

    a) Saldierung/Ausgleich von Vermögen und Schulden = gewinnneutral
    b) Minderung des Wertansatzes Vermögen = 56 Mrd Gewinnminderung
    c) Minderung des Wertansatzes Schulden = 56 Mrd. Gewinnerhöhung

  10. Albert Barth says:

    Wenn man dem Artikel in Spiegel-Online vom heutigen Tage glauben darf, dann handelt es sich um die nachgeholte Saldierung von Forderungen und Verbindlichkeiten aus Derivaten. Dies führte zu einer gewinnneutralen Bilanzverkürzung; vgl. oben Fall a).

    “Wir haben keineswegs mehr Geld” wird eine namentlich nicht genannte Quelle zitiert, weil sich Vermögen und Schulden um den gleichen Betrag reduziert haben. Wie oben bereits ausgeführt, gilt das Saldierungsverbot nach § 246 Abs. 2 HGB hier nicht, weil es sich dem Vernehmen nach um Zins-Swaps handelt. Zins-Swaps bestehen immer aus Forderungen und Verbidnlichkeiten, deren Barwertsaldo etweder einen Vermögenswert darstellt, der als schwebendes Geschäft nicht bilanziert werden darf oder eine Schuld, für die eine Drohverlustrückstellung in die Bilanz eingestellt werden muss.

    Die kameralistische Buchhaltung der öffentlichen Hand berücksichtigt Aktiv- und Passivseite der FMS-Bilanz getrennt im Vermogens- und Schuldenhaushalt. Das scheint den Staaten wichtiger zu sein als Gewinn und Verlust.

    Ein Trost bleibt. Kommunen und Länder haben bereits begonnen ihre Haushalte auf die sogenannte Doppik umzustellen.

  11. maha says:

    Hallo Rene, das klingt sehr überzeugend. Sind denn wirklich Barsicherheiten vorhanden? Es geht doch um Immobilienkredite, da sind die Sicherheiten doch eher die Häuser (usw.). Klar, eine Bank benötigt einen gewissen Prozentsatz von Barsicherheiten, aber die müssten doch eigentlich bei der HRE verblieben sein.

    Update: Ich habe gerade erst die anderen Kommentare gelesen. Es handelt sich offenbar nicht um Immobilienkredite, sondern Derivate (Zins-Swaps).

  12. Gerd says:

    Hallo Maha,

    da hast du Dir aber ein Thema diesmal im Blog ausgesucht. Bin schwer beeindruckt, wie Du dir dies Thema erschlossen hast, obgleich es sicherlich nicht in deine Studienfächer gehört. Da begibst du dich aber tief in de Bilanzierungstrickkiste hinein.

    Gruss aus dem Westen

    Gerd

  13. Niels says:

    Hallo zusammen,

    sehr angregende Diskussion hier. Finde den Vorgang inhaltlich sehr spannend und ärgere mich über die banale Darstellung in den Medien (Buchungsfehler).

    Mein erster Gedanke hierzu war die mit BilMoG neue “Bildung von Bewertungseinheiten” nach § 254 HGB. Zwar ist die Saldierung hier verpflichtend, mit den erheblichen Ermessensspielräumen handelt es sich jedoch mehr um ein faktisches WR. Ich habe vermutet, dass die FSM den § 254 nicht angewendet hat. Wobei der Ursprung von Hedge Accounting (und das ist im Grunde das bilden von Bewertungseinheiten) ja IFRS ist und eine Abweichung zwischen den Standards nicht zu erklären ist.

    Mein zweiter Gedanke war die Aufrechnung nach § 387 BGB. Leider sind Informationen zum Sachverhalt rar, aber ich lese immer wieder es handelt sich um Derivate. Somit müsste es sich doch um § 254 HGB handeln.

    In der Bankbilanzierung bin ich leider nicht versiert, aber nachdem, was ich hier lese ist für mich weiterhin § 254 HGB das schlüssigste.

    Würde mich freuen, dass Thema hier weiterhin zu diskutieren.

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