Tschüss

Ich bin auf den Artikel über das Tschüss-Verbot an einer bayerischen Schule aufmerksam gemacht und um einen Kommentar gebeten worden. Ich glaube, dass die Schulleiterin und ihre Unterstützer in ihrer sprachlichen Bewertung der Grußformeln irren. Es handelt sich nämlich, zumindest in Bayern (und somit anders als in anderen Teilen Deutschlands) bei tschüss! keineswegs um eine unhöfliche Variante von auf Wiedersehen!. Was nämlich gern übersehen wird, ist dass es in Bayern oft noch einen stärker dialektalen Verabschiedungsgruß gibt, der allerdings von Region zu Region variiert. In Oberfranken ist das, je nach Grad der Intimität ade! oder gar adela! (ade und Diminutiv). Damit ist klar, dass wir hier ein Dreier- oder Viereropposition haben:

  1. auf Wiedersehen!
  2. tschüss!
  3. ade!
  4. adela!

Hier wird schon klar, dass tschüss! eher in den höflichen Bereich gehört, und so habe ich es auch empfunden als ich nach Franken kam. Gerade in kleineren Läden ist es völlig üblich, dass sich einander unbekannte Menschen mit tschüss! verabschieden. Das mag eine Innovation sein, wird aber nicht als unhöflich empfunden. Selbstverständlich hat das tschüss! in Gegenden, wo es keine (dialektalen) familiären Varianten gibt, einen anderen Stellenwert als dort, wo es solche gibt. Gibt es familiärere Formen, avanciert tschüss! zur Normalform, der man mit schulischen Verordnungen nicht den Garaus machen kann.

Bei Begrüßungen ist es noch komplizierter, weil die Auswahlmöglichkeit noch größer ist. Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. grüß Gott!/guten Tag!
  2. hallo!
  3. servus!
  4. hi!
  5. sers!

Die Variante servus! hielt ich vor meiner Zeit in Oberfranken für österreichisch, das ist aber nicht so. Man hört sie nicht so häufig wie in Österreich, aber sie wird unter Freunden durchaus benutzt, wobei ich häufiger hi! höre (womöglich ist mein Freundeskreis nicht repräsentativ). Die Kurzform sers! für servus! war mir unbekannt, bis ich sie vor einiger Zeit gehört und dann auch deutlich wiedergehört und in einer E-Mail sogar gelesen habe. Auch hier zeigt sich deutlich, dass hallo! zur Normalform geworden ist. In Läden, aber insbesondere auf den Fluren der Universität oder in Kneipen ist das der normale Gruß. Möglicherweise trägt dazu auch bei, dass es einen Konflikt zwischen grüß Gott! und guten Tag! gibt. Ersteres kommt vielen Reingeschmeckten schwer über die Lippen, letzteres wirkt norddeutsch und fremd in Bayern. Da ist hallo! ein guter Kompromiss.

Anmerkung zur Schreibung von tschüss

Im zitierten Artikel wird tschüss mit nur einem s geschrieben. Das ist zwar nach Duden und Co. eine mögliche Standardorthografie, aber sie ist trotzdem schlecht, da sie eine falsche zugrundeliegende Form suggiert. Manche Sprecher können nämlich Ableitungen aus tschüss bilden, z.B. tschüssi, tschüssing oder gar tschüssikowski. Ich habe alle drei Varianten gehört (nicht in Bayern!), selbst nutzen würde ich höchstens tschüssi – ungern zwar, aber es ist für mich eine korrekte Ableitung. Das bedeutet, dass ein stimmloses s zugrundeliegt, demnach ist die Schreibung mit ss vorzuziehen.

22 Responses to “Tschüss”

  1. martin0 says:

    danke maha

  2. jbs says:

    Ich bevorzuge “moin” oder “moin moin” als Begrüßung und “tschüs” (mit einem sehr langen ü) als Abschiedsfloskel.

  3. In dem Artikel bei Spiegel Online heißt es:

    “Denn laut Wikipedia soll sich das lockere “Tschüs” aus “atschüs” entwickelt haben – und das lässt sich – je nach Philosophie – auf das spanische “adiós” oder das französische “adieu” zurückverfolgen. Übersetzt: “zu Gott”.”

    So falsch steht es bei Wikipedia nicht, aber leider auch eher philosophisch als sprachkundlich. Die wallonische Form ‘adjuus’ aus Kluge wird immerhin verwendet, aber die Aussprache mit /adjüüs/ falsch wiedergegeben und damit verkannt, warum Seebold/Kluge ‘tschüs’ so eindeutig von wallonisch ‘adjuus’ ableitet. bezeichnet dort /dsch/. Der Wallone neigt offenbar zum Affrizieren: dji tchante ‘je chante’. Das führt lautlich direkt zu ‘tschüs’, alle anderen romanischen Formen nicht.

    ‘Adschüs’ mit stimmhaften /d/ ist bis zur Jahrhundertwende die rheinisch-niederrheinische Lautung. Daraus dann das heutige “Schöö!”, das ich für die gelungendste Aussprache halte. Genau diese Gegend, die beim Eintreffen von ‘adjüss’ ins Deutsche gerade vom Niederdeutschen (Westfälisch, Südniederfränkisch, Märkisches und Soester Platt) zum Hochdeutschen umstieg, darf man ziemlich sicher als Entstehungsort annehmen. Die Ausbreitung ins nördliche und östliche Niederdeutsche mit Verhärtung zu ‘tsch’ kommt erst danach.

    ‘Tschüs’ ist in Bayern unhöflich, wenn man es zu kurz spricht und beim Auslaut eine saloppe Schärfe entsteht. Was nicht mindestens zwei Silben hat, kann man als Schüler nicht zu einem Lehrer sagen. ‘Tschühüs’ ginge. Leider steht den Bayern das fröhliche “Schöö!” aus dem Rheinland nicht zu Verfügung.

  4. Cyrus McDugan says:

    Ich möchte noch auf eine weitere Begrüßung hinweisen, wie sie aber eher in Norddeutschland üblich ist: “Moin”, in manchen Regionen wird auch “Moin, Moin” verwendet. Dieser Begriff ist zeitneutral (die Verwandtschaft zu “Morgen” ist zwar naheliegend, aber falsch), kann also morgens, mittags, abends und nachts verwendet werden. Das Wort ist aber auch beziehungsneutral, kann also sowohl bei förmlichen Begrüßungen als auch unter Freunden und Verwandten benutzt werden. Ich lasse mich auch nicht davon abbringen, mit einem freundlichen “Moin” selbst in englischsprachige IRC-Channels zu gehen. (Auch in der englischsprachigen Wikipedia gibt’s einen Artikel über das Wort.)

  5. Thomas says:

    Sehr schön, also für meine Schule kann ich sagen, dass ich froh bin, dass ich freundlich gegrüßt werde, egal wie.

    Grüß Gott ist aber hier in Bamberg eh unüblich. :)

  6. Uli says:

    Dazu muss man aber noch anmerken das viele Ober- und Niederbayern der Meinung sind Franken wären gar keine “echten” Bayern ;)
    “Bayern” ist ein sehr großes Land und Passau liegt näher an Österreich als an irgendwelchen fränkischen Städten.

  7. LennStar says:

    Als oller Atheist würde ich bei Grüß Got wahrscheinlich sowas sagen wie “So hoch will ich gar nicht” oder “erst in 100 Jahren”. (wenn man an letzteres denkt, ist es doch äußerst unhöflich, jemandem zu sagen, er soll Gott grüßen, also sterben)

  8. CF says:

    @LennStar:

    „grüß gott“ ist natürlich keine aufforderung, gott zu grüßen, sondern – die dialektformen bringen es an den tag – ein verkürztes „griaßde/-enk/-eich good“.

    Vgl. auch das „pfiate/-senk/-seich (good)“, ursprüngliche bedeutung „gott behüte dich/euch“, zur verabschiedung und siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Grüß_Gott

  9. CF says:

    @Uli: der terminus technicus ist „beutebayern“ (im gegensatz zu den „altbayern“ in oberbayern, niederbayern und der oberpfalz).

  10. Ben says:

    Da es sich um eine niederbayerische Schule handelt, sind alle Ausführungen zu fränkischen Dialekten nutzlos. Franken gehört nur auf dem Papier zu Bayern, sprachlich sind die Unterschiede zu groß, was man auch daran merkt, dass das Unterfränkische mehr mit dem Hessischen als mit dem Bayerischen zu tun hat.

    Ich bin als Preußenkind in einer niederbayerischen Kleinstadt aufgewachsen und kann versichern: Wer Tschüss sagt, macht sich unbeliebt. Niemand muß “Grüß Gott” sagen, “Guten Tag” tut es auch – aber “Hallo” enthält eine Nähe, die sich im formalen Umgang nicht gehört.

  11. ksheeeep says:

    Danke für die Erklärungen. Es ist sehr beruhigend zu sehen, mit welch wichtigen Dingen sich die Schulleitung in Passau beschäftigt und offenbar Zeit hat sich zu beschäftigen. In meiner Schulgeneration hätte das wahrscheinlich dazu geführt, dass die ganze Klasse tschüss gesagt hätte. Ich denke es ist oft eher der Tonfall mit dem etwas gesagt wird, der über höflich oder unhöflich entscheidet. Wenn Fans beim Fussball “Auf Wiedersehen” grölen ist das ja eher hämisch gemeint.
    Bayern – Deine Sorgen möchte ich haben.

  12. Frank says:

    Wieso Tschüss /tʃʏs/ in Bayern unhöflich sein soll, kapier ich nicht. Klar kann man das mit einem beleidigenden Ton artikulieren. Das hat mit der Kürze allein aber wenig zu tun.

  13. Kay says:

    Man darf an dieser Stelle noch erwähnen, dass sich in weiten Teilen Deutschlands oder besser gesagt bei einem signifikanten Prozentsatz der Bevölkerung (Ruhrgebiet, Saar, Erzgebirge) die Frage nach der richtigen Begrüssung nicht stellt, da man mit einem schlichten

    Glück Auf!

    immer richtig liegt. Selbst im Schriftverkehr (noch) gebräuchlich.

  14. Kay says:

    @LennStar: die Antwort “.. wenn ich ihn denn mal sehe..” erscheint mir da besser geeignet.

  15. Keks says:

    Hi Maha,

    bei der Schreibweise stimme ich dir zu. Wobei…müsste dann nicht auch “Bus” mit zwei “s”geschrieben werden?

    Tschüss ;-)
    Keks

  16. maha says:

    @Belles Lettres: Ja, danke für die Ausführungen, wollte ich hier nicht vertiefen, aber natürlich kommt tschüss über das Niederdeutsche ins Hochdeutsche. Ob man das Wallonische als Zwischenstufe wirklich braucht, weiß ich nicht.

    @cyrus: Genau: Moin ist der neutrale norddeutsche Gruß.

    @Ben: selbstverständlich sind die Ausführungen zu Franken mit Vorsicht zu genießen, wenn es um Niederbayern geht. Die Grenze des “Grüß Gott!”-Gebiets verläuft aber nördlich von Bamberg, so dass es hier immerhin eine ähnliche Situation gibt.

    @Keks: Bus ist ein Lehnwort (Omnibus) und behält einfach die lateinische Schreibweise, obwohl es schon einen deutschen Plural hat. Logischer wäre natürlich Buss. Kommt vielleicht bei der nächsten Rechtschreibreform. Dann kann man vielleicht auch zu -niss zurückkehren (das mal die richtige Schreibung des Suffixes war).

  17. Schnodderdeutsch says:

    Tschüssikowski stammt natürlich aus dem Schnodderdeutsch von Rainer Brandt.

    Wiederschaun!

  18. KiGaZw says:

    Die Sprachkultur vom östlichen Ober- bzw. Niederbayern hat wenig mit der der Franken zu tun. Auch redet der Ober- bzw. Niederbayer überhaupt nur die Hälfte eines Franken, wenn überhaupt. ;-)

    “Tschüss” ist hier unten nur eines der Merkmale um jemanden als oberhalb der Weisswurstgrenze wohnenden zu identifizieren. Es ist so unüblich und unmöglich wie “Moin moin”, “Ade” oder “Good Morning”. Kein Unterschied zwischen inländischen Dialekten und Fremdsprachen wird hier gemacht.

    Wenn ich zu älteren Herrschaften flaxig “Tschüss” sage, dann empfinden die das als sogar als unhöflich, weil der Respekt fehlt. “Habe die Ehre” ausgesprochen ist sehr höflich aber überholt, schlampiges “Habedere” ist nur unter sehr gut Bekannten möglich. Höflich ist immer “Grüß Gott” und “Auf wiedersehen”. “Servus” würde man nie zum Pfarrer oder Bürgermeister sagen, bei Freunden geht das gut.

  19. Gerd says:

    Also ich als Nordwestdeutscher bin auch für die Begrüßung “moin” oder “moin moin”; das passt den ganzen Tag über.

  20. t says:

    Also ich würde sagen, “Sers” entstammt der Jugendsprache und wäre ansonsten nicht sehr höflich. “Grüß Gott” ist eine genauso wenig hinterfragte Floskel, wie es wohl auch “Moin” ist. Mit “Grüß Gott” wird man auch auf Schildern an Ortseingängen begrüßt, ich weiß nicht, ob das auch für “Moin” gilt.

  21. ValiDOM says:

    hi Maha! Kann es sein, dass Du “tschau” (von ciao aus dem italienischen) übersehen hast? Ist zumindest im Münchner Raum der geläufigste, sowohl im Geschäften als auch unter Kollegen und Freunden.

    Zudem wird “servus” häufig auch als Abschiesformel genutzt.

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