Der Wulff-Rücktritt

Nachdem mich wieder so viele Leute um eine sprachliche Bewertung der Rücktrittsrede von Christian Wulff gebeten haben (Youtube), komme ich diesem Wunsch hier nach, obwohl die sehr kurze und trocken abgefasste Rede nicht soviel hergibt wie andere.

Durch die Wahl des Perfekts gleich im ersten Satz – und im weiteren Verlauf durch das Präteritum – ist von vornherein klar, dass Wulff zurücktreten wird, das macht die Rede von Anfang an unspannend.

Die Rede ist sehr persönlich gehalten. Diesmal kommt das impersonale Pronomen man nicht vor. Dafür umso häufiger die erste Person Singular. An zwei Stellen sagt Wulff sogar: „Ich bin davon überzeugt, dass …“, benutzt also eine Formulierung die den persönlichen Charakter der Aussage noch unterstreicht, denn seine Überzeugung hätte er äußern können, ohne sie mit so einer performativen Formel einzuleiten:

„Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen gelingt.“

Er hätte genauso gut sagen können:

Deutschland kann seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten …

Die prominente Nennung der Wirtschaft an dieser Stelle zeigt im Übrigen noch einmal, wem sich Christian Wulff verpflichtet fühlt.

Auch die erste Person Plural wird verwendet, zweimal inklusiv mit Bezug auf ‚wir Deutschen‘: „wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam“, „Unser Land“. Nur als es um die Medienberichte geht, verwendet er es exklusiv mit Bezug auf „meine Frau und ich“.

Auf dem Höhepunkt der Rede wählt Wulff ungewöhnliche Formulierungen: „Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, …“ Hier beißt sich das Verb werden, das eine Veränderung anzeigt mit dem Adverb mehr, das eine zeitliche oder quantitative Begrenzung bezeichnet. Bei der Formulierung: „Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten.“ ist das späte Auftreten des Objektpronomens auffällig, das eigentlich nach dem Hilfsverb habe stehen sollte. Vielleicht hatte er zunächst: „Ich habe … korrekt gehandelt.“ sagen wollen, wobei die Wahl von „mich verhalten“ die Bedeutung von korrekt auf interessante Weise verschiebt:

Das Adjektiv korrekt bedeutet eigentlich ‚richtig, fehlerlos‘, in Verbindung mit sich verhalten kann es auch ‚fair, angemessen‘ bedeuten (was allerdings nicht zu der Modifizierung mit rechtlich passt). Nur so lässt sich der Widerspruch erklären, der in Wulffs zentraler Aussage steckt:

„Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten. Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig.“

In der Grundbedeutung von korrekt wäre: „Ich habe Fehler gemacht“ ein deutlicher Widerspruch. Interessant ist dabei, dass korrekt und aufrichtig etymologisch verwandt sind. Beide – Aufrichtigkeit und rechtliche Korrektheit – bleiben allerdings noch zu prüfen.

Der allerletzte Satz gibt Rätsel auf:

„Und ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern, denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“

Unklar ist hier, wer und was mit der abschließenden Formulierung gemeint ist: „und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“ Die anwesenden Journalisten? Das erscheint nicht sehr sinnvoll, denn sie sind ja eh Bürgerinnen und Bürger. Der Sinn der Formulierung bleibt offen, vielleicht wurde sie deshalb auch in der Wiener Zeitung weggelassen.

Trotz des Rätsels im letzten Satz ist es ein eher langweiliger Text, wie man ihn von Christian Wulff erwartet hatte.

Update: Nach den vielen Kommentaren hab ich mir das Video noch mal angesehen. Es sieht tatsächlich so aus, als meine Wulff am Ende die anwesende Presse. Gut, eine Captatio benevolentiae (‚Einfangen von Wohlwollen‘) in Richtung Presse passt natürlich ans Ende seiner letzten öffentlichen Äußerung als Bundespräsident – und vielleicht überhaupt, denn wer will ihm jetzt noch zuhören?

25 Responses to “Der Wulff-Rücktritt”

  1. Judith says:

    Ich hatte den letzten Satz so interpretiert, dass er den Journalisten oder Medien, die ja das Augenmerk der Öffentlichkeit immer auf seine Skandälchen gerichtet haben, nicht böse sein will.

  2. WULFFS ABTRITT

    Spät trat er, doch er trat
    zurück. Der weite Weg nach oben
    entschuldigt auch sein Säumen …

    Richard Albrecht, 170212

    http://bewegung.taz.de/aktionen/wulf-muss-weg/beschreibung
    http://duckhome.de/tb/archives/9861-WULFFS-ABTRITT.html

  3. simulation says:

    Vielen Dank für die Analyse. Interessant fand ich noch

    “Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, braucht einen Präsidenten, […] der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird.”

    Wulff impliziert, das Vertrauen einer Mehrheit gehabt zu haben (aber nicht das einer breiten Mehrheit). Das ist nach den Umfragewerten falsch bzw. lange her.

    Generell ist die Rede sprachlich tatsächlich langweilig, inhaltlich wird die Realität mindestens sehr gedehnt. “Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig” ist offensich schon selbst nicht aufrichtig, denn er hat relevante Verbindungen verschwiegen.

    Er trete wegen des mangelnden Vertrauens zurück ist ebenfalls eine interessante Auslegung. Bisher konnte ihn mangelndes Vertrauen nicht dazu bewegen, tatsächlich tritt er wegen der bevorstehenden Aufhebung der Immunität zurück. Das hat mit mangelndem Vertrauen nichts zu tun, es ist ein Vorgang zur Einleitung strafrechtlicher Ermittlungen.

    Er bleibt eben ganz Wulff bis zum Schluss: “Besser ehrlich”.

  4. 0x4342 says:

    Der Teil „… und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“ bezieht sich m.E. auf die anwesende Presse.

  5. frlan says:

    “Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten”
    Er weiß, dass er das Recht bis zum Besten gebeugt hat. Soviel ist klar.

  6. Rücktritt: Es hat sich ausgewulfft…

    Der deutsche Staatspräsident Christian Wulff ist zurückgetreten. In der ersten Reaktion ist eine große Last von den Schultern der deutschen Bürger genommen. Zu schwer, zu untragbar wurden seine Windungen, Entschuldigungen und Bekun…

  7. da rog says:

    Lügen, lügen u nochmehr lügen! Und das bis zum bitteren Ende u darüber hinaus!
    Unglaublich aber wahr!! Rhetorisch mal wieder ganz, ganz schlecht u sich noch selber die Puperze knutschen u gaaaaanz viel Selbstmitleid. Auweia, is das peinlich !!!! SEINE tolle Arbeit, SEINE tolle Aufrichtigkeit, SEINE tolle Ehrlichkeit den Bürgerinnen u Bürgern gegenüber …
    Und dann noch die scheinheiligen Huldigungen u Danksagungen u Respekt der Kanzlerin! Denken die denn wirklich, wir seien alle so sehr blöd oder was?
    Danke Chrisi das du uns nun nur 200 000€ jährlich kosten wirst!!
    Boah, bin ich geladen !!!!!!

  8. Johann says:

    Den letzten Satz könnte man auch so interpretieren, dass Wulff ausdrücklich nur denjenigen eine gute Zukunft wünscht, denen er sich verpflichtet fühlt – also eine Selektion der Bürgerinnen und Bürgern zu denen beispielsweise Maschmeyer und Co. gehören. In Hinblick darauf, dass er ja unter dem Druck des Korruptionsverdachts zurückgetreten ist, ist das vielleicht nicht so abwegig. Und nach heute üblichen Formulierungen wie „…möchte allen danken, die mir stets treu geblieben sind“ (nicht von Wulff verwendet!), wäre das nur der nächste logische Schritt.
    Und dann ergäbe auch der zweite Teil („…schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“) wirklich Sinn. Denn ohne diese Ergänzung ist ja nicht klar, ob Wulff sich den anwesenden Journalisten verpflichtet fühlt oder nicht.

  9. ch3ka says:

    Die Bedeutung der letzten Floskel liegt doch auf der Hand:
    Er wuenscht eben nicht allen Buergerinnen und Buergern eine gute Zukunft, sondern nur denen, denen er sich verantwortlich gegenueber fuehlt. Und da schliesst er die Anwesenden mit ein.

    Schier abwegig ist die Idee, er wuerde sich tatsaechlich allen Buergerinnen und Buergern gegenueber verantwortlich fuehlen…

  10. oppermann says:

    Ja,genauso habe ich die Rede erlebt und ich bin exakt über die Verdrehung im letzten Satz gestolpert. Nach dem zweiten Satz war alles klar. Dehnen und winden, sich verhalten, so geht das, so bastelt sich C.W. die Welt, die ihm gefällt. Inspirierende Analyse – werde sie meinem Sohn zeigen, der die Woche mit dem Präteritum in der 6 Klasse zu tun hatte.

  11. Hans Hütt says:

    Ich habe mir die Rede auch angesehen, empfinde sie in ihrer Inkohärenz und ihrer Form als ein Implosionsdokument. Mehr dazu hier:

    http://www.wiesaussieht.de/2012/02/17/politische-botanik/

  12. Andreasp says:

    „Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten.” legt die Betonung ganz ungewöhnlich stark auf das “in meinen Ämtern”.

    Seine tollen “Freundschaften” zählte er ja immer zum persönlichen Bereich, nicht zu den “Ämtern”. Die ganze Aussage ist daher so wischiwaschi wie alles, was er in den letzten Monaten gesagt hat.

    Oder heißt das “in meinen Ämtern” gar, dass er sich nur solange rechtlich korrekt verhalten hat, solange er in der Amtsstube saß?

  13. […] Bei Martin Haase gibt's eine kurze Analyse der Rede. […]

  14. cornholio says:

    beim letzten satz hatte ich beim anschauen kurz vermutet, das er ‘in meine gebete’ sagt. da war so eine komische pause.

  15. hpudding says:

    Am Besten hat mir das “zügig” gefallen, nach einem kurzen Blick auf den Kalender :)

  16. maha says:

    @cornholio: stimmt, ich hatte auch für einen Moment an „Gebete“ gedacht!

  17. […] Maha Online: Der Wulff-Rücktritt – Maha hat die Rücktrittsrede seziert. […]

  18. Ganz neutral says:

    Zum Rätsel des letzten Satzen „und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“ noch ein Hinweis.

    Offenbar sieht Wulff sich als Opfer einer Presse-Kampagne. Mit diesen letzten Worten will er wohl einen versöhnlichen Brücken- und Handschlag mit der Presse symbolisieren. Auch wenn ich Wulff wegen seiner Islamäußerung als untragbar halte, so kann ich mich ebenfalls nicht dem EIndruck nicht verschließen, dass er ganz gezielt aus dem Amt gehebelt wurde. Die ganze Kampagne begann, als er öffentlich Kritik an den maßlosen EU-Hilfspaketen äußerte. Zumindest zeitlich ist das nicht wegzudiskutieren.

    Ganzneutral

  19. Bischofsschänder says:

    Der letzte Satz ist eine katholische Anmaßung. Wulff sieht sich (und seine Anhänger sehen ihn) als Opfer der “linken Hetzpresse”, die ihn durch das mediale “Stahlgewitter” zum Rücktritt gezwungen habe, obwohl er sich “in seinen Ämtern immer korrekt” verhalten habe. Im letzten Satz wendet er sich an seinen vermeintlich ärgsten Gegner, die Presse, vertreten durch die im Raum anwesenden Journalisten und sagt übersetzt:

    “Ich aber, der nie gefehlt hat, vergebe Euch, die Ihr Euch an mir versündigt habt. In meinem reinen Herzen hege ich keinen Groll gegen Euch, die Ihr fehlgeleitete, schwache und irrende Menschen seit. Denn so spricht der Herr, liebe Deinen ärgsten Feind wie Dich selber.”

    Er verdreht damit geschickt Ursache und Wirkung, erhöht sich nahezu auf Heilandsniveau und erniedrigt die “Journaille” auf eine kläffende Meute.

  20. Bischofsschänder says:

    In Mahas Analyse fehlen die beiden Kernsätze, die zentral für Wulffs persönliches Interesse sind, nämlich:

    “Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses Vertrauen, und damit meine Wirkungsmöglichkeiten, nachhaltig beeinträchtigt sind.

    Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich sein, das Amt des Bundespräsidenten nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist.”

    (zit. nach SPIEGEL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815922,00.html).

    Das ist die Frage nach 200.000 Euro “Ehrensold” per anno. Die gibt es nur bei Rücktritt aus politischen Gründen (hier: keine Wirkungsmöglichkeit im Amt mehr auf Grund eingetretenen Vertrauensverlustes), nicht bei Rücktritt aus persönlichen Gründen (staatsanwaltliche Ermittlungen wegen etwaigem persönlichen Fehlverhalten). Rechtliche Analyse siehe bei SPON: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815893,00.html.

    Es ist liegt nahe, dass zwischen Wulff und Merkel bereits ausgehandelt ist “Rücktritt jetzt gegen Gewährung des Ehrensolds”, obwohl damit “dem Gesetz Gewalt angetan wird” (v. Arnim). Frau Wulff scheint mehr zu wissen, sie wirkte doch für den Anlass recht entspannt und fröhlich.

  21. […] Drüben bei Maha gibt es eine kleine sprachliche Analyse von Wulffs Rücktrittsrede. […]

  22. […] Martin Haase finde ich noch ein paar Aspekte, die ich in meiner Analyse der Rede nicht berücksichtigt habe. […]

  23. […] Martin Haase finde ich noch ein paar Aspekte, die ich in meiner Analyse der Rede nicht berücksichtigt habe. […]

  24. Janne says:

    Na endlich :-)

  25. MarMar says:

    Halllo Maha, bezueglich Joachim Gauck.
    Hast du dir diesen Blog schon einmal durchgelesen?

    Gruss
    Martin

    http://blog.karlshochschule.de/2012/02/20/gauck-in-der-filterbubble-oder-wie-wir-lernten-den-kontext-zu-ignorieren/

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