Archive for the ‘linguistics’ Category

Tschüss

Monday, February 6th, 2012

Ich bin auf den Artikel über das Tschüss-Verbot an einer bayerischen Schule aufmerksam gemacht und um einen Kommentar gebeten worden. Ich glaube, dass die Schulleiterin und ihre Unterstützer in ihrer sprachlichen Bewertung der Grußformeln irren. Es handelt sich nämlich, zumindest in Bayern (und somit anders als in anderen Teilen Deutschlands) bei tschüss! keineswegs um eine unhöfliche Variante von auf Wiedersehen!. Was nämlich gern übersehen wird, ist dass es in Bayern oft noch einen stärker dialektalen Verabschiedungsgruß gibt, der allerdings von Region zu Region variiert. In Oberfranken ist das, je nach Grad der Intimität ade! oder gar adela! (ade und Diminutiv). Damit ist klar, dass wir hier ein Dreier- oder Viereropposition haben:

  1. auf Wiedersehen!
  2. tschüss!
  3. ade!
  4. adela!

Hier wird schon klar, dass tschüss! eher in den höflichen Bereich gehört, und so habe ich es auch empfunden als ich nach Franken kam. Gerade in kleineren Läden ist es völlig üblich, dass sich einander unbekannte Menschen mit tschüss! verabschieden. Das mag eine Innovation sein, wird aber nicht als unhöflich empfunden. Selbstverständlich hat das tschüss! in Gegenden, wo es keine (dialektalen) familiären Varianten gibt, einen anderen Stellenwert als dort, wo es solche gibt. Gibt es familiärere Formen, avanciert tschüss! zur Normalform, der man mit schulischen Verordnungen nicht den Garaus machen kann.

Bei Begrüßungen ist es noch komplizierter, weil die Auswahlmöglichkeit noch größer ist. Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. grüß Gott!/guten Tag!
  2. hallo!
  3. servus!
  4. hi!
  5. sers!

Die Variante servus! hielt ich vor meiner Zeit in Oberfranken für österreichisch, das ist aber nicht so. Man hört sie nicht so häufig wie in Österreich, aber sie wird unter Freunden durchaus benutzt, wobei ich häufiger hi! höre (womöglich ist mein Freundeskreis nicht repräsentativ). Die Kurzform sers! für servus! war mir unbekannt, bis ich sie vor einiger Zeit gehört und dann auch deutlich wiedergehört und in einer E-Mail sogar gelesen habe. Auch hier zeigt sich deutlich, dass hallo! zur Normalform geworden ist. In Läden, aber insbesondere auf den Fluren der Universität oder in Kneipen ist das der normale Gruß. Möglicherweise trägt dazu auch bei, dass es einen Konflikt zwischen grüß Gott! und guten Tag! gibt. Ersteres kommt vielen Reingeschmeckten schwer über die Lippen, letzteres wirkt norddeutsch und fremd in Bayern. Da ist hallo! ein guter Kompromiss.

Anmerkung zur Schreibung von tschüss

Im zitierten Artikel wird tschüss mit nur einem s geschrieben. Das ist zwar nach Duden und Co. eine mögliche Standardorthografie, aber sie ist trotzdem schlecht, da sie eine falsche zugrundeliegende Form suggiert. Manche Sprecher können nämlich Ableitungen aus tschüss bilden, z.B. tschüssi, tschüssing oder gar tschüssikowski. Ich habe alle drei Varianten gehört (nicht in Bayern!), selbst nutzen würde ich höchstens tschüssi – ungern zwar, aber es ist für mich eine korrekte Ableitung. Das bedeutet, dass ein stimmloses s zugrundeliegt, demnach ist die Schreibung mit ss vorzuziehen.

12 Konsonanten

Thursday, August 28th, 2008

Angstschweiß gilt bekanntlich unter Deutschlernenden als sehr schwieriges Wort, das so manchem tatsächlich den Angstschweiß auf die Stirn treibt, denn es enthält acht Konsonantenbuchstaben in Folge. Rein phonetisch betrachtet sind es natürlich nur fünf, denn <ng> ist ein Digraph  und <sch> ein Trigraph, also ein Laut, dessen graphische Darstellung sich aus mehreren Buchstaben zusammensetzt. So ergeben sich lediglich 5 aufeinander folgende Phoneme in /ˈaŋstʃvaɪs/, was  natürlich schon eine  Herausforderung darstellt.

Im Label 205 hatte ich heute ausführlichGelegenheit über Konsonantenhäufungen zu diskutieren, als mir plötzlich durch eine zufällige Gedankenassoziation ein Wort durch den Kopf ging, das immerhin zwölf Konsonantenzeichen enthält, nämlich: Borschtschschlürfer, und das noch dazu ein Doppel-sch aufweist. Allerdings handelt es sich bei <rschtschschl> auch nur um fünf Konsonantenphoneme, nämlich /rʃʧʃl/; wahrscheinlich ist das die Obergrenze. Dennoch ist Borschtschschlürfer zumindest für heute mein Wort des Tages.

„Neusprech“ in Dresden

Sunday, April 20th, 2008

Am Freitag bin ich nach Dresden gefahren, um dort beim c3d2 einen Vortrag über Neusprech im Schnüffelstaat zu halten. Dresden ist ja quasi ein Vorort von Berlin, denn mit dem Eurocity nach Prag ist man in zwei Stunden dort und kann dabei noch Velkopopovický Kozel und Palatschinken genießen. Am Bahnhof hat mich dann Leon abgeholt und mir noch einen Schnellrundgang durch Dresden geboten. (Leon hat auch über meinen Besuch ausführlich berichtet.) Dann sind wir zum Dresdner Hackerspace, ein kleines, aber feines Zweiraumbüro am Rande der Innenstadt (Plattenbau).

Später ging es dann zur Berufsakademie Dresden, wo ich meinen Vortrag hielt. Es waren relativ viele Leute gekommen (vielleicht auch wegen der guten Werbung, unter anderem dank Chaosradio Express 81), die Technik funktionierte erwartungsgemäß wie am Schnürchen und das Publikum diskutierte interessiert mit. Insgesamt hat es mir großen Spaß gemacht. Gegen Mitternacht brachte dann Sven meinen Gastgeber und mich in die Neustadt, wo wir noch was essen wollten. Aufgrund der vorgerückten Stunde gingen wir dann aber zum Bahnhof und fuhren in die Friedrichstadt, wo mein Gastgeber wohnte. Da er mich davor gewarnt hatte, dass es hier viele Neonazis gebe, fühlte ich mich schon etwas verunsichert, zumals einschlägige Graffiti zu sehen waren. In der Küche meines Gastgebers wurde es dann noch sehr spät, was aber wohl mehr an mir als an ihm lag, denn ich war eindeutig wacher, und anregende Gespräche über den Zusammenhang von Mathematik und Religion haben keinerlei ermüdende Wirkung auf mich. Am nächsten Mittag reiste ich dann wieder ab.

Wenn man mal von der rechten Gefahr absieht, ist Dresden eine sehr lebendige Stadt, wo man massenweise kreative und interessierte Leute treffen kann. Da komme ich doch gern wieder hin!

Sprachenpodcast, Wii

Tuesday, March 6th, 2007

Vor ein paar Tagen habe ich mit Tim Pritlove zusammen einen Chaosradio-Express-Podcast über Sprachen aufgenommen. Das war eine interessante Erfahrung, und ich denke, das Ergebnis kann sich sehen bzw. hören lassen. Insgesamt war das Gespräch mit Tim sehr interessant, und ich kann nur hoffen, dass meine Ähs und Nees nicht zu sehr stören. Das muss ich mir noch abgewöhnen, bevor ich selbst auf Sendung gehe. Leider fehlt auf der Chaosradio-Website noch ein Weblog mit Kommentarfunktion, so dass es wohl leider nicht viel Feedback geben wird. Wer will, kann ja hier was schreiben – oder in Tims Blog – oder in beide.

Nach dem Podcast konnte ich dann bei Tim und Verena noch eine Neuheit ausprobieren: die neue Nintendo-Spielkonsole namens Wii (sprich: [wiː]). Bisher hatten mich ja Spielkonsolen gelangweilt, aber diese hat etwas Besonderes: Die Steuergeräte (Controller, auch Wii-Remote genannt) haben einen Beschleunigungssensor, was besonders lustig ist, wenn man Tennis spielen will: Man kann wie mit Schlägern schlagen. Zum ersten Mal kann man sich also beim Videospiel wirklich bewegen! Das ist großartig! Wenn ich einen Fernseher hätte, würde ich das sofort kaufen…

Linguistics blogs

Saturday, March 11th, 2006

Thanks to Christopher and some “private investigations” I have come across some interesting blogs about linguistics:

And speaking about linguistics, don’t miss the IPA eyechart: You can find out how shortsighted you are with the help of IPA-signs.

Rice Linguistics Colloquium

Thursday, March 9th, 2006

Today I am at the Linguistics Department of Rice University in Houston. It’s a very agreable place, esp. when the weather is nice, as it is now (people say it’s 75 degrees which doesn’t mean much to a centigrader like me). At noon I went to the university restaurant with some colleagues and had some Mexican food which tasted quite exotic to me.

This afternoon I will give a talk at the Rice Linguistics Colloquium about Complex verb constructions in Romance languages and Basque. I’m getting excited already…

I just read the blog of the last week’s invited speaker who had some very special experiences in Houston, albeit under different circumstances and in another century. Compared to that, my visit will certainly be quite uneventful. Actually what happened in 1992 in Houston seems to happen now in Berlin during Lech Kaczynski’s lecture at Humboldt University; so my remark about different circumstances and another century seem to be a bit out of place here.