Archive for the ‘Rechtschreibung, Sprache’ Category

Tschüss

Monday, February 6th, 2012

Ich bin auf den Artikel über das Tschüss-Verbot an einer bayerischen Schule aufmerksam gemacht und um einen Kommentar gebeten worden. Ich glaube, dass die Schulleiterin und ihre Unterstützer in ihrer sprachlichen Bewertung der Grußformeln irren. Es handelt sich nämlich, zumindest in Bayern (und somit anders als in anderen Teilen Deutschlands) bei tschüss! keineswegs um eine unhöfliche Variante von auf Wiedersehen!. Was nämlich gern übersehen wird, ist dass es in Bayern oft noch einen stärker dialektalen Verabschiedungsgruß gibt, der allerdings von Region zu Region variiert. In Oberfranken ist das, je nach Grad der Intimität ade! oder gar adela! (ade und Diminutiv). Damit ist klar, dass wir hier ein Dreier- oder Viereropposition haben:

  1. auf Wiedersehen!
  2. tschüss!
  3. ade!
  4. adela!

Hier wird schon klar, dass tschüss! eher in den höflichen Bereich gehört, und so habe ich es auch empfunden als ich nach Franken kam. Gerade in kleineren Läden ist es völlig üblich, dass sich einander unbekannte Menschen mit tschüss! verabschieden. Das mag eine Innovation sein, wird aber nicht als unhöflich empfunden. Selbstverständlich hat das tschüss! in Gegenden, wo es keine (dialektalen) familiären Varianten gibt, einen anderen Stellenwert als dort, wo es solche gibt. Gibt es familiärere Formen, avanciert tschüss! zur Normalform, der man mit schulischen Verordnungen nicht den Garaus machen kann.

Bei Begrüßungen ist es noch komplizierter, weil die Auswahlmöglichkeit noch größer ist. Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. grüß Gott!/guten Tag!
  2. hallo!
  3. servus!
  4. hi!
  5. sers!

Die Variante servus! hielt ich vor meiner Zeit in Oberfranken für österreichisch, das ist aber nicht so. Man hört sie nicht so häufig wie in Österreich, aber sie wird unter Freunden durchaus benutzt, wobei ich häufiger hi! höre (womöglich ist mein Freundeskreis nicht repräsentativ). Die Kurzform sers! für servus! war mir unbekannt, bis ich sie vor einiger Zeit gehört und dann auch deutlich wiedergehört und in einer E-Mail sogar gelesen habe. Auch hier zeigt sich deutlich, dass hallo! zur Normalform geworden ist. In Läden, aber insbesondere auf den Fluren der Universität oder in Kneipen ist das der normale Gruß. Möglicherweise trägt dazu auch bei, dass es einen Konflikt zwischen grüß Gott! und guten Tag! gibt. Ersteres kommt vielen Reingeschmeckten schwer über die Lippen, letzteres wirkt norddeutsch und fremd in Bayern. Da ist hallo! ein guter Kompromiss.

Anmerkung zur Schreibung von tschüss

Im zitierten Artikel wird tschüss mit nur einem s geschrieben. Das ist zwar nach Duden und Co. eine mögliche Standardorthografie, aber sie ist trotzdem schlecht, da sie eine falsche zugrundeliegende Form suggiert. Manche Sprecher können nämlich Ableitungen aus tschüss bilden, z.B. tschüssi, tschüssing oder gar tschüssikowski. Ich habe alle drei Varianten gehört (nicht in Bayern!), selbst nutzen würde ich höchstens tschüssi – ungern zwar, aber es ist für mich eine korrekte Ableitung. Das bedeutet, dass ein stimmloses s zugrundeliegt, demnach ist die Schreibung mit ss vorzuziehen.

Sprachlicher Nebel in der Politik

Sunday, January 1st, 2012

Auf dem 28. Chaos Communication Congress (28C3) habe ich einen Vortrag gehalten unter dem Titel: „Die Koalition setzt sich aber aktiv und ernsthaft dafür ein“ – Sprachlicher Nebel in der Politik. Es handelt sich vor allem um eine Erweiterung meiner Überlegungen zur Politikersprache. Diesmal behandele ich so komplexe Phänomene wie das Guttenberg-Passiv, Präsuppositionen und Passepartout-Wörter.

Auf Youtube findet man die Video-Aufzeichnung des Vortrags. Zum Nachlesen gibt es eine Textfassung mit den bibliografischen Angaben.

Das Video gibt es auch in HD-Qualität (H264):

Natürlich würde ich mich freuen, wenn der Beitrag im Feedback-System des 28C3 positiv bewertet wird.

Kursivierung

Monday, June 20th, 2011

Nachdem ich letztens ausführlich über Anführungszeichen gebloggt habe, sollte ich wohl noch etwas zur Kursivierung (Kursivschreibung) verfassen. Diese besteht darin, dass eine Schriftart durch eine leicht nach rechts geneigte ersetzt wird. Bei echten Kursiven sehen manche Buchstaben auch tatsächlich anders aus (a, g); statt von unechten Kursiven spricht man auch von obliquen Schriften oder Schrägschreibung. Die nach links geneigte Kursivierung, die in der traditionellen Kartographie Gewässernamen kennzeichnet, wird heute leider kaum noch verwendet. Für das Gegenteil von Kursiven gibt es meines Wissens nur die Bezeichnung Normalschrift. Es ist wohl besser von Schriften ohne Auszeichnung zu sprechen. Die Kursivschreibung ist natürlich nicht möglich, wenn man mit der Hand schreibt. Dann (und nur dann) wird ersatzweise unterstrichen.

Was schreibt man kursiv?

Die Kursivschreibung dient vor allem dazu, zwischen Metasprache und Objektsprache zu unterscheiden: Wenn ich einen Text verfasse, dann ist die Sprache des Textes die Metasprache, denn sie ist nicht Objekt (also Thema) meiner Ausführungen. Wenn ich allerdings Sprache im Text thematisiere, dann wird diese thematisierte Sprache zum Objekt meiner Ausführungen und das muss natürlich besonders angezeigt werden. So etwas geschieht zum Beispiel wenn ich über ein Wort schreibe. Hier ein Beispiel:

Das Wort Kursivierung ist in diesem Text gleichbedeutend mit Kursivschreibung oder Kursivsetzung.

Die Kursivierung erlaubt es übrigens auch am Satzanfang klein zu beginnen:

und ist eine Konjunktion. Und wird zu häufig verwendet.

Das erste und ist objektsprachlich, das zweite metasprachlich.

Daneben kann mit der Kursivierung einfach etwas hervorgehoben werden:

Man sollte immer nur eine Schriftauszeichnung verwenden.

Hier wird angedeutet, dass eine besonders zu betonen ist, es sich also um das Zahlwort und nicht den unbestimmten Artikel handelt.

Die Titel selbstständiger Publikationen (Bücher, Zeitschriften Filme usw.) werden in der Regel auch durch Kursivierung gekennzeichnet, während unselbstständige (also zum Beispiele Artikel in Büchern) in Anführungszeichen stehen.

Wenn man innerhalb eines kursiven Textes wieder etwas hervorheben möchte, benutzt man einfach die Nicht-Kursiven.

Kursivschreibung und Satzzeichen

Endet die Kursivschreibung vor einem Satzzeichen, so gibt es zwei Möglichkeiten:

  • die einfache: das Satzzeichen wird mit kursiviert (wie in dem Beispiel weiter oben),
  • die komplizierte: Wenn das Satzzeichen nicht einfach nur ein Punkt ist, sondern zum Beispiel ein Anführungszeichen oder eine Klammer, die aus logischen Gründen nicht zum kursivierten Text gehört (weil in der Klammer zum Beispiel auch nicht kursivierter Text steht), dann sollte das Satzzeichen nicht mit kursiviert werden; in dem Fall ist aber darauf zu achten, dass der letzte kursivierte Buchstabe nicht zu dicht an der Klammer steht. Dies geschieht durch das Einfügen eines festen (nicht dehnbaren) kleinen Zwischenraums (Spatium); in einem landläufigen Textverarbeitungssystem ist so etwas natürlich schwierig zu bewerkstelligen.

Wer mehr über solche Feinheiten wissen will, kann sich bei Belles Lettres ausführlicher informieren.

Herkunft

Oft wird behauptet, die Kursivschreibung ginge auf die Schreibschrift zurück, zumal die Zeichen der Schreibschrift ähnlicher sind (besonders im Kyrillischen). Das ist natürlich Unsinn, denn jede Schrift geht letztlich auf eine Schreibschrift zurück, denn die Typografie gibt es ja erst seit es den Buchdruck gibt. Im Anfang des Buchdruckes war das handschriftliche Schreiben immer das Vorbild. Schriftsetzern aus Venedig gelang ziemlich früh die Erstellung von besonders eleganten Schriften, die als italisch (italic) bezeichnet wurden. Um Auszeichnungen vorzunehmen, wechselte man dann zwischen italisch und nicht-italisch.

Anführungszeichen

Sunday, May 29th, 2011

Nachdem mich eine Reihe von Leuten gebeten haben, mal wieder Rechtschreibungs- und Sprachtipps zu verfassen und insbesondere Fragen zu den Anführungszeichen kamen, will ich das Thema mal aufgreifen, obwohl die Wikipedia schon die wichtigsten Tipps zusammenfasst, aber natürlich kann ein Besserwisser immer noch mehr zu so einem Thema sagen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich nur auf das Deutsche. In anderen Sprachen gibt es andere Regeln und andere Anführungszeichen.

Verwendung

Anführungszeichen (Gänsefüßchen, Hochkommata) werden verwendet:

  • um die wörtliche Rede zu kennzeichnen: Er sagte: „Bis bald!“,
  • um Zitate zu kennzeichnen: „Gallia est omnis divisa in partes tres.“ (C. Iulius Caesar: De bello gallico 1,1) und
  • zur Kennzeichnung von Ausdrücken, die nicht wörtlich zu nehmen sind oder die nicht zur Stilebene des Textes passen, z.B. für Umgangssprache in schriftsprachlichen Texten: Auf der A1 ereignete sich ein „krasser“ Unfall.

Nicht verwendet werden Anführungszeichen, wenn innerhalb eines Textes fremdsprachige Wörter verwendet werden oder auch Wörter der Sprache des Textes, die aber als Wörter thematisiert werden; in solchen Fällen wird kursiv geschrieben: So ist krass im obigen Beispiel ein umgangssprachliches Wort – ähnlich wie im Englischen gross. Bedeutungsangaben werden (zumindest in der Linguistik) in einfache Anführungszeichen gesetzt. Der obige lateinische Satz bedeutet: ‚Gallien wird insgesamt in drei Teile geteilt.‘

Einfache Anführungszeichen werden auch verwendet innerhalb von doppelten Anführungszeichen (also als Anführungszeichen der zweiten Ebene). Eine besondere Rolle spielen sie in der (klassischen) Philologie (und möglicherweise auch in der Rechtswissenschaft; ich konnte leider nicht herausfinden, ob dieser Gebrauch dort noch aktuell ist): Sie dienen zur ungefähren Wiedergabe eines Textes (z.B. als Übersetzung oder bei Gedächtniszitaten). Sonst wird im Deutschen bei nicht-wörtlicher Rede- oder Textwiedergabe die indirekte Rede verwendet (auch so ein Kapitel für sich).

Titel von Werken können in Anführungszeichen gesetzt oder kursiv geschrieben werden (nicht beides!), wobei in der Tendenz bei selbstständigen Werken (Büchern, Zeitschriften) Kursivschreibung bevorzugt wird, sonst (doppelte) Anführungszeichen (also z.B. bei Aufsatztiteln, einzelnen Gedichten, Manuskripttiteln).

Form

Die öffnenden Anführungszeichen sind im Deutschen unten und sehen aus wie Kommata oder kleine tiefgestellte Neunen (, bzw. „); die schließenden wie kleine hochgestellte Sechsen (‘ bzw. “) – womit sie sich eindeutig vom Apostroph (’) unterscheiden. Microsoft Word und Powerpoint haben da leider beim schließenden einfachen Anführungszeichen ein Problem und setzen dort ein Apostroph ein (das identisch mit dem englischen schließenden Anführungszeichen ist). Das sieht ziemlich schlimm aus, insbesondere bei Powerpoint-Präsentationen.

Alternativ werden im Deutschen auch umgekehrte französische Anführungszeichen (guillemets) verwendet: »…«. Allerdings sind die einfachen Varianten dazu selten. Bei einfachen Anführungszeichen werden gelegentlich auch die englischen Varianten verwendet, also eröffnend das Zeichen, das wie eine hochgestellte Sechs aussieht (‘) und im Deutschen sonst ein schließendes Anführungszeichen ist, und schließend das Anführungszeichen, das wie ein Apostroph aussieht (kleine Neun: ’). Diese Verwendung hilft, wenn Microsoftprodukte es anders nicht können; man sollte sie nur nicht mischen.

Jede Sprache hat ihre eigenen typographischen Traditionen für Anführungszeichen. Fürs Deutsche merke man sich einfach: 9966.

Hintergrund

Es ist nicht ganz klar, auf was die Anführungszeichen zurückgehen: möglicherweise auf das antike Absatzzeichen, die Diplé. Aufgrund der Form könnte es sich auch um eine Abbreviatur handeln für lateinisch quod (‚was‘ bzw. ‚dass‘) bzw. quot (‚wieviel‘), woraus sich das englische Verb to quote entwickelt hat. Bei der Entstehung des Buchdrucks entstanden dann unterschiedliche Gepflogenheiten, wie dieses Zeichen genau auszusehen hat. Dabei wollten die Typographen besonders ungünstige Kombinationen vermeiden: So sind deutsche Anführungszeichen im Französischen unschön, weil es dort eine Reihe von nachgestellten Adjektiven gibt, die auf -f enden, wonach ein schließendes deutsches Anführungszeichen einfach schlecht aussieht. Im Deutschen sehen französische Guillemets (« + Leerzeichen) vor T schlecht aus wegen des großen Abstands, die umgekehrten französischen Anführungszeichen passen besser. So haben sich unterschiedliche Traditionen entwickelt, die leider in Zeiten schlechter Textverarbeitungssysteme leicht in Vergessenheit geraten.

Anführungszeichen und weitere Satzzeichen

Eine besondere Klippe des Deutschen ist die Kombination von Anführungszeichen mit anderen Satzzeichen. Unproblematisch ist: Er sagte: „Bis bald!“, aber was geschieht, wenn der Einleitungssatz nachgestellt wird? Eigentlich ist das ganz einfach: Nach der wörtlichen Rede steht ein Komma; ein Punkt am Ende der wörtlichen Rede wird weggelassen, nicht jedoch Frage- und Ausrufungszeichen: „Bis bald!“, sagte er. „Der kommt nicht zurück“, meinte Helene. Frage- und Ausrufungszeichen bleiben auch nach der wörtlichen Rede erhalten: Hat Helene gesagt: „Der kommt nicht zurück“?, so dass im Extremfall sogar vor und nach dem schließenden Anführungszeichen das gleiche Zeichen stehen könnte, was man aber vermeiden sollte.

Für weitere Auskünfte verweise ich auf das amtliche Regelwerk. Zu den Anführungszeichen in anderen Sprachen schreibe ich vielleicht noch mal etwas mehr.

Jahresrückblick 2010

Wednesday, January 19th, 2011

2010 war ein ertragreiches Jahr für mich, vor allem wissenschaftlich (wobei ich da noch von meinem Forschungssemester 2009 zehre): Ich habe mich wieder ausführlich der Sprachtypologie zugewandt und dabei zum Baskischen (wen wundert’s?) und zum Spanischen gearbeitet. Ende des Jahres erschien dann meine kleine Studie zu Modus und Modalität im Baskischen in: Mood in the Languages of Europe (genaue bibliografische Angabe zu meinem Beitrag), eine Übersicht über die Typologie des Baskischen wird in Kürze erscheinen in: The Languages and Linguistics of Europe — A Comprehensive Guide. Ein paar Aspekte daraus gibt es schon als Knol, sozusagen als Appetithappen. Ein bisschen zwischen Wissenschaft und Politik ist mein Vortrag über freies Wissen angesiedelt, den ich in etwas unterschiedlicher Fassung auf dem Linux-Infotag in Augsburg und auf der OpenRheinRuhr in Oberhausen hielt.

Auch politisch war das Jahr 2010 sehr interessant, obwohl es nur eine Wahl gab, nämlich in Nordrhein-Westfalen (wo ich mich dann auch aktiv einbringen konnte): Mit Unterstützung von zwei oberfränkischen Piraten startete ich Ende Februar den Klabautercast. Der Podcast brachte es 2010 auf stattliche fünfzig Folgen, also im Schnitt eine Folge pro Woche. Da mir das Podcasten viel Spaß macht, war mir gar nicht aufgefallen, wie viele Folgen es am Ende geworden sind. Natürlich habe ich nicht jede Woche gepodcastet, sondern zum Teil vorproduziert, insbesondere im verregneten August, als mein Urlaub im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen war. Es wäre allerdings ohne die technische Unterstützung von Christopher Schirner gar nicht möglich gewesen, den Podcast zu realisieren. Jede Folge wird ca. 2000x heruntergeladen, die Folge über das Bedingungslose Grundeinkommen brachte es auf über 15000 Downloads. So ein Erfolg inspiriert natürlich ungemein.

Neben der Beschäftigung mit freiem Wissen habe ich mich auch für einen Ausbau demokratischer Teilhabe stark gemacht, nämlich für die Verwendung von Liquid Feedback innerhalb der Piratenpartei Deutschland (Vortrag: Interaktive Demokratie). Ich bin mir sicher, dass dieses Projekt imstande ist, Politik nachhaltig zu verändern und bin gespannt, wie es damit weitergehen wird, weshalb ich auch für Anfang 2011 eine kleine Tagung zu dieser Thematik mit dem Titel OpenLiquid initiiert habe und mit organisiere. Sie wird vom 28. bis 30. Januar in Neu-Anspach (bei Frankfurt/Main) stattfinden.

Eine sehr schöne Verbindung zwischen meinem fachlichen Interesse und meinem politischen ist das Blog neusprech.org, das ich seit Frühjahr 2010 zusammen mit dem Journalisten Kai Biermann betreibe. Zum Start des Blogs gab es auch gleich eine schöne Sendung beim bayerischen Rundfunk und bei Deutschlandradio samt Interview (außerdem kürze Beiträge beim Saarländischen Rundfunk und bei Deutschlandfunk Corso); zu Neusprech gibt es auch zwei neue Vorträge von mir: Auf der Überholspur zum Stoppschild – Politiker sprechen über Datenautobahnen (Fassung von der re:publica, leider „out of sync“) und zum Jahresende Ich sehe nicht, dass wir nicht zustimmen – Die Sprache des politischen Verrats und seiner Rechtfertigung (auch als Textfassung).

Neusprech

Friday, April 30th, 2010

Es freut mich natürlich, dass Leute mein Blog vermissen, und leider habe ich in den letzten zwei Monaten hier nichts geschrieben. Das liegt unter anderem an ein paar neuen Projekten, die ich hier vorstellen möchte: Das eine ist ein weiteres Weblog, an dem ich mich beteiligt habe, nämlich das Neusprechblog. Meine hinlänglich bekannte Beschäftigung mit Neusprech – zuletzt noch einmal beim Bayerischen Rundfunk und auf der re:publica (YouTube-Video)– mündeten dank der Initiative meines Mitstreiters Kai Biermann in diesem Gemeinschaftsprojekt. Wir möchten hier Wörter aus der Politiker-PR näher durchleuchten, um aufzuzeigen, was sie vorder- und hintergründig bedeuten. Das Projekt lässt sich gut an und wir sammeln immer mehr, so dass ich so optimistisch bin zu hoffen, dass sich über kurz oder lang (eher sogar über kurz) ein ansehnliches Wörterbuch erstellen lassen wird. Natürlich ist es hilfreich, wenn uns auffällige Wortschöpfungen genannt werden, denn wir können unsere Augen und Ohren ja nicht überall haben.

Die Artikel des Neusprechblogs sollen vor allem zum Nachdenken anregen. Daher halte ich mich mit sprachwissenschaftlichen Ausführungen zurück. Es fällt mir allerdings nicht leicht, populärwissenschaftlich zu schreiben; somit erweist sich die Zusammenarbeit mit Kai Biermann als Glücksfall, weil es ihm als professionellem Journalisten immer wieder gelingt, sehr griffige Formulierungen zu finden – hoffentlich zur Freude der Leser.

Auslassungspunkte und Schrägstrich

Monday, January 12th, 2009

Ich bin mal wieder mit Korrekturarbeiten beschäftigt, und da ein paar Fehler immer wieder auftreten, möchte ich hier noch mal ein paar Tipps zur Zeichensetzung abgeben. Dass in der deutschen Interpunktion Satzzeichen wie Punkt, Komma, Doppelpunkt, Semikolon, Fragezeichen und Ausrufungszeichen direkt an das letzte Wort (also ohne Zwischenraum) angeschlossen werden, dürfte inzwischen ja jedem klar sein. Ein falscher Zwischenraum vor dem Satzzeichen wird als Plenk bezeichnet. Mit den Auslassungspunkten („…“) ist es da schon komplizierter. Sie stehen nur dann ohne Zwischenraum, wenn ein Wort unvollständig ist (verfl… statt verflucht). Wird ein ganzes oder mehrere Wörter ausgelassen, stehen die drei Punkte mit einem Leerzeichen: Ich kam, sah … für Ich kam, sah, siegte. Das Beispiel zeigt auch sehr schön, dass vor den drei Punkten kein Komma steht und danach kein zusätzlicher Punkt.

Hintergrund

Die drei Punkte sind eigentlich eine Abkürzung (Abbreviatur) für usw. oder etc. Sie werden auch als „und so weiter“ vorgelesen (und nicht als „Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen“). Vor usw. bzw. etc. steht natürlich kein Komma und somit auch nicht vor den Auslassungspunkten, die übrigens ein eigenes typographisches Zeichen sind und nicht einfach die Kombination aus drei Punkten.

Schrägstrich

Wenn es irgend geht, sollte man den Schrägstrich vermeiden, denn da er (außer in einer besonderen Funktion) ohne Abstand stehen muss, ergibt sich oft eine lange ununterbrochene Zeichenfolge, die keinen Zeilenumbruch erlaubt. Unvermeidlich ist der Schrägstrich wohl in Ausdrücken wie Wintersemester 2008/09 oder Flughafen Münster/Osnabrück. Viele Nutzer von Textverarbeitungsprogrammen schreiben Münster/ Osnabrück, was nicht nur schlecht aussieht, sondern schlicht falsch ist. Mit Abstand kann der Schrägstrich nur verwendet werden, wenn man Verse ohne Zeilenumbruch schreiben will: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / durch des Frühlings holden belebenden Blick / im Tale grünet Hoffnungsglück; / der alte Winter in seiner Schwäche, / …“ (Goethe).

Hintergrund

In den Beispielen Wintersemester 2008/09 oder Flughafen Münster/Osnabrück ist der Schrägstrich ein mit dem Bindestrich vergleichbares Satzzeichen und steht wie der Bindestrich ohne Abstand. Bei der Verstrennung handelt es sich um die Fortsetzung der Virgel, eines Trennzeichens, das auf mittelalterliche Handschriften zurückgeht. Hier ist es eine Vorlesehilfe, aber auch Abbreviatur für et ‚und‘; daher steht es frei. Aus der Virgel entsteht später das Komma, das dann als Satzzeichen wieder ohne Leerzeichen steht.

Neusprech im Bayerischen Rundfunk

Sunday, January 11th, 2009

Vorgestern (Freitag, 9. Januar) brachte der Bayerische Rundfunk einen Beitrag über Neusprech. Der Beitrag ist sehr professionell gemacht. Erklärungen der Sprecherin und Interview sind gut aufeinander abgestimmt. Was ich besonders erfreulich finde (und beim Bayerischen Rundfunk kaum erwartet hatte), ist folgende Beobachtung: Dass das BKA-Gesetz problematisch ist, wird als gegeben angesehen. Das ist unter Journalisten sicher keine Minderheitenmeinung. Schade ist, dass es auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks den Beitrag nicht zum Hören gibt. Falls ihn doch jemand findet, der Beitrag kommt erst in der zweiten Hälfte der Sendung (nach den 20 Uhr-Nachrichten).

12 Konsonanten

Thursday, August 28th, 2008

Angstschweiß gilt bekanntlich unter Deutschlernenden als sehr schwieriges Wort, das so manchem tatsächlich den Angstschweiß auf die Stirn treibt, denn es enthält acht Konsonantenbuchstaben in Folge. Rein phonetisch betrachtet sind es natürlich nur fünf, denn <ng> ist ein Digraph  und <sch> ein Trigraph, also ein Laut, dessen graphische Darstellung sich aus mehreren Buchstaben zusammensetzt. So ergeben sich lediglich 5 aufeinander folgende Phoneme in /ˈaŋstʃvaɪs/, was  natürlich schon eine  Herausforderung darstellt.

Im Label 205 hatte ich heute ausführlichGelegenheit über Konsonantenhäufungen zu diskutieren, als mir plötzlich durch eine zufällige Gedankenassoziation ein Wort durch den Kopf ging, das immerhin zwölf Konsonantenzeichen enthält, nämlich: Borschtschschlürfer, und das noch dazu ein Doppel-sch aufweist. Allerdings handelt es sich bei <rschtschschl> auch nur um fünf Konsonantenphoneme, nämlich /rʃʧʃl/; wahrscheinlich ist das die Obergrenze. Dennoch ist Borschtschschlürfer zumindest für heute mein Wort des Tages.

Rechtschreibung: Und was kommt jetzt?

Friday, March 3rd, 2006

Soeben hat die Kultusministerkonferenz den Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung zugestimmt, und somit gibt es wieder eine Reform der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 – bekanntlich nicht die erste „Reformreform“ in dieser Angelegenheit.

Jetzt scheint aber alles gut zu werden, denn das Wesentliche an der Reformreform ist, dass nun wieder zusammengeschrieben wird, was zusammengehört. :-)

Wir erinnern uns: Die Reform favorisierte im Verbalbereich die Auseinanderschreibung auf Biegen und Brechen. Man sollte also immer wieder vereinigen, sitzen bleiben, Rad fahren, Eis laufen usw. schreiben, obwohl es natürlich Unterschiede gibt zwischen dem Sitzenbleiben in der Schule und dem Sitzenbleiben auf einem Stuhl gibt und Eis kein Objekt von laufen ist. Auch der Unterschied zwischen den folgenden Sätzen war durch die exzessive Auseinanderschreibung verwischt worden: Sie ist mir wohl (= vielleicht) bekannt. und Sie ist mir wohlbekannt. (= ich kenne sie gut), denn es sollte immer wohl bekannt geschrieben werden, obwohl sich die beiden Sätze auch durch ihre Betonung unterscheiden.

Nun hat alles wieder seine Ordnung. Dinge dürfen uns wieder schwerfallen, ohne dass wir schwer fallen müssen. Und die Parteien für und gegen die Neue Rechtschreibung (jetzt auch mit Recht mit großem N) können sich näherkommen, um dem Ziel einer geeigneten Rechtschreibung näher kommen zu können.

Es gibt noch ein paar kleinere Reförmchen, die aber andere besser referieren können als ich.