Dudle und Foodle

Informationelle Selbstbestimmung ist das ja so eine Sache: Ich selbst gehöre zu den Leuten, die gern Informationen über sich öffentlich machen. So möchte ich zum Beispiel gern, dass meine Kontaktdaten auch gefunden werden können. Andererseits möchte ich nicht die Daten anderer Leute irgendeinem Drittanbieter ausliefern. Besonders problematisch wird das, wenn es darum geht, Termine über das Internet abzustimmen. Viele benutzen dafür Doodle, aber mich nervt da schon die Werbung; was ich aber besonders problematisch finde: Durch die Benutzung von Doodle liefere ich sehr persönliche Daten einem kommerziellen Anbieter aus. Bei meinen eigenen Daten wäre mir das an dieser Stelle egal, aber es offenbaren sich dem Anbieter Informationen auch über andere Leute, insbesondere darüber, wer mit wem etwas zusammen macht (und sogar was sie gemeinsam tun, wobei die sozialen Verknüpfungen wohl interessanter sind). Wenn ich darüber nachdenke, wie häufig Doodle in einem bestimmten Umfeld verwendet wird, finde ich das schon sehr bedenklich.

Es müssen also Alternativen her: Zwei die ich seit längerem nutze, sind dudle und foodle:

  • dudle ist ein Tool der TU Dresden, das freie Software (AGPL 3.0) und sehr „privatheitsorientiert“ ist. Ich habe es vor allem im Chaos Computer Club kennen und schätzen gelernt. Ich finde allerdings die Web-Oberfläche sehr altmodisch und auf mobilen Geräten praktisch unbenutzbar. Irgendwie ist da die Entwicklung stehen geblieben. Schade!
  • foodle, ebenfalls freie Software, die dem DFN-Terminplaner zugrunde liegt, den ich seit geraumer Zeit auch für meine dienstlichen Belange nutze. Besonders mit den Daten von Studierenden sollte ja sorgfältig umgegangen werden, was der DFN-Verein sicher besser gewährleistet als ein kommerzieller Anbieter. Für weniger dienstliche Angelegenheiten nutze ich das gleiche Programm über foodl.org, da diese Seite auch mobil besser zu handhaben ist.

Understanding Varoufakis

Yanis Varoufakis, the ‘minister with a blog’ is “minister no more”. This is regrettable, because contrary to what conservative politicians in Europe (including social democrats) want to make believe, he is a consequential economic thinker and proponent of a more humane approach to solve the ongoing European crisis. Pace Schäuble and company, Yanis Varoufakis is not at all an unreliable negotiator, since he had outlined his proposals long before he took office, and sticked to it.

Here is a short outline of his very plausible proposals in two parts from an interview with nachdenkseiten.de:

  1. a more general introduction,
  2. more specific part about Greece’s duty to negotiate with Berlin.

Several things are noteworthy: This interview dates back to a time when Yanis Varoufakis hoped not to become minister. It also becomes evident that the “modest proposal” had existed independently of Syriza’s electoral success in 2015. The proposal could have been brought into discussion earlier by another European government. It also shows that this proposal lays out a masterplan that the Greek government is following, independently of Yanis Varoufakis being its member.

I find the idea of “Europeanizing” failed banks particularly convincing, instead of lending money to the states that pass it on to banks to pay their debts to other banks, thereby increasing the state’s deficit. This “Europeanization” would have been an excellent solution for Bankia in Spain and possibly in Cyprus and Greece as well. Financial restructuring with direct investments by the European Investment Bank is another very plausible idea which would have stimulated the economy in the member states threatened by economic collapse.

For those of you who do not want to read long texts, here is a video where Yanis Varoufakis answers questions about his analysis of European economy and the modest proposal. It is by the way the famous stick-the-finger video and a very digestible presentation of his thoughts. Independently of the European crisis, I liked his Confessions of an erratic Marxist very much for the insights into economics as a scientific discipline.

Podcasts galore!

Es gibt – erfreulicherweise – Menschen, die sich über ausbleibende Blogbeiträge beklagen. Dass ich hier weniger schreibe, ist der Tatsache geschuldet, dass ich um so mehr podcaste. Hier eine kommentierte Liste aller meiner Podcasts:

  • Mein wichtigster Podcast ist 1337kultur.de mit zwischen 3.000 und 12.000 Downloads.
  • Mein ältester Podcast, der Klabautercast stagniert gerade etwas wegen des piratigen Motivationstiefs. Er wird aber mit Sicherheit im kommenden Wahlkampf in Berlin wiederbelebt.
  • Der sporadische mahacast in diesem Blog wird natürlich auch fortgesetzt, allerdings eben nicht so oft.
  • Der Neusprechfunk ist auch mehr als sporadisch, aber es wird sicher weitergehen, wenn auch mit wenigen Folgen im Jahr. Das Problem ist hier die Terminfindung bei drei sehr eingespannten Podcastern.
  • Neu hinzugekommen ist der Genusscast, den ich zusammen mit heckpiet vom Pietcast mache. Der Genusscast ist sozusagen ein Spinoff von 1337kultur.de und pietcast.com.

Die gemeinsame Plattform für die Podcasts ist das fonodrom, das Podcaststudio, das ich gemeinsam mit heckpiet angemietet habe und wo wir unsere Podcast produzieren. (Die Website des fonodroms muss noch auf den aktuellen Stand gebracht werden.) Zur fonodrom-Familie gehört auch Das Kamingespräch, das ebenfalls über unsere Plattform läuft. Das Kamingespräch macht Kristian Mann, der sich auch um die Technik von 1337kultur.de und klabautercast.de kümmert. Vielen Dank dafür!

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr meine Podcasts abonniert, hört und kommentiert, denn euer Feedback ist der Grund, warum ich podcaste.

Außerdem gibt es meine Vorlesungen und Vorträge bei archive.org unter dem Suchwort „Martin Haase“ und auf Youtube in meinem Channel „Martin Haase“, wobei ich empfehle, die CCC-Vorträge unter media.ccc.de abzurufen.

Feeds für den Mahacast

Einige haben mich gefragt, wo die Feeds für den Mahacast zu finden sind. Viele Podcastcatcher finden die nicht automatisch, wenn http://maha-online.de/ eingegeben wird (manche finden sie jedoch, wenn http://maha-online.de/blog/ eingegeben wird). Daher liste ich hier noch mal alle Feeds auf:

  1. Allgemeiner Podcastfeed (Screencast, Video): http://www.maha-online.de/blog/feed/podcast/,
  2. AAC-Audio (ohne Video/Screencast): http://www.maha-online.de/blog/feed/podcast-aac/,
  3. opus-Audio (ohne Video/Screencast): http://www.maha-online.de/blog/feed/podcast-opus/, Vorteil: ganz kleine Dateien/open source, wird aber nicht von allen Playern unterstützt,
  4. ogg-Audio (ohne Video/Screencast): http://www.maha-online.de/blog/feed/podcast-ogg/, Vorteil: open source, wird aber nicht von allen Playern unterstützt,
  5. mp3-Audio (ohne Video/Screencast): http://www.maha-online.de/blog/feed/podcast-mp3/, Vorteil: von so ziemlich allen Playern unterstützt,
  6. nur Blog (Text ohne Mahacasts): http://www.maha-online.de/blog/feed/,

Ich empfehle, den ersten Feed (default, Screencasts) für den mahacast und den letzten Feed für das Blog zu abonnieren. Die mittleren Feeds nur, wenn partout kein Video gewünscht ist. Für die Videos (Screencasts) habe ich jetzt auch einen Youtube-Channel.

Wichtiger Hinweis: Anfang Februar gab es einen Serverausfall, der leider zum Verlust einiger Daten führte, da auch das Backup betroffen war. Inzwischen bin ich dabei, die verlorenen Daten wiederherzustellen.

Vorlesung Syntax als Podcast

Ich bin ein kleines bisschen stolz auf mich: einerseits weil ich endlich wieder zum Bloggen gekommen bin, andererseits weil ich mir einen Traum erfüllt habe: Es gibt jetzt endlich eine aktuelle (noch laufende) Vorlesung von mir als Podcast. Der Titel ist: Grundlagen der Syntax. Zugegeben: nicht das leichteste Thema! Ich hoffe aber, dass es auch über den Kreis meiner Studierenden im Aufbaumodul (also Anfänger mit Vorkenntnissen) Interesse findet.

Ich nehme ja schon seit 2010 meine Vorlesungen als Screencast auf, bisher standen sie aber nur im universitätsinternen Moodle den Studierenden zur Verfügung, dabei wollte ich sie schon immer veröffentlichen. Aus einer Reihe von Gründen habe ich es nicht getan:

  1. Das wichtigste Problem war (und ist) das Urheberrecht: Für eine Vorlesung ist es nötig, auf anderer Leutes Material zurückzugreifen. Wenn das ein Zitat überschreitet (zum Beispiel im Fall von Dialektkarten), ist das problematisch, und ich habe mich nicht getraut.
  2. Jeder macht Fehler, auch ich. Da ich mir während eines Semesters gelegentlich bewusst wurde, dummes Zeug erzählt zu haben, sank meine Motivation, das im Nachhinein zu veröffentlichen.
  3. Die Qualität der Aufnahmen war mir einfach zu schlecht.

Da ich in jedem Semester eine anonyme Selbstevaluation durch die Vorlesungsteilnehmer durchführe, habe ich erfahren, dass die Studierenden meine internen Vorlesungsaufzeichnungen sehr schätzen. Nun bin ich als Professor ja nicht nur für den geschlossenen Kreis meiner Studierenden da, sondern sollte das, was ich tue eigentlich allen zur Verfügung stellen. Es ist letztlich eine Frage des Mutes und irgendwann musste ich ihn einfach aufbringen. Ich zitiere mal den Wikipedia-Artikel Professur: „Professur (von lateinisch profiteri in der Bedeutung ‚sich öffentlich als Lehrer zu erkennen geben‘)“. Jetzt habe ich es gleich zu Semesterbeginn gemacht. Dann muss ich da auch trotz möglicher Fehler durch!

Das mit dem Urheberrecht bekomme ich zumindest in diesem Semester ganz einfach in den Griff, denn ich greife einfach auf mein eigenes Material zurück. Das geht natürlich – abhängig vom Thema – nicht immer. An der technischen Qualität arbeite ich noch. Ich habe mir diverse Mikrofone zugelegt und werde sie nach und nach ausprobieren, in der Hoffnung, dass die Qualität immer besser wird. Zur Zeit bin ich jedenfalls noch nicht zufrieden.

Ein weiteres Problem ist, dass die Video-Dateien sehr groß sind. Eine reine Audio-Version ist auch nicht machbar, weil die gezeigten Folien wirklich wichtig für das Verständnis sind. Ich suche noch ein wenig nach einem alternativen Codec, dieser sollte aber auf allen üblichen Geräten vorhanden sein und die Optik der Vorlesungs-Folien nicht verschlechtern, weil die unbedingt lesbar sein sollten (ich gebe mir da große Mühe, sie nicht zu klein zu machen). Dateien, die zwischen 300 und 700 MB groß sind, lassen sich eben schlecht unterwegs im Mobilfunknetz streamen oder gar herunterladen – gerade wenn die nächste Volumen-Drosselung droht oder der Provider Geld für große Downloads berechnet. BitTorrent ist da jetzt auch nicht wirklich eine Lösung, denn die Uni-Server ertragen die Downloads durchaus und der Interessentenkreis ist zu gering.

Leider unterstützt meine Universität solche Aktionen gar nicht: Ich musste einen RSS-Feed in das Typo3-CMS hinein hacken, was sehr umständlich ist. Dafür kann ich jetzt Feed-XML-Dateien im Schlaf erstellen. Es gibt aber keine richtige Plattform, auf der ich auch Kommentare empfangen kann. Wir haben zwar ein Moodle, aber das funktioniert nur uni-intern. Die Idee, dass die Universität eigentlich für alle da ist und daher auch ihr Angebot der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen muss, ist da leider noch nicht angekommen. Ich habe überhaupt das Gefühl, dass es kaum Leute gibt, die so ein öffentliches Angebot machen. Ja, es gibt iTunesU, an dem sich auch deutsche Unis beteiligen, aber das ist ja im Grunde eine geschlossene Plattform, auf der sich Apple das Material aneignet, das noch dazu nur mit einer Anmeldung zugänglich ist. Das widerspricht der Idee frei zugänglicher Bildung.

Die Vorlesung steht natürlich unter der Creative-Commons-Lizenz cc-by-sa 3.0 für Deutschland, schließlich bin ich ja schon für meine Arbeit bezahlt worden.

Leider kann ich – da es sich um eine Uni-Plattform handelt – nicht nachvollziehen, wie viele Leute sich die Vorlesung herunterladen (direkter Link auf den Feed), eine Kommentarfunktion fehlt ebenfalls, Flattr kann ich auf einer Uni-Seite auch nicht einsetzen (um wenigstens durch die flattr-Klicks ein Feedback zu haben). Daher bitte ich diejenigen, die ein Feedback geben wollen, dies hier oder per E-Mail zu tun. Obwohl die Syntax natürlich eine etwas esoterische Disziplin ist, hoffe ich auf etwas Interesse.

SIGINT und CSD in Köln

Vom 5. bis 7. Juli 2013 fand der Sommerkongress des Chaos Computer Clubs, die so genannte SIGINT 2013 im Kölner Mediapark statt. Wie immer gab es ein paar Vortrags-Highlights, zum Beispiel den Vortrag von Kay Hamacher über statistische Fallen und – besonders unterhaltsam und erschreckend zugleich: einen Vortrag über die Möglichkeit, Briefwahlen zu fälschen.

Zufälligerweise fand an diesem Wochenende auch der Christopher-Street-Day in Köln statt, den ich noch nicht kannte. Dank einer Einladung von Kölner Piraten durfte ich auf dem CSD-Wagen mitfahren. Das war schon ein besonderes Erlebnis. Ich bin zwar kürzlich auch auf dem CSD-Truck der Berliner mitgefahren, aber der Kölner CSD ist anders: Er hat weniger den Charakter einer Demo als den eines Karnevalszugs. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, denn natürlich ist es in jedem Fall eine Demo, aber wie so oft zeigt sich, dass sich auch politische Veranstaltung den lokalen Traditionen anpassen, und so kann der Eindruck entstehen, der CSD sei so etwas wie der Rosenmontagszug des Sommers. Jedenfalls ist wirklich ganz Köln auf den Beinen und feiert am Straßenrand mit.
Das ist eben anders als in Berlin, wo sich die Feiernden mehr auf der Demo selbst tummeln und nur in geringerem Ausmaß am Straßenrand. In Kölns ist das anders. Der Zug durch die engen Straßen der Innenstadt ist auch sehr interessant, weil die Menschen in den Fenstern liegen, sozusagen auf Augenhöhe mit den Mitfahrenden auf den Wagen.

Mir hat der CSD jedenfalls sehr viel Spaß gemacht. Vielen Dank an die Orga! Uns haben übrigens sehr viele Leute zugejubelt – ganz so schlimm kann es also um die Piraten nicht stehen!

app.net (ADN)

Viele haben ja schon über app.net (kurz ADN) geschrieben (einfach mal die Suchmaschine eurer Wahl befragen), jetzt tue ich es auch. Für diejenigen, die noch nie davon gehört haben: auf den ersten Blick ist app.net so etwas wie twitter mit 256 statt 140 Zeichen. Dabei ist allerdings ein Account kostenpflichtig oder man hat eine kostenlose Einladung.

Durch die längeren Posts ist ADN deutlich stärker diskussionsorientiert als Twitter. Dadurch hat es einen anderen Charakter als Twitter, das ja mehr und mehr so etwas wie ein Link-Ticker wird. Aber der eigentliche Vorteil ist die Einbindung von externen Apps: Hier gibt es schon jetzt ein paar sehr schöne Sachen (und es entstehen ja ständig neue): Besonders hübsch ist Climber, eine App, mit der Videoclips von 11 Sekunden Länge aufgenommen und auf app.net veröffentlicht werden können. Das ist etwas, das ich sonst nicht kenne und das manchmal ganz praktisch ist. Einfach mal testen!

Leider gibt es Climber bislang nur für iOS. Dafür können sich die Android-Nutzer über den meiner Meinung nach besten Client für app.net, nämlich Robin. Für iOS kann man Felix nehmen, der ist auch nicht schlecht und macht schöne Links.

Für Gespräche im Chat-Raum würde ich ja IRC nehmen, aber auch das kann ADN, nämlich mit Patter. Eine gute Idee ist auch das Umfragetool Question.

Kritik habe ich natürlich auch: Eigentlich finde ich ja verteilte Systeme wie identi.ca besser. Das befindet sich aber gerade in der Umstellung auf pump.io, und man kann sich nicht mehr bei identi.ca anmelden. Leider bezweifle ich, dass das wirklich aus der Nische raus kommt – vielleicht, wenn es da mal schöne Clients gibt.

Also: probiert es auch! Und wer noch Tipps für apps für ADN hat, bitte in die Kommentare!

Ständige Mitgliederversammlung

Dass die Piratenpartei ohne verbindliche Online-Partizipation Politik machen will, ist ziemlich unvorstellbar. Für mich ist sogar unvorstellbar, dass andere Parteien mittelfristig daran vorbei kommen, ihre Mitglieder auch online in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Wenn ich auf Twitter von Piraten lese, dass sie eine „ständige Mitgliederversammlung“ (SMV) ablehnen, kann ich mich nur wundern: Solche Leute sind nicht etwa in der falschen Partei, sondern leben schlicht in der falschen Zeit.

Es ist bekannt, dass Wahlcomputer nicht manipulationssicher sind, so dass die Idee, Parteimitglieder anonym über das Internet abstimmen zu lassen, von vornherein verworfen werden muss. Das ist ohnehin nicht sinnvoll, denn Aufgabe von Parteien ist es ja, zur politischen Willensbildung beizutragen und das geschieht durch Diskussionen, konstruktive Debatten und Gespräche, die natürlich am besten funktionieren, wenn sich die Beteiligten kennen und vertrauen; Anonymität ist für die gemeinsame Ausarbeitung politischer Grundsätze also wenig wünschenswert.

Die SMVCon, die die Einrichtung einer SMV in der Piratenpartei vorbereitet, hat sich dafür entschieden, dass in dieser Online-Plattform die Prinzipien der Liquid Democracy angewendet werden sollen. Das ist sehr sinnvoll, denn sonst könnte eine solche Online-Mitgliederversammlung gar nicht ständig tagen, wenn alle Beteiligten immer online sein müssten. Die Delegation ermöglicht es, sich auch mal für einige Zeit auszuklinken, wenn man vorher an geeignete Leute delegiert hat, so wie das ja auch in der klassischen repräsentativen Demokratie möglich ist. Der Unterschied zu anderen Parteien mit ihren Delegierten besteht eben darin, dass alle Teilnehmer jederzeit ihre Delegationen zurücknehmen und selbst abstimmen können.

Der Konsensantrag zur SMV klammert Entscheidungen über das Parteiprogramm überraschenderweise aus. Eine SMV ohne Programmentscheidungen verfehlt meiner Ansicht nach die entscheidende Aufgabe einer Mitgliederversammlung, nämlich das Programm weiter zu entwickeln, was auf den traditionellen Parteitagen aufgrund knapper Zeit nicht so recht gelingen will. Der Grund für die Ausklammerung ist, dass das Parteiengesetz vorschreibt, Programmentscheidungen müssen auf Parteitagen vorgenommen werden. Nun ist aber gerade die ständige Mitgliederversammlung der Parteitag neuen Typs, also die Online-Weiterentwicklung des Forums, das über das Programm entscheidet. Hier muss die Piratenpartei einfach mutiger sein.

Ich hoffe sehr, dass auf dem nächsten Bundesparteitag ein Grundsatzbeschluss über eine Ständige Mitgliederversammlung gefasst wird (mit Programmentscheidungen und – was selbstverständlich ist – ohne geheime Abstimmungen). Bis dann diese SMV wirklich funktionieren wird, dürfte noch einige Zeit vergehen, aber die Entscheidung ist erst mal richtungsweisend. Ich denke auch, dass in absehbarer Zeit andere Parteien auf diesem Weg folgen werden.

Mit diesem Thema beschäftigen sich (ausführlicher) auch die Folgen 113, 114 und 117 des Klabautercasts.

#Neustart

Gerade wird in der Piratenpartei intensiv über ein Wahlkampfkonzept für die Bundestagswahl gestritten. Ich habe gleich gedacht: „Bloß nicht wieder Kühe und Euromünzen wie bei der letzten Bundestagswahl!“ Und tatsächlich gibt es unter dem Titel „Neustart“ zwei Vorschläge, die tatsächlich das Konzept „Themen und Köpfe“ sehr schön umsetzen:

  • Die Entwürfe von Peter Amende entwickeln die Bildsprache des Berliner Wahlkampfs weiter: Ich finde es sehr gut, denn die Plakate zeigen, worum es inhaltlich geht, und eben auch Köpfe normaler Menschen, nämlich der Piraten, die diese Inhalte vertreten. Das ist genau das, was ich mir von einer guten Kampagne wünsche.
  • Die Entwürfe von Fred sind künstlerisch innovativer gegenüber dem Berliner Wahlkampf, aber vielleicht im Vergleich zu Peters eine Spur zu intellektuell oder jedenfalls nerdig. Aber Ideen aus seinen Entwürfen sollten schon übernommen werden.

Plakat: Alle reden vom Internet -- Wir nichtBesonders gut gefällt mir das Plakat Alle reden vom Internet – Wir nicht, denn es verschafft einen Einblick in einen Piratenparteitag und zeigt sehr schön, wie die Piraten sind: chaotisch, bunt, aber kompetenter als andere. Zudem erkennt man auf dem Plakat bekannte Piraten wieder. Ein sehr schönes Bild!

Der Slogan #Neustart passt auch sehr schön: denn einerseits könnte er sich darauf beziehen, dass die Piratenpartei, die in den letzten Monaten eher schlechte Presse hatte, nun einen Neustart unternimmt, andererseits geht es um einen Neustart der Demokratie in Deutschland: Das System ist ja sehr gut, aber ein Neustart tut dringend Not, um schlimme Verirrungen (Hartz IV, Überwachungsstaat usw.) loszuwerden. Auch diese IT-Metapher ist treffend. Sie erinnert auch ein bisschen an Obamas Change, mit dem Unterschied, dass die Piraten und ihre Wähler das mit dem #Neustart wirklich wollen, auch wenn sie sich über Details (Vim oder Emacs) gern mal streiten.

Insgesamt bin ich bei diesen Vorlagen, über die abgestimmt werden kann, sehr zuversichtlich, dass der Wahlkampf rocken wird.

Berlinale 2013

Es ist mal wieder Berlinale in Berlin, inzwischen schon zum 63. Mal. Das bedeutet ja leider immer sehr viel Durcheinander. Ich habe mich jedoch ins Getümmel geworfen und war heute in einem wirklich empfehlenswerten georgischen Film mit dem schönen Titel: Chemi sabnis naketsi oder A Fold in my Blanket. Der Film läuft auch im Wettbewerb um den Teddy Award, wird da aber weniger Chancen haben, denn um ihn als schwulen Film zu erkennen, muss man schon Georgier sein: Es geht (unter anderem) um eine ziemlich platonische Männerfreundschaft. Überhaupt ist der Film so geschrieben, dass er die Zustände in Georgien so subtil kritisiert, dass er noch Geld von der georgischen Filmförderung erhalten kann. Dennoch muss ich ihn empfehlen. Ich fand die subtile Symbolik schon sehr faszinierend. Es ist ein durch und durch intellektueller Film. Fast jede Einstellung ist genau durchdacht. Als Sprachwissenschaftler freut mich besonders, dass die russisch-georgische Zweisprachigkeit im Film eine Rolle spielt: Die Dialoge sind überwiegend georgisch, zum Teil aber auch russisch. Sehr schön ist auch der Einblick in den georgischen Alltag. Ich hoffe sehr für den Regisseur Zaza Rusadze (der nicht nur Georgier, sondern auch Berliner ist), dass der Film in den Verleih kommt.

Schließlich bin ich vor dem Trubel geflüchtet und habe im Chaos Computer Club Berlin abends noch: http://en.wikipedia.org/wiki/TPB_AFK, den neuen Dokumentarfilm über The Pirate Bay gesehen, denn ich empfehle: Es treten dort viele bekannte Personen auf, es geht um die Hintergründe des Piratbyrån und somit auch der Piratpartiet. Außerdem kann man ständig fazialpalmieren, wenn man die Argumentation der Content-Vertreter hört.

Und wo wir schon bei Filmen sind, spreche ich gleich noch eine Filmwarnung aus: Neulich lief ja Zero Dark Thirty in Deutschland an, der Film über die Jagd auf Osama bin Laden: Kann man sehen, muss man aber nicht. Der Film hat Längen, zeigt grausame Folterszene, die aber irgendwie als gerechtfertigt und sinnvoll hingestellt werden und ist wenig spannend. Irgendwie fragte ich mich ständig, ob sich das wirklich alles so zugetragen hat, wie dort beschrieben.