Archive for the ‘politics’ Category

Bundesparteitagsvorbereitungen

Monday, May 2nd, 2011

Eigentlich wollte ich ja gar nicht so viel über Piraten-Interna hier bloggen, weil ich zur Piratenpolitik ja einen eigenen Podcast, den Klabautercast produziere. Am letzten Samstag fand die Sitzung der Antragskommission statt und irgendwie bin ich dann dort nicht mehr zum Podcasten über die Anträge für den Bundesparteitag gekommen, weil ich gegen Ende der Sitzung eine Episode für 1337kultur aufgenommen habe. Daher hier ein paar Beobachtungen zur „Antragslage“. Möglicherweise wird es auch noch einen Flaschencast über die Anträge geben.

Ich finde es ja gut, dass jeder Pirat antragsberechtigt ist und viele von diesem Recht auch Gebrauch machen. Durch ein von Alexandra Bernhardt entworfenes Antragsformular ging die Antragstellung diesmal auch deutlich strukturierter vonstatten als in der Vergangenheit. Leider blieb immer noch eine Menge Arbeit übrig, die mich nicht besonders motiviert hat, da ja die Wahrscheinlichkeit, dass viele Anträge abgearbeitet werden, eher gering ist, weil wieder viel Zeit für das Wählen drauf gehen wird.

Das Hauptproblem ist, herauszufinden, welche Anträge eventuell in Konkurrenz stehen zu anderen. Das haben die Antragsteller in der Regel nicht angegeben. Man kann das auch von Antragstellern nicht immer erwarten, da sie ja nicht wissen können, welche Anträge noch gestellt werden und möglicherweise auch nicht bereits veröffentlichte Anträge genau analysiert haben (dank Alexandras Formular erfolgte die Veröffentlichung diesmal sehr schnell nach der Einreichung, leider wurden viele Anträge erst kurz vor Fristende eingereicht). Der Antragskommission oblag es nun, Konkurrenzsituationen herauszuarbeiten (im Antragsportal inzwischen dargestellt). Wie kompliziert die Abhängigkeiten sein können, zeigt eindrucksvoll Markus Gerstels hilfreiches Flussdiagramm für die Anträge bezüglich der Schiedgerichtsordnung.

Wenn der übernächste Parteitag Satzungsänderungen und Programmerweiterungen in den Fokus nehmen soll, wird die Antragslage sicher noch komplizierter. Daher sollte die Vorbereitung anders erfolgen. Wenn man zum Beispiel konsequent Liquid Feedback einsetzte, wären Anträge und Gegenanträge schon einmal geordnet und man könnte auch eine Meinungstendenz erkennen. Natürlich muss der Parteitag frei entscheiden können (also auch unabhängig von in Liquid Feedback erzielten Ergebnissen), aber es könnte ja beschlossen werden, dass alle Anträge, die behandelt werden sollen, bis zu einem Stichtag in Liquid Feedback eingepflegt sein müssen. Wer partout nicht in Liquid Feedback mitmachen will, kann ja über eine Mittelsperson seinen Antrag dort platzieren – zum Beispiel auch über das Formular der Antragskommission. Außerdem können dann auch Leute mitwirken, die nicht zum Parteitag reisen können oder wollen.

Die Arbeit der Antragskommission zumindest zum Teil zu crowdsourcen, ist jedenfalls eine gute Idee, weil die Fülle der Arbeit durch eine Handvoll Kommissionsmitglieder kaum noch zu leisten ist und das Crowdsourcing natürlich auch die Möglichkeiten zur Partizipation steigert.

Update: Es gibt jetzt auch einen Klabautercast über die Vorbereitungen zum Bundesparteitag.

flattr, Kulturwertmark und freies Wissen

Friday, April 29th, 2011

Nun ist geschehen und die flattr-Buttons finden sich in diesem Blog. Ich habe ja lange gezögert, hier flattr-Buttons einzubauen. Der Hauptgrund war, dass ich dieses Blog als reines Privatvergnügen betrachte, für das ich natürlich nicht um Geld betteln wollte. Die schon lange andauernde Diskussion über die Kulturwertmark beim Chaos Computer Club hat mich dann aber doch dazu bewogen, mir – schon vor geraumer Zeit – ein flattr-Konto einzurichten. Hinzu kam, dass wir beim neusprech.org mal flattr selbst getestet hatten und ich schließlich auch bei meinem neuen Podcast 1337kultur einen flattr-Button einbauen ließ – mehr getrieben durch meine Mitstreiter als aus eigener Überzeugung. Das Ergebnis hat mich dann schon sehr beeindruckt. Viel Geld konnte ich zwar nicht verdienen (bei meinem Podcast gab’s im vergangenen Monat ein Plus von 8 Euro), aber die hohe Zahl von flattr-Klicks war schon ein positives Feedback, das ich sehr motivierend fand.

Der Community-Gedanke hinter flattr hat schon etwas sehr Sympathisches: Bisher habe ich noch keine flattr-Mittel entnommen (ich habe das auch vorläufig nicht vor), sondern nutze das Geld einfach zum Weiterflattrn. Ich hoffe, dass sich die Idee auch weiter verbreitet, denn nur so kann die Kulturwertmark funktionieren. Eine Zwangsabgabe würde ich stets ablehnen, aber so eine spendenbasierte Zahlung, mit der es möglich werden könnte, Inhalte zu befreien oder die Erstellung freier Inhalte auch finanziell attraktiv zu machen, halte ich für sehr sinnvoll. Das ist der richtige Weg und da ist es mir dann auch egal, dass flattr 10% für sich abzieht.

Negativ sehe ich allerdings, dass wie fixmbr zu recht kritisiert, in der flattr-Community auch Nazis unterwegs sind. Das ist gerade vor dem Hintergrund des Community-Gedankens abzulehnen. Das Argument von Peter Sunde, das flattr die Meinungsfreiheit sichern muss, ist nicht stichhaltig, denn die Meinungsfreiheit ist ein Freiheitsrecht gegenüber dem Staat. Peter Sunde als Geschäftsmann (und insbesondere als Community-Manager) muss Meinungsfreiheit nicht sichern und sollte das auch nicht, denn das Engagement gegen Nazis ist bürgerliches Engagement im besten Sinne. Besonders ärgerlich finde ich, dass Peter Sunde in den Kommentaren auf fixmbr sich hinter „feuerpolizeilichen Bestimmungen“ versteckt, indem er vorgibt, ein schwedisches Gesetz verhindere es, Nazis aus der Community auszuschließen. Es ist gar nicht nötig, hier eine Rechtsauskunft einzuholen, denn natürlich gilt in Schweden auch das Menschenrecht auf Assoziationsfreiheit.

Wo ich gerade schon über freie Inhalte schreiben, sollte ich noch auf meinen Vortrag bei der re:publica hinweisen, bei der ich über Freies Wissen schwadronieren durfte. Die Netzpiloten haben dazu eine schönes Kurzvideo gemacht und mich auch etwas ausführlicher interviewt. Das Video des Vortrags wird hoffentlich bald auf der zugehörigen re:publica-Seite online gehen.

Update: Das Video ist inzwischen auf der angegebenen Seite der re:publica online und alternativ bei Youtube und Videogold zu finden.

Zugangserschwerung bei Arte

Sunday, March 27th, 2011

Ich habe ja seit vielen Jahren schon keinen Fernseher mehr, aber das macht ja nichts, denn die wirklich interessanten Sachen findet man für gewöhnlich im Internet: so zum Beispiel die sehr interessante und aufschlussreiche Doku Water makes Money über die Wassergeschäfte von Veolia und GDF Suez oder Alles im Griff/Rien à signaler über die unhaltbaren Zustände in europäischen Atomkraftwerken. Leider stehen diese Angebote nur sieben Tage zur Verfügung aufgrund der völlig hirnrissigen Regelung des Depublizierens – bei ARTE übrigens auch in Frankreich, obwohl da der deutsche Rundfunkstaatsvertrag gar nicht gilt.

Da ich gerade in Frankreich bin und nur in dem Forschungszentrum, in dem ich gastiere, Internet habe, wollte ich mir die Dokus herunterladen, um sie mir offline anzusehen. Das ist auch meist besser, als sie mit so einem grottigen Adobe Flash-Player im Browser-Fenster zu sehen. Ich suchte also verzweifelt den Download-Button auf den Arte-Seite – Fehlanzeige! Nun gut, dachte ich, der Downloadhelper (ein Firefox-Plugin) wird’s schon richten. Pustekuchen! Es gelang mir nicht, diese Videos herunterzuladen. Auch Programme wie Mediathek halfen nicht. Schließlich fand ich helfende Hinweise in einem Ubuntu-Forum. Mit dem Programm rtmpdump gelang es mir endlich an das Material heranzukommen. Dabei fällt auf, dass man zunächst im Quelltext der Arte-Seite nach einer xml-Datei suchen muss (die ist dort ziemlich gut versteckt), die einen weiteren Link auf eine andere xml-Datei enthält, die dann erst die rtmp-Informationen enthält. Dann muss die noch mit dem richtigen Player verknüpft mit rtmpdump abspielen (im ersten Quelltext genannt, kurz vor der xml-Datei). Es geht, aber es ist schon eine ziemliche Zumutung. Ich habe schließlich meine Gebühren bezahlt und möchte das mit einem Download-Button herunterladen können. Jeder Videorekorder kann so etwas aufnehmen und viele digitale Geräte ermöglichen das zeitversetzte Fernsehen. Warum kann das nicht im Internet möglich sein? Ich halte das wirklich für eine Gängelei, die verboten gehört. Das Depublizieren nach sieben Tagen ist schon eine Zumutung, aber das man selbst in dieser Frist nicht ohne Flash und kaum zumutbare Umstände an die Sachen herankommt, ist schlicht eine Unverschämtheit. Und das angesichts der bevorstehenden Haushaltsabgabe, die für mich (zwei Haushalte, bisher nur Rundfunk) eine ca. 600% Erhöhung mit sich bringen wird. Ich zahle meine Rundfunkgebühren ja gerne, weil mir der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtig ist, aber wenn sie dazu verwendet werden, den Zugang zu Informationen und Wissen zu erschweren, fühle ich mich in meinen Grundrechten verletzt.

Radiergummipolitik

Saturday, March 26th, 2011

Jetzt ist die Fastenzeit schon fast vorbei (ich faste diesmal durch den Verzicht auf fruktosehaltige Limonaden) und ich habe es bisher versäumt auf meine Aschermittwoch-Rede hinzuweisen, die inzwischen auch als Video verfügbar ist: Es geht um Radiergummipolitik, also um analoge Strategien für die digitale Welt, wie sie von den Analogparteien aktionistisch vertreten werden. Viel Spaß dabei!

Feedback ist natürlich immer willkommen!

Merkel zu Fukushima

Tuesday, March 15th, 2011

Das Pressestatement muss Frau Merkel (Video) wohl auf die Schnelle selbst geschrieben haben, denn der Text strotzt nur so von Unerträglichkeiten. Gleich am Anfang geht es schon los:

Guten Tag, meine Damen und Herren! Wir verfolgen mit unverändert großem Entsetzen die Ereignisse in Japan.

„unverändert großes Entsetzen“? Was wäre denn verändert großes Entsetzen? Entsetzen ist doch kein sich verändernder Zustand und das Adverb unverändert relativiert das Entsetzen. Und mit der Relativierung geht es weiter:

Die Berichte über die nuklearen Folgen des schrecklichen Erdbebens und der furchtbaren Flutwelle in Japan sind widersprüchlich.

Es ist keineswegs widersprüchlich, dass dort eine atomare Katastrophe eingetreten ist; nukleare Folgen ist ganz furchtbares Neusprech dafür.

Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und wir gehen auch nicht zur Tagesordnung über. Denn wir können nicht so tun, als ob die Ereignisse in Japan schon deshalb keine Auswirkungen auf die ganze Welt, auf Europa und auf unser Land hätten, weil derartig gewaltige Erdbeben und Flutwellen nach menschlichem Ermessen bei uns nicht eintreffen werden.

Da überschlägt sich Frau Merkel mit Verneinungen. Zum besseren Verständnis verkürze ich den Satz mal und hebe die Negationen hervor:

Denn wir können nicht so tun, als ob die Ereignisse in Japan schon deshalb keine Auswirkungen … hätten, weil derartig gewaltige Erdbeben und Flutwellen … bei uns nicht eintreffen werden.

Man kürze mal die ersten beiden Negationen gegeneinander weg, dann ergibt sich: „wir können so tun, als ob die Ereignisse in Japan schon deshalb Auswirkungen hätten, weil derartig gewaltige Erdbeben und Flutwellen bei uns nicht eintreffen werden.” Wie meinen?

Und das Bild mit der Tagesordnung kommt gleich wieder:

Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und die bisherige unbestrittene Sicherheit unserer kerntechnischen Anlagen zum Maßstab auch des künftigen Handelns machen, ohne dass wir infolge der jüngsten Ereignisse einmal innehalten.

Wieso ist die Sicherheit unbestritten? Die war doch immer umstritten, insbesondere da die Standards gesenkt werden sollten. Und innehalten? Das Wort bedeutet, dass etwas zur Besinnung kurz unterbrochen wird. Damit wird deutlich, dass es offenbar mit der Tagesordnung, sprich Laufzeitverlängerung, weitergehen soll.

Diese Lage muss vorbehaltlos, rückhaltlos und umfassend analysiert werden. Erst danach folgen Entscheidungen. … Es gibt bei dieser Sicherheitsprüfung keine Tabus.

Ja, ist denn bisher nicht vorbehaltlos, rückhaltlos und umfassend analysiert worden? Gab es in der Vergangenheit Tabus?

Ich glaube, dass wir keine Gesetzänderung brauchen, sondern wir brauchen ein Gespräch mit den Betreibern … Aus meiner Sicht ist es nicht notwendig, das Gesetz zu ändern, sondern wir werden am Ende des Moratoriums Bilanz ziehen und sagen, was das genau bedeutet.

Gespräche mit der Lobby statt Gesetzesänderungen, so stellt man sich das vor, wenn die Lobby den Ton angibt.

Man beachte auch den Konjunktiv Irrealis in der Antwort auf die nächste Frage:

FRAGE: Frau Merkel, was bedeutet das Moratorium für die Kernkraftwerke, die ohne Laufzeitverlängerung ihre Reststrommengen schon aufgebracht haben? Müssen diese jetzt sofort vom Netz?

BK’IN MERKEL: Das wäre die Konsequenz, denn sonst wäre es kein Moratorium des von uns neu beschlossenen Gesetzes.

Der Irrealis wird verwendet – wie der Name sagt – wenn etwas irreal ist, also nicht verwirklicht ist oder wird.

Und dann kommt die Frage nach dem Zeitpunkt, auf die Merkel nicht den Schabowski macht:

ZUSATZFRAGE: Ab wann?

BK’IN MERKEL: Ich würde sagen: Wenn wir mit den Kernkraftwerksbetreibern gesprochen haben.

Wieder soll zuerst mit den Betreibern gesprochen werden. Als ob die für eine Abschaltung wären. Von wegen „vorbehaltlos und rückhaltlos“! Offenbar gibt es hier einen Betreibervorbehalt.

Wenn man sich dieses „Statement“ genauer ansieht, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Es geht offenbar nicht darum, aus der Laufzeitverlängerung auszusteigen, sondern es wird auf Zeit gespielt. Das macht mich sehr wütend!

Update: Da das Blog wegen dieses Artikels zeitweise überrannt wurde, hatte netzpolitik.de freundlicherweise einen Mirror eingerichtet. Dort sind dann auch die meisten Kommentare eingegangen.

Leidkultur und Leetkultur

Saturday, March 12th, 2011

In letzter Zeit sprechen viele Politiker wieder von Leidkultur. Ich schreibe das absichtlich mit d, denn was soll das anderes sein, als die Kultur, die uns der Deutschunterricht in der Schule verleidet hat? Eine Leitkultur mit t kann es nicht geben, denn Kultur ist immer vielfältig und es gibt keine „Kulturhierarchie“. Auch das Wort Subkultur ist seltsam, denn wer entscheidet, was Leit- oder Sub- ist?

Zum Glück gibt es die selbsternannte Leetkultur (bzw. 1337kultur in Leetspeak) als Gegenentwurf zum unsinnigen Konzept der Leidkultur; leet steht für élite und spielt mit dem elitären Kulturbegriff, denn Leetkultur ist eben nicht elitär, sondern Kultur aus der Nerd-Perspektive. Es geht dabei darum, die Prinzipien der Hacker-Ethik auf die (nicht nur technische) Kultur zu übertragen. Das könnte so aussehen:

  • Der Zugang zu Kultur und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.
  • Alle Informationen müssen frei sein.
  • Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung!
  • Beurteile einen Urheber nach dem, was er tut und nicht nach Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung.
  • Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.
  • Kultur kann dein Leben zum Besseren verändern.
  • Mülle nicht in den Daten anderer Leute.
  • Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

Ich habe hier lediglich zweimal Computer (im Plural) durch Kultur ersetzt und Hacker durch Urheber. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Über 1337kultur, also über Kultur aus dieser Perspektive plane ich, einen Podcast zu machen, der auch 1337kultur.de heißt. Darin wird es über alle Arten von Kultur gehen: Bücher, Musik, Filme, Kunst, Sport usw. Die folgenden Themen stehen schon fest:

  1. Labsal Weltliteratur: Bücher, die wir kennen, aber nicht gelesen haben (Folge 1)
  2. Beredte Bilder: Comics und Comic-Verfilmungen (Folge 2)

Wem in den Titeln ungewöhnliche Wörter auffallen, soll sich bis zur Sendung gedulden; sie werden dort erklärt. Jedes Mal soll nämlich auch ein leider zu wenig verwendetes Wort vorgestellt werden, das ich auch immer versuche, in den Titel einzubauen.

Die Folgen will ich übrigens schon bei der Aufnahme streamen, so dass die Möglichkeit besteht, über Twitter/Identi.ca und Internet Relay Chat mitzumachen. Die erste Folge wird am Sonntag 13.3.2011 um 13.37 Uhr gestartet, die zweite am gleichen Tag um 15.30 Uhr. Einige Tage später wird dann die erste Folge auch im Podcastfeed sein (technisch überarbeitet von Christopher Schirner, den aufmerksame Hörer schon vom Klabautercast kennen), die zweite Folge noch ein paar Tage später. Für den Stream kann ich dankenswerterweise den Server von xenim.de nutzen. Dort gibt es auch ein Archiv, ich empfehle aber den Rückgriff auf die technisch bearbeiteten Podcastversionen unter 1337kultur.de.

Der Podcast steht natürlich unter einer Creative Commons-Lizenz, nämlich cc-by-sa und darf entsprechend weiter- bzw. wiederverwendet und verbreitet werden – gern auch über Radio.

Update: Das Streaming war eine interessante Erfahrung: im Chat haben so zwanzig bis dreißig Leute mitgemacht und der direkte Feedback war sehr hilfreich. Es sind auch gleich zwei Pads mit den Shownotes geschrieben worden, eins zu Labsal Weltliteratur und eins zu den beredten Bildern.

Plagiat

Saturday, February 26th, 2011

Ich habe zumindest in Seminararbeiten mehrfach mit Plagiaten zu tun gehabt. Der schlimmste Fall, war eine Seminararbeit, die lediglich aus Copy&Paste-Textabschnitten bestand, allerdings waren die Quellen im Unterschied zur Dissertation des Freiherrn zu Guttenberg in der Bibliografie vollständig angegeben, es fehlten „nur“ eigenständige Texte und die Kennzeichnung der Textteile als Zitat. Dann gab es noch ein paar Fälle, bei denen Seminararbeiten übersetzte Texte enthielt, ohne dass die Übersetzungen klar als Zitate gekennzeichnet waren. Ich habe in solchen Fällen mit den Plagiatoren klärende Gespräche geführt und die Arbeiten zurückgegeben, bei den minderschweren Fällen zur Überarbeitung, während in dem zuerst genannten Fall eine neue Arbeit angefertigt werden musste. In jenem Fall habe ich dem Studenten auch mitgeteilt, dass ich im Wiederholungsfall den Prüfungsausschuss informieren werde und dass sein Verbleib an der Universität dann gefährdet sein könnte. In den genannten Fällen ging es allerdings immer nur um Seminararbeiten und nicht um Qualifikationsschriften (Magister-, Bachelor- oder Diplomarbeiten), geschweige denn Dissertationen. Spätestens da muss Schluss sein mit der Verharmlosung, die wir in der Causa Guttenberg beobachten.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die Universität Bayreuth sich darum gedrückt hat, ein Aberkennungsverfahren auf der Grundlage der Promotionsordnung durchzuführen, sondern lediglich eine Rücknahme der Entscheidung nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz durchgeführt hat, womit der Plagiator geschont wird. Ich hoffe, dass sich wenigstens die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft noch deutlich zu Wort melden wird. Denn für die Wissenschaft ist ein leichtfertiger Umgang mit Plagiaten verheerend. Schon jetzt frage ich mich, was ich Studierenden in minderschweren Fällen sagen soll. Man wird dann fragen: wieso wird hier nicht einfach die Prüfungsleistung zurückgenommen und „Schwamm drüber“ – so wie bei Guttenberg?

Es gibt noch einen Aspekt, den ich nicht verstehe: Warum haben Doktorvater und Zweitkorrektor nichts bemerkt und noch dazu die Bestnote vergeben? Ich habe die Guttenberg-Dissertation in Auszügen gelesen und mir waren die Brüche sofort aufgefallen. Juristen sind zwar keine Linguisten, haben aber auch sehr viel mit Sprache, Texten und Formulierungen zu tun. Das muss denen doch aufgefallen sein. Betreuer und Zweitkorrektor können sich da nicht aus der Verantwortung stehlen. Auch das ist ein Fall für die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft.

Sehr nützlich ist der Vorschlag, alle Doktorarbeiten künftig im Netz zu veröffentlichen. Meine Dissertation ist zwar noch aus der Klebelayout-Zeit, aber glücklicherweise bei Google Books einsehbar (leider unvollständig, ich werde mal mit dem Verlag sprechen, ob das auch anders geht). Hier liegt ja auch der ursprüngliche Sinn der Veröffentlichungspflicht für Dissertationen: dass jeder sehen kann, was da geschrieben wurde.

Berlinale: Die Jungs vom Bahnhof Zoo

Thursday, February 17th, 2011

Rosa von Praunheims Spielfilme mag ich ja nicht so, jedenfalls waren Can I be your Bratwurst, please! und Der Einstein des Sex ziemlich unerträglich. Dafür empfiehlt sich der Regisseur mit seinen Dokumentarfilmen. Einen solchen sah ich gestern auf der Berlinale, nämlich Die Jungs vom Bahnhof Zoo (Beschreibung im Berlinaleprogramm). Es ist ein sehr politischer Film über die Situation und die Biografien von Strichern in Berlin. Eigentlich ist der Titel etwas irreführend, denn der Film spielt mehr in Schöneberg als am Bahnhof Zoo, aber das machte ihn ja für mich als Schöneberger umso interessanter. Auch mein Rumänisch konnte ich etwas auffrischen (die Synchronisation könnte genauer sein; ich hätte hier auch Untertitel vorgezogen, um besser zuhören zu können). Der Film ist erzählerisch gut gelungen, es gibt immer einen Spannungsbogen. Leider kann sich der Regisseur nicht ganz von (s)einem belehrenden Habitus befreien: So vermittelt der Film den Eindruck, dass ein Stricher praktisch immer Opfer von Misshandlungen im Kindesalter sei und deshalb unschuldig an der „Situation, in der er lebt.“ Diese Botschaft wirkt nicht sehr überzeugend im Zusammenhang mit der Prostitution aus wirtschaftlichen Gründen, die im Film auch beschrieben wird. Diese kritische Bemerkung soll aber niemanden davon abhalten, sich den interessanten Film anzuschauen. Sehr schön ist übrigens der am Anfang hineingeschnittene Bericht der Berliner Abendschau aus den fünfziger Jahren, der zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft und die in ihr vorherrschenden Auffassungen von Moral seither verändert haben.

Digitalradierer

Tuesday, February 1st, 2011

Heute Abend hatte ich mal wieder eine Diskussion über den Digitalradierer. Das so ein Konzept nicht funktioniert kann man sich an einem einfachen Vergleich klar machen: Das Internet ist ein Netz von Kopiermaschinen; wenn ich da einmal etwas eingespeist habe, kann ich es nicht zurückrufen, weil viele Kopien davon angefertigt worden sind und im Umlauf sind. Selbst eine Funktion, die es mir nur dann erlauben würde, den Kopierer weiter zu benutzen, wenn ich eine bestimmte Seite vorher geschreddert habe, ist sinnlos, denn ich kann ja zwischendurch noch eine Kopie anfertigen und dann das Original in den Schredder geben und meine Kopie behalten.

Jede Datei, die ich mir auf dem Computer ausgeben lassen kann, besitze ich auch (wie das eben bei Kopiermaschinen ist) und kann sie auch „abheften“. Schon deshalb funktionieren Digitalradierer eben nicht. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, um Informationen im Internet „verschwinden“ zu lassen, besteht darin, viele neue Informationen zu schaffen, die dazu führen, dass es einen Informationsüberfluss gibt, in dem alte und (vermeintlich) unwichtige Informationen untergehen. Außerdem wird sich die Einstellung der Gesellschaft zu „alten“ Informationen auch mit der zunehmenden Nutzung des Internets ändern. Das soziale Problem, dass Menschen zu viel über sich preisgeben, lässt sich nicht durch technische Vorkehrungen lösen.

Letztlich hat die Online-Speicherung auch Vorteile: Politikeräußerungen bleiben in der Regel lange Zeit erhalten und geraten somit nicht in Vergessenheit. Das ist auch gut und richtig so. Ich vermute mal, dass leere Versprechungen immer seltener werden (Versprechungen sind im Gegensatz zu Versprechen übrigens immer leer), und somit wird die Welt dank fehlender Digitalradierer besser.

Jahresrückblick 2010

Wednesday, January 19th, 2011

2010 war ein ertragreiches Jahr für mich, vor allem wissenschaftlich (wobei ich da noch von meinem Forschungssemester 2009 zehre): Ich habe mich wieder ausführlich der Sprachtypologie zugewandt und dabei zum Baskischen (wen wundert’s?) und zum Spanischen gearbeitet. Ende des Jahres erschien dann meine kleine Studie zu Modus und Modalität im Baskischen in: Mood in the Languages of Europe (genaue bibliografische Angabe zu meinem Beitrag), eine Übersicht über die Typologie des Baskischen wird in Kürze erscheinen in: The Languages and Linguistics of Europe — A Comprehensive Guide. Ein paar Aspekte daraus gibt es schon als Knol, sozusagen als Appetithappen. Ein bisschen zwischen Wissenschaft und Politik ist mein Vortrag über freies Wissen angesiedelt, den ich in etwas unterschiedlicher Fassung auf dem Linux-Infotag in Augsburg und auf der OpenRheinRuhr in Oberhausen hielt.

Auch politisch war das Jahr 2010 sehr interessant, obwohl es nur eine Wahl gab, nämlich in Nordrhein-Westfalen (wo ich mich dann auch aktiv einbringen konnte): Mit Unterstützung von zwei oberfränkischen Piraten startete ich Ende Februar den Klabautercast. Der Podcast brachte es 2010 auf stattliche fünfzig Folgen, also im Schnitt eine Folge pro Woche. Da mir das Podcasten viel Spaß macht, war mir gar nicht aufgefallen, wie viele Folgen es am Ende geworden sind. Natürlich habe ich nicht jede Woche gepodcastet, sondern zum Teil vorproduziert, insbesondere im verregneten August, als mein Urlaub im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen war. Es wäre allerdings ohne die technische Unterstützung von Christopher Schirner gar nicht möglich gewesen, den Podcast zu realisieren. Jede Folge wird ca. 2000x heruntergeladen, die Folge über das Bedingungslose Grundeinkommen brachte es auf über 15000 Downloads. So ein Erfolg inspiriert natürlich ungemein.

Neben der Beschäftigung mit freiem Wissen habe ich mich auch für einen Ausbau demokratischer Teilhabe stark gemacht, nämlich für die Verwendung von Liquid Feedback innerhalb der Piratenpartei Deutschland (Vortrag: Interaktive Demokratie). Ich bin mir sicher, dass dieses Projekt imstande ist, Politik nachhaltig zu verändern und bin gespannt, wie es damit weitergehen wird, weshalb ich auch für Anfang 2011 eine kleine Tagung zu dieser Thematik mit dem Titel OpenLiquid initiiert habe und mit organisiere. Sie wird vom 28. bis 30. Januar in Neu-Anspach (bei Frankfurt/Main) stattfinden.

Eine sehr schöne Verbindung zwischen meinem fachlichen Interesse und meinem politischen ist das Blog neusprech.org, das ich seit Frühjahr 2010 zusammen mit dem Journalisten Kai Biermann betreibe. Zum Start des Blogs gab es auch gleich eine schöne Sendung beim bayerischen Rundfunk und bei Deutschlandradio samt Interview (außerdem kürze Beiträge beim Saarländischen Rundfunk und bei Deutschlandfunk Corso); zu Neusprech gibt es auch zwei neue Vorträge von mir: Auf der Überholspur zum Stoppschild – Politiker sprechen über Datenautobahnen (Fassung von der re:publica, leider „out of sync“) und zum Jahresende Ich sehe nicht, dass wir nicht zustimmen – Die Sprache des politischen Verrats und seiner Rechtfertigung (auch als Textfassung).