Geprüftes Wissen

Wie Mathias Schindler in seinem Blog berichtet, schreibt die Schweizer Sonntagszeitung anlässlich der Neuauflage der Brockhaus-Enzyklopädie:

Redaktionell hat der Brockhaus mit sechs neuen Bänden und 7000 zusätzlichen Seiten massiv gewonnen. Mit 300 000 Stichworten und 24 500 Seiten ist der Umfang nun mit der deutschen Wikipedia vergleichbar. Natürlich streichen die Leipziger Enzyklopädisten ihr besseres Bild- und Tonangebot gegenüber der Gratiskonkurrenz heraus und pochen auf ihr «fachlich geprüftes Wissen».

Das mit dem fachlich geprüften Wissen würde ich etwas anders sehen. Gehört nämlich der Fachwissenschaftler zu einer bestimmten Schule (was meistens der Fall sein dürfte), wird auch vor allem diese Schule vertreten. Das kann man schön sehen – zum Beispiel bei den Indianersprachen.

Dennoch erweist sich auch in der wissenschaftlichen Arbeit die oft ungesicherte, dafür reichlich vorhandene Information der Wikipedia mit gebotener Vorsicht als gutes Sprungbrett für weitergehende Recherchen. Ein Blick in die Artikel über die Landsgemeinde oder Appenzell Innerrhoden führte mit Wikipedia weiter als mit der bisherigen Multimedial-Ausgabe des Brockhaus. Erst die jetzt vorgestellte Neuausgabe kann hier gleichziehen.

Die Beispiele sprechen für sich… Schnell mal einen Blick auf Landsgemeinde und Appenzell Innerrhoden werfen! Gerade die Ortsartikel dürften in der Wikipedia weitgehend verlässliche Informationen bieten.

Der neue Brockhaus punktet bei der Wahl von Quellentexten, Fotos, Grafiken und gut recherchierten Literaturverweisen.

Literaturverweise sind sicher ein Plus. Das muss ich mir mal ansehen. Aber wahrscheinlich fehlen nach wie vor Quellenverweise und eine Angabe, wer den jeweiligen Artikel geschrieben hat.

Für Begriffe der Aktualität oder des Alltags ist er sich aber nach wie vor zu fein. Wenn der Sohn nach «Ovo» sucht, stösst er nur bei Wikipedia auf die gesuchte Ovomaltine, aber auch auf die «Polit-Tunte und Aids-Aktivistin Ovo Maltine». Im neuen Brockhaus findet er nur ein Zitat aus der «Ars Poetica» des antiken Schöngeistes Horaz: «Bellum Troianum orditur ab ovo».

Das ist sehr schön ausgedrückt: „Der Brockhaus ist sich zu fein.“ Die Beispiele zeigen sehr schön das Problem; Jemand der nach Ovo sucht, möchte wahrscheinlich etwas über Ovomaltine oder Ovo Maltine wissen. Da sollte auch der Brockhaus helfen. Ich bin jedenfalls auf Mathias’ Besprechung gespannt. Um die Arbeit beneide ich ihn nicht. Ich denke, er wird sehr kritisch sein. Vielleicht wird dann auch endlich klar, dass das Prädikat „geprüftes Wissen“ besser zur Wikipedia passt als zum Brockhaus.

Ein Gedanke zu „Geprüftes Wissen“

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