Rechtschreibtipp: ß

Eigentlich wollte ich gar nicht über die (neue) ß-Regel schreiben, weil ich dachte, sie sei allgemein bekannt und völlig unproblematisch. Die Lektüre der letzten Tage hat mich allerdings eines Besseren belehrt. Hier also noch einmal die Regel:

Ein „scharfes“, also stimmloses [s] wird nach kurzem Vokal mit ss orthografisch wiedergegeben, nach langem Vokal oder Diphthong mit ß.

Beispiele: kurzer Vokal vor ss: Kuss, Fässer, Masse; langer Vokal vor ß: Fuß, Maße, Diphthong vor ß: weiß, außer (häufig sieht man falsches *ausser).
Eigentlich eine einfache Regel, wenn einem der Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen klar ist. Für die meisten deutschen Muttersprachler dürfte das aber kein Problem sein.
Schwierigkeiten ergeben sich am Wortende: Da dort wegen der Auslautverhärtung das s immer stimmlos ist, stellt sich die Frage, ob nicht vielleicht ein einfaches s reicht: Schreibt man Fleis? – oder Fleiß? Vlies oder Vließ? Mus oder Muß? Das „Verlängern“ des Wortes hilft, wo dies möglich ist: fleißig, also Fleiß, Vliese oder Vließe, also beides (Vließ ist eher süddeutsch/österreichisch); Mus lässt sich schlecht verlängern, der Plural müsste Muse sein, also ist Mus richtig (vgl. auch Gemüse, mit dem Mus entfernt verwandt ist). Übrigens ist Müsli ein Müslein und wird daher nicht mit ß geschrieben – wie auf mancher Speisekarte zu sehen.
Ganz trickreich ist das Suffix -nis: Da der Plural -nisse lautet, würde man für den Singular *-niss erwarten, aber man schreibt seit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1901 -nis im Singular.

Hintergrund

Das Latein kannte nur ein stimmloses s, das in der Schreibung des Deutschen für stimmhaftes s (IPA [z]) übernommen wurde. Stimmloses s wurde durch Doppelschreibung bzw. ß angezeigt, wobei ß eine Ligatur für ss war (in der Typografie). Später wurde dann die typografische Regel zu einer orthografischen: Nach kurzem Vokal wurde ss geschrieben, wenn das (Teil-) Wort nicht zuende ist und kein Konsonant folgt (Flüs-se), sonst (Fluß-u-fer). Die neue Regel mit der Vokallänge ist einfacher und passt besser in das Grundprinzip der deutschen Orthografie, dass Vokalkürze durch Doppelkonsonanten gekennzeichnet wird. Die neue ss/ß-Regel ist eine der wenigen überzeugenden Verbesserungen der neuen deutschen Rechtschreibung.
Die Schreibung -nis mit einfachem s wurde übrigens damit begründet, dass dieses Suffix immer unbetont ist. Die Begründung ist nicht wirklich überzeugend.

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