Gelahrtheit

Ich habe mich immer darüber gewundert, warum Literaturwissenschaftler ihre Vorträge vom Blatt ablesen. Jetzt weiß ich es, denn heute konnte ich einen literaturwissenschaftlichen Vortrag hören, in dem sich der Redner immer wieder vom Blatt löste und dann wurde es – dramatisch! (Der Gedankenstrich ist hier bewusst gesetzt, denn er repräsentiert die dramatischen Pausen, die der Redner einlegte.)
Zum Teil verstieg sich der Vortragende in neuartige Wortschöpfungen: so sagte er statt ‚symptomatisch‘ symptomatologisch, statt ‚geheim‘ oder ‚vertraulich‘ mirakulös (worunter ich bestensfalls ‚wundervoll‘ verstehen könnte) und statt ‚Fresko‘ al fresco; neu war mir auch das deutsche Wort Progress für ‚Fortschritt‘ – sehr wirkungsvoll dramatisch betont; und die contingentia oppostorum dürfte „Neulatein“ sein, aber man lernt ja gern dazu. Den Vogel schoss er ab, als er nach einer Stunde Vortrag verkündete: „Meine Damen und Herren – [dramatische Pause] – ein letztes Wort – [dramatische Pause, das Publikum atmete erleichtert auf] – bevor ich am Schluss zum eigentlichen Thema meines Vortrags komme…“ Großes Kino!
Übrigens: wer hochgelahrte Artikel über postmoderne Themen selbst schreiben will, kann sich des Postmodernism Generator bedienen. Dort fehlen allerdings die dramatischen Effekte, die der heutige Redner aus dem Stegreif zu extemporieren wusste.

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