Der Mauerpark und das Schloss

Was kann es Schöneres geben als das Frühstück im Grünen bei bestem Sommerwetter? Nein, ich meine nicht das Bild von Édouard Manet, das auch sehr schön ist, aber im Musée d’Orsay hängt, sondern einen Brunch im Mauerpark, zu dem ich heute eingeladen war. Schon die Fahrt mit dem Fahrrad durch Ost-Berlin war eindrucksvoll wegen der vielen Deutschlandfahnen an den Fenster. Ich glaube, so sehr beflaggt war die Hauptstadt zuletzt unter Honecker.

Zum Brunch hatten gunjin und Marie geladen, die beide ihren Geburtstag dort begingen und es waren Unmengen an Essen aufgefahren worden; fh hatte sich sehr viel Mühe mit dem Obstschnipseln gemacht und einen modularisierten und damit für alle interessanten Obstsalat mitgebracht. Das war wirklich die Nerd-Idee des Tages! Der Mauerpark ist übrigens eine nette Picknick-Location – schon wegen des Publikums, denn die Leute sind hier jung und entweder hipp oder alternativ – jedenfalls nicht stino.

Ganz anders ist Das Schloss, wo mich eine spätere Verabredung hinführte: Es handelt sich um ein Einkaufszentrum in Steglitz neben dem Rathaus Steglitz an der Schloßstraße (wirklich mit ß) und somit in unmittelbarer Nähe des Gutshaus Steglitz, das auch Wrangelschlösschen heißt und somit den Ursprung für die Namensgebung darstellt. Das Einkaufszentrum so zu nennen, ist eine gute PR-Idee, denn bald wird man bei Nennung des Straßennamens nur noch an das Einkaufszentrum denken; an das Gutshaus denkt eh niemand mehr. Was den PR-Leuten wahrscheinlich entgangen ist: ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Einkaufszentrum schrieb Franz Kafka seinen letzten Roman Das Schloss, denn die letzten Jahre vor seinem letzten Sanatoriumsaufenthalt verbrachte der Schriftsteller in der Nähe des jetzigen „Schlosses”. Eine Gedenktafel befindet sich in der Grunewaldstraße an einem Haus etwa 300 m hinter dem „Schloss”. Damit bekommt der Roman postum noch eine besondere Bedeutungskomponente…

Kafka soll Berlin sehr geschätzt haben, weshalb er ja auch hergezogen ist. Diese Vorliebe kann ich gut nachvollziehen, weniger seine Vorliebe für Steglitz. Die wird wohl mit seiner Tuberkulose zusammengehangen haben, denn vor dem Bau des Knotens zwischen B1 und A103 am Steglitzer Kreisel war die Luft hier bestimmt deutlich besser als im übrigen Groß-Berlin.

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