Mehr Demokratie wagen

Der Titel dieses Beitrags Mehr Demokratie wagen erinnert an Willy Brandts berühmten Slogan, der der SPD immerhin 1969 zur Regierungsverantwortung der sozial-liberalen Koalition verhalf. Seit seiner Verfassungsänderung 2006 wagt das Land Berlin tatsächlich mehr Demokratie: unlängst gab es Volksentscheide über den Flughafen Tempelhof, die Rudi-Dutschke-Straße und an diesem Wochenende über das Mediaspree-Projekt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Und ich glaube, man kann mit den Ergebnissen zufrieden sein: Das Volk entschied sich nicht für den Flughafen, die Rudi-Dutschke-Straße darf wirklich nach Rudi Dutschke benannt sein, und die Initiative Mediaspree versenken kann einen großen Erfolg verbuchen: Fast 90 Prozent derjenigen, die an der Abstimmung teilgenommen haben (etwa 19%), stimmten für den Antrag der Initiative – zum Glück, denn die Einbetonierung der Spree muss abgewendet werden. Hoffentlich funktioniert das auch, denn der Volksentscheid hat ja nur empfehlende Wirkung. Ich denke aber, dass die politische Kraft, die von ihm ausgeht, stark genug sein wird.

Sonntags in Berlin

Berlin ist eine Sommerstadt, denn nur im Sommer entfaltet sie mit ihrem vielen Grün ihren gesamten Zauber. Den Tag begann ich mit einem entspannten Brunch bei Chris und Jan, um dann nachmittags etwas spazieren zu gehen. Eigentlich war ja Wetter für das Strandbad Wannsee, aber da sich der Brunch länger hingezogen hat, konnte ich mich nicht mehr aufraffen.

Gay Memorial, Berlin

Dafür bin ich dann etwas spazieren gegangen. An diesem Sonntag war ja eine Kundgebung zum Autofreien Sonntag auf der Straße des 17. Juni und rund um das Brandenburger Tor. Bei der Gelegenheit stattete ich natürlich auch dem neuen Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen einen Besuch ab, das in der letzten Woche eröffnet worden war. Das Denkmal mit seiner Videoinstallation (in einem kleinen Fenster an der Seite) gefällt mir sehr gut, weil es eine Verbindung schafft zwischen schwer verdaulicher Erinnerungsarchitektur (Steinblock) und der heutigen Zeit (Videoinstallation). Es ist auch ein ziemlicher Publikumsmagnet. Jedenfalls war es kaum möglich, das Fenster mit der Videoinstallation zu fotografieren, ohne dass sich andere Betrachter darin spiegelten.

Anti-Gay Demonstration

Unweit des Denkmals protestierte jemand im Rahmen der Kundgebung gegen Schwule. Ich habe das gleich mal fotografisch festgehalten, weil ich es an dieser Stelle unerhört fand und sich der abgelichtete Demonstrationsteilnehmer wohl kaum auf das Recht am eigenen Bild berufen kann, schon gar nicht im Rahmen einer öffentlichen Demonstration. Angesichts des Denkmals macht ein solcher Anti-Schwulen-Protest schon ziemlich sprachlos.

Am Abend aß ich mit Leuten vom Chaos Computer Club Berlin noch ein paar leckere Pizzastücke in der Foccaceria in der Fehrbelliner Straße 24 – nicht billig, aber sehr empfehlenswert! Hier an einem lauschigen Sommerabend bei Pizza und italienischem Wein zu sitzen, lässt sich sehr mediterran an. Anschließend sahen wir noch gemeinsam The Big Lebowski, der doch sehr zur entspannten Großstadtsommeratmosphäre passte.

Indiana Jones & Michael Clayton

Nach den Anstrengungen der letzten Woche (allein 47 Klausuren, deren Korrektur mich viele Stunden und eine Nacht gekostet hat) habe ich mir am Wochenende eine kleine Auszeit genommen und gleich zwei Kinofilme angeschaut: zum einen den neuen Indiana Jones-Film Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels und Michael Clayton. Der Indiana-Jones-Film ist natürlich seichtes Popcorn-Kino und war trotz der haarsträubenden Geschichte durchaus amüsant: besonders witzig waren die Überblendung vom Paramount-Logo auf die allererste Einstellung des Films und die linguistischen Bemerkungen des Helden (zum Beispiel über die verdunkelten Vokale der Ostukraine). Ansonsten kann man sich den Film auch schenken (da ist Indiana Jones und der letzte Kreuzzug schon besser).

Nicht schenken sollte man sich jedoch Michael Clayton. Dass mir der Film besonders gefallen hat, liegt allein schon daran, dass der Film nicht linear erzählt und – was ich besonders mag – ein Teil der Geschichte zweimal erzählt wird, und zwar beim zweiten Mal mit einer dazwischen geschnittenen Parallelhandlung, die Ereignisse der Haupthandlung erklärt. Zudem ist die schauspielerische Leistung von George Clooney und in einer heimlichen Hauptrolle Tilda Swinton eindrucksvoll. Letztere bekam dafür zurecht einen Oscar als beste Nebendarstellerin.

Da ich den ersten der beiden Filme im Berliner Cubix gesehen habe, gleich noch ein paar Worte zum Kino: Ich mag ja Multiplex-Kinos nicht so, aber der Ausblick aus dem obersten Stock des Cubix ist atemberaubend (insbesondere wenn man in der verglasten Ecke steht!) und die Beschallung im großen Saal 9 (ganz oben) ist nicht von schlechten Eltern. Warum man allerdings am Eingang unaufgefordert eine Packung Kondome erhält, selbst wenn man auf einem gut einsehbaren Platz am Mittelgang sitzt, entzieht sich meinem Verständnis.

Tempelhof

Heute findet der erste Volksentscheid in Berlin seit der entsprechenden Verfassungsänderung statt. Es geht um den Flughafen Tempelhof: Der Senat von Berlin hatte die Schließung beschlossen, weil sie eine Voraussetzung war für den Ausbau des Flughafens Berlin-Brandenburg-International (in offizieller englischer Orthografie ohne die im Deutschen erforderlichen Bindestriche). Flughafenbefürworter haben daraufhin über ein Volksbegehren den heutigen Volksentscheid durchgesetzt. Ihre Argumente kann ich nicht nachvollziehen:

  • Die Mehrheit der Berliner sei für den Erhalt des Flughafens: Das ist natürlich ein Scheinargument, denn das wird ja erst im Volksentscheid ermittelt, und mit der Masse zu schwimmen sollte keine Tugend sein.
  • Die Aufgabe des Flughafens zerstöre Arbeitsplätze: Dafür schafft dann eben der Flughafen BBI neue, zumal die auch in Brandenburg viel eher gebraucht werden; außerdem sind sie auch für Berliner erreichbar.
  • Tradition
  • Die Aufgabe eines Innenstadtflughafens mache Berlin provinziell, da auch andere große Städte einen Innenstadtflughafen hätten. Auch hier liegt ein Scheinargument vor: Provinzialität misst sich nicht an Flughäfen; zudem grenzt Schönefeld direkt an Berlin und ist – im Gegensatz zum Münchner Flughafen – problemlos in einer Viertelstunde vom Stadtzentrum aus erreichbar.

Viel schwerer wiegen die Gegenargumente:

  • Ein innerstädtischer Flughafen bringt lästigen Fluglärm in die Stadt; ich selbst habe darunter gelitten, als ich noch in Friedenau wohnte.
  • Die Einflugschneisen über Wohngebiete bergen ein erhebliche Risiken.
  • Der Flughafen ist unrentabel.
  • Die Beibehaltung des Flughafens könnte zu einem Ausbaustopp beim Flughafen BBI führen (das wäre zwar gut für die dortigen Anwohner und die Natur, aber schlecht für Berlin).
  • Anstelle des Flughafens könnte hier das Tempelhofer Feld mit einem Park und einer Gartenstadtsiedlung neu entstehen. Zudem würde das Flughafenmuseum zu einem Museum, das an den Flughafen und die Berliner Luftbrücke erinnern soll; das wäre eine vernünftige Art, mit Geschichte umzugehen.

Ich vermute mal, die Flughafen-Befürworter werden sich nicht durchsetzen. Das ist aufgrund der oben angeführten Argumente auch zu hoffen.

re:publica – Tag 2 & 3

Vom Programm des zweiten re:publica-Tages habe ich nicht soviel mitbekommen, weil ich mich überwiegend mit Leuten unterhalten haben, wozu eine solche Veranstaltung ja da ist, denn endlich sieht man mal die Gesichter, die hinter den Blogs stecken, die man so liest. Das ist sehr spannend! Höhepunkt des Tages war dann Verenas Vortrag über emergente Intelligenz, den ich sehr stimulierend fand – auch wenn die Diskussion danach etwas ins Metaphysische abglitt.

Am dritten Tag gab ich mir dann fast die gesamte Subkonferenz der Hard Bloggin’ Scientists. Das gelegentliche Professorenbashing fand ich zwar etwas unwissenschaftlich, aber ich konnte doch eine Menge lernen. Danach folgte dann nur noch die Abschlussveranstaltung und free beer, das aber knapp und eher mittelmäßig im Geschmack war.

Insgesamt hat mir die re:publica 08 vor allem wegen der netten persönlichen Kontakte gefallen. Da kommt man gern wieder!

Re:publica – Tag 1

Heute war der erste Tag der re:publica 08. Die Eröffnungsveranstaltung hatte ich wegen der Schlange vorm Eingang (im Regen!) verpasst. 🙂 Dann kam gleich die Keynote über Nützliches Vergessen von Viktor Mayer-Schönberger, die ich nicht besonders gut fand, denn ich halte die Forderung, das Internet müsse vergessen für weltfremd und unpraktikabel. Wer so etwas fordert, lebt in der Tat noch im Web 1.0, denn wenn alle User vernetzt sind und das Netz dezentral ist, kann man nicht auf Vergessen setzen, weil man nie weiß, wer was gespeichert hat. Es müssen andere Wege gefunden werden, und vor allem kann man keine Forderungen an eine zentrale Instanz stellen, denn das Netz funktioniert so einfach nicht.

Die Zukunft der sozialen Netze fand ich zwar unterhaltsam, was besonders an Tim Pritlove lag, der versuchte, die Podiumsdiskussion noch irgendwie zu retten, aber das Panel war viel zu groß, und es kam keine substanzielle Information rüber. Der Vertreter von StudiVZ kam ständig argumentativ ins Schwimmen und der von MySpace dreschte nur PR-Phrasen. Unerträglich! Mir wurde schlagartig klar, dass Twitter, das natürlich kein soziales Netzwerk ist, die sozialen Netzwerke vernetzen und wahrscheinlich beerben wird. So trug ich wenigstens eine Erkenntnis davon.

Dem entsprechend war natürlich der kleine Workshop-Raum für den Vortrag über die Twitterwelt zu klein. Der Vortrag war interessant und noch interessanter die Publikumsreaktionen; vor allem war zu beobachten, dass Twitter selbst von neophilen Menschen noch unterschätzt wird.

Erwartungsgemäß unterhaltsam fiel die Web Side Story aus, deren Aufzeichnung ich jedem empfehlen kann: eine gelungene Satire auf das Web 2.0 und seine Nutzer! Markus Beckedahls Vortrag über die digitale Gesellschaft brachte wenig Neues. Tim Pritloves Live-Podcast mit Peter Glaser war unterhaltsam; ich bedauere jedoch, dass das Publikum nicht einbezogen wurde. Das wäre doch die Herausforderung gewesen!

Der Vortrag über Porno2.0 von Torsten Kleinz war für mich auch recht interessant, weil Hetero-Pr0n für mich bisher eine völlig unbekannte Welt war, zumal Torsten einen gefällig trockenen Vortragsstil hat.

Ich ließ mich dann noch per Mikro.fm in die Zeit der Piratensender zurückversetzen, die ebenfalls eine 2.0-Phase erreichen: Sendungen werden per Internet verteilt und dann von verschiedenen Nahsendern ausgestrahlt (dank Vernetzung über eine große Fläche hinweg). Das war schon sehr spannend! Danach war ich noch mit ein paar Extrembloggern in einem Slow Food-Fastfood-Restaurant an der Tram-Haltestelle Zionskirchplatz.

Frühstück im Hardenberg

Italian Breakfast at Café Hardenberg

Der Nichtraucherschutz macht es möglich, Cafés neu zu entdecken, die ich in den vergangenen Jahren wegen Zigarettenrauchs gemieden habe, wie zum Beispiel das Café Hardenberg, wo ich wahrscheinlich schon seit 10 Jahren nicht mehr war. Heute frühstückte ich dort mit einer langjährigen Freundin, mit der ich mich zum Computerkauf am Ernst-Reuter-Platz verabredet hatte.

Nach einem ausgiebigen italienischen Frühstück, das sicher kein Italiener zum Frühstück, sondern eher zum Abendessen vertilgen würde, kauften wir dann ein Apple MacBook Pro, das „Rechts-Unten-Modell“ von Apple. Wir haben dann noch den ganzen Nachmittag damit verbracht, das Gerät auszutesten, Software zu installieren usw. – nicht ohne den fahlen Schein des Neids meinerseits. Spätestens im Sommer werde ich dann aber meine Computerausstattung auch aufrüsten.


Österreich in der Bergmannstraße

Schon vor ein paar Wochen hatte ich im Kaffeehaus Felix Austria in der Bergmannstraße 26 das Vergnügen, Marillenknödel zu essen und Melange zu trinken. Heute probierte ich das nahe gelegene Restaurant Austria (Bergmannstr. 30, direkt gegenüber der Passionskirche) am Marheinekeplatz.

Man sollte das Lokal frühzeitig besuchen oder reservieren. Ich entschied mich für die erste Variante: Als wir das Lokal betraten, sahen wir auf allen Tischen „Reserviert“-Schilder, obwohl das ganze Lokal (noch) leer war. Wir bekamen dann aber einen Platz zugewiesen. Ähnlich erging es allen weiteren Gästen, die offenbar samt und sonders nicht reserviert hatten, aber einen Platz zugewiesen bekamen. Offenbar dienten die Reservierungsschilder dazu, den Publikumsverkehr etwas zu kanalisieren – wie passend für ein österreichisches Lokal bei den Preußen!

Schau war auch der berlinernde Schani, der uns bediente und durchaus ins österreichische Ambiente passte (es gab auch eine wienernde Serviererin). Loben muss ich allerdings vor allem das leckere dunkle Kapsreiter Landbier aus Schärding und natürlich das Essen: Das Wiener Schnitzel war sehr lecker und auch mit großem Hunger nicht aufzuessen. Der Erdäpfelsalat wirkte hingegen nicht eher norddeutsch (Mayonnaise!), schmeckte mir aber trotzdem. Auch der Semmelknödel, von dem ich kostete, war sehr lecker. Da ich anschließend recht satt war, reichte es nur noch für einen kleinen Schwarzen, der auch recht kräftig war.

Das Austria ist zwar kein billiges, aber durchaus ein gutes Restaurant – vor allem für die Freunde der österreichischen Küche.

Guggenheim: Wahrer Norden

Dass montags Guggenheimtag ist, dürfte den Lesern meines Blogs nicht unbekannt sein: Montags hat man nämlich in der Deutschen Guggenheim in Berlin freien Eintritt, und da man ja nicht weiß, ob einen die modernen Kunstwerke in zweieinhalb Räumen wirklich gefallen, empfiehlt es sich das Risiko eines Besuchs nur montags einzugehen, damit sich zu einem ästhetischen Trauma nicht auch noch finanzieller Verlust gesellt. Auch die Ausstellung True North, die zur Zeit gezeigt wird, ist recht übersichtlich: Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es gerade mal sieben Werke. Gefallen hat mir davon eigentlich nur Nu*tka* von Stan Douglas, benannt nach dem Land der Nutka oder Nuu-chah-nulth. Die Idee, einen Film zeitweise in gleichzeitig seh- und hörbare Teilfilme aufzuteilen, fand ich sehr passend.

Auch die Deutsche Guggenheim hat inzwischen erkannt, dass es nur am Montag so richtig voll ist, und eine Kampagne unter dem Motto I Like Mondays gestartet: Kunstgeschichtsstudenten helfen den Zuschauern bei der Auseinandersetzung mit den Werken. Leider waren die heutigen Kunstgeschichtler mehr mit sich selbst als mit dem übrigen Publikum beschäftigt.