Archive des Öffentlichen

Gerade befinde ich mich auf der Rückfahrt aus Viersen, wo ich an dem Symposium Archive des Öffentlichen teilgenommen habe, und zwar als Wikipedia-Experte. Im Mittelpunkt stand dort nämlich die Frage nach dem Einsatz eines Wikis für die Dokumentation von Kunst im öffentlichen Raum, das publicartwiki, das ich für eine sehr viel versprechende Initiative halte. Allerdings muss es noch verändert werden:

  1. Es muss in die Trägerschaft eines Vereins überführt werden oder in die Trägerschaft der öffentlichen Hand, damit gewährleistet ist, dass das Wiki auch Bestand hat und nicht von Privatinteressen abhängig ist.
  2. Das Wiki sollte unter einer freien Lizenz stehen (das muss wohl nicht weiter begründet werden; ein Grund ist oben schon genannt worden).
  3. Das Wiki sollte als offenes Wiki funktionieren, das heißt: es sollte mehr oder weniger frei zugänglich sein, vielleicht beschränkt auf angemeldete Nutzer, um deren Klarnamen man bittet. Damit kann sichergestellt werden, dass man es mit „Experten” im weitesten Sinne zu tun hat (Künstler, Kunstinteressierte usw.).

Wenn diese Punkte erfüllt sind, wird das publicartwiki wahrscheinlich über kurz oder lang ziemlich erfolgreich sein können. Ich bin mir (vor allem nach der Tagung) sicher, dass es ein Bedürfnis gibt, Kunst im öffentlichen Raum zu dokumentieren. Dies kann nur beschränkt in der Wikipedia geschehen, denn in einem speziellen Wiki stellen sich Fragen der Relevanz ganz anders als in der Wikipedia, zudem muss das publicartwiki auch Informationen enthalten, die in der Wikipedia keinen Platz haben (zum Beispiel über die Erreichbarkeit des Kunstwerks, touristische Informationen, Bedienungsanleitung, unter Umständen subjektive Interpretationen, ästhetische Urteile usw.); ein eigenes Wiki scheint daher unumgänglich und wäre für die unterschiedlichen Mitspieler in der öffentlichen Kunstszene sicher ein Gewinn. Vielleicht kann ich die Macher und Wikimedia Deutschland zu einer Zusammenarbeit bewegen.

Kurztrip nach Hamburg

Hamburg

Da ich in der ersten Januarwoche wenigstens noch etwas urlaubsartigen Tapetenwechsel benötigte, bin ich in dieser Woche mal nach Hamburg gefahren, wo man ja praktisch im S-Bahn-Verkehr von Berlin aus hingelangt. Leider war es sehr kalt und diesig, weshalb ich nicht so gut fotografieren konnte und das Interesse an Museen höher war als an Outdoor-Aktivitäten.

Zunächst besuchten wir den Stuhlmannbrunnen, was aber die einzige Outdoor-Aktivität war, und dann das Altonaer Rathaus. Von Hamburg-Altona aus fuhren wir zu Hafencity, um das dortige Museum im ehemaligen Kesselhaus des Hafens (Volldampf voraus!) zu besuchen.

Dann ging es zum Museum für Hamburgische Geschichte, wo wir uns weitere Stadtmodelle ansahen, und nach einem kurzen Abstecher zum Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ging es dann mit der „S-Bahn-Linie“ Hamburg-Berlin wieder zurück in die Hauptstadt.

Eugène Atget & Roswitha Hecke

Heute habe ich mir zwei Foto-Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau angesehen. Zuerst die Retrospektive des fotografischen Werks von Eugène Atget mit ganz vielen Fotos über das alte Paris, was mir besonders viel Spaß gemacht hat, da ich zur Zeit Paris im 20. Jahrhundert von Jules Verne lese, das ja gerade unter dem Eindruck der Neugestaltung von Paris im 19. Jahrhundert (unter Georges-Eugène Haussmann) geschrieben wurde. Aus dem gleichen Grund fotografiert Atget das alte Paris. Die Fotos sind beeindruckend und so zahlreich, dass man sich viel Zeit nehmen muss für die Ausstellung, wenn man sich die Details auf den Bildern ansehen will. Besonders lohnend sind die fotografierten Werbeaufschriften. So wirbt eine Apotheke auf dem Foto Ecrivain publique (1899) für Kola-Koka.

Die zweite Ausstellung, die ich besucht habe, war auch sehr interessant: unter dem Titel Secret Views sind Fotografien von Roswitha Hecke zu sehen. Die Fotos haben mir sehr gut gefallen (besonders die Ruhrgebietsfotos). Die gezeigte Film-Dokumentation kann man sich allerdings sparen, da sie merkwürdig informationsarm ist.

Beide Ausstellungen möchte ich nachdrücklich empfehlen. Sie sind im Martin-Gropius-Bau noch bis Januar zu sehen.

documenta 12

Museum Fridericianum

Ich habe es doch noch geschafft zur documenta 12 nach Kassel zu fahren. Zum letzten Mal war ich ja zur letzten documenta in Kassel. Irgendwie reizt Kassel nur alle fünf Jahre. 🙂 Diesmal war ich mit fh unterwegs. Wie schon auf der documenta 11 gab es keine wirklich außerordentlichen Höhepunkt, aber doch viel Interessantes zu sehen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es weniger Werke waren als beim letzten Mal. Besonders gut hat mir die Aufstellung der Kunstwerke gefallen, weil es den Organisatoren offenbar darum ging, eine gewisse Dramaturgie herzustellen. Das kann man besonders gut im documenta-Pavillon sehen. Die Dichte der Werke scheint zu steigen. Vor dem Gitarrenraum von Saâdane Afif (einer meiner Favoriten!) steht ein kleiner grüner Quader (Green Box von John McCracken), dahinter dann ein großer grüner aufgeblasener Quader von einem anderen Künstler, und im gleichen Raum läuft auf drei Mac-Displays eine DVD von Hito Steyerl, die lediglich monochromes Rot zeigt (Red Alert) – leider ohne Erwähnung im Katalog, dafür aber im sehr interessanten documenta-Blog.

Gay Teapot

Richtig gut gefallen hat mir Lukas Duwenhöggers Celestial Teapot. Die schwule Teekanne war als Mahnmal für die verfolgten Schwulen für den Tiergarten vom Künstler vorgeschlagen worden, wurde aber abgelehnt. Das ist eigentlich schade, denn so eine begehbare Teekanne hätte schon etwas hergemacht und wäre ein Attraktion gewesen (vor allem wenn sie höher als der Reichstag gewesen wäre). Besonders reizvoll ist die mehrfache Interpretationsmöglichkeit der Himmlischen Teekanne:

  1. Sie bezieht sich auf eine für eine Tunte wichtige Körperhaltung.
  2. Sie spielt auf die gerade in der Nazi- und Nachkriegszeit wichtige Bedeutung von Klappen an. (Heute sind sie ja von GayRomeo abgelöst worden.)
  3. Außerdem spielt der Titel des Werks auf Russells Teekanne an.
Red Room

Natürlich gab es weitere Höhepunkte: zu Iñigo Manglano-Ovalles Raumkunstwerk Radio hat fh ja schon einen Kommentar abgegeben, dem ich nur zustimmen kann: Wenn man nach ein paar Minuten Aufenthalt in dem roten Raum wieder in den Raum mit weißen Wänden zurückkehrt, sieht man das Weiß blau, bevor die Augen wieder einen Weißabgleich durchgeführt haben.

Ich habe meinen neuen Fotoapparat zum Glück nicht mitgeschleppt, sondern nur ein paar wenige Fotos geknipst. Die Fotoausrüstung hätte nur gestört, da man keine Taschen in die Ausstellungen nehmen darf. Die documenta 12 endet am 23. September. Wer also noch nicht dort war, sollte sich schleunigst auf den den Weg machen.