Piratiger Aschermittwoch

Piratiger Aschermittwoch

Am diesjährigen Aschermittwoch fand erstmalig ein bundesweiter „piratiger Aschermittwoch“ in Ingolstadt statt. Das ist das Pendant zum politischen Aschermittwoch der Internet-Ausdrucker, dessen Geschichte hr2 Der Tag sehr mitreißend erzählt.

Ich fand die professionell organisierte Veranstaltung sehr interessant. Alle Reden waren hervorragend: besonders gut gefallen hat mir die Rede von Alex Bock – vor allem wegen des souveränen Vortragstils. Der Vertreter der Jungen Piraten hat eindrucksvoll bewiesen, dass das Wahlalter dringend gesenkt werden muss, denn er war besser als der durchschnittliche Dampfplauderer der Altparteien.

Sehr zünftig war die Rede von Benjamin Stöcker (links im Bild), die mir sehr gefallen hat. Von meiner Rede gibt es eine Textfassung. Die Gelegenheit, mal mit den anderen Parteien umfassend abzurechnen, macht gehörig Spaß, das Ingolstädter Bier ist auch lecker und die Leute sind sehr nett; das mussten selbst die angereisten Berliner anerkennen, und die tun sich ja in Bayern immer etwas schwer. Alle werden gern wiederkommen.

Update: Inzwischen gibt es auch die Videoaufzeichnungen.

Jahresrückblick 2009

2009 war für mich außergewöhnlich, was besonders daran lag, dass ich mir eine völlig neue Möglichkeit erschloss, Politik zu machen. Aber der Reihe nach: Da ich im Sommersemester ein Forschungsfreisemester hatte, ergriff ich die Gelegenheit, noch kurz vor Beginn des Sommersemesters als Gastwissenschaftler die Universität Caen in Frankreich zu besuchen. Da dort gerade heftig gestreikt wurde, hatte ich viel Gelegenheit mit französischen Wissenschaftlern und Studierenden über Bildungspolitik zu diskutieren, was sehr interessant war, gerade in Hinblick auf die späteren Bildungsproteste in Deutschland. Das Forschungssemester erlaubte es mir auch, wieder mehr zum Baskischen zu arbeiten und ein neues Forschungsprojekt zum Sprachkontakt in Galicien zu starten.

Durch mein Engagement im Chaos Computer Club war ich 2009 viel in Sachen IT-Grundrechte unterwegs, vor allem ab dem Frühjahr gegen das gefährliche Zensurerleichterungsgesetz. So war ich einer der Vertreter des „Internet“, als Martin Dörmann und Kajo Wasserhövel für die SPD zum Gespräch über das Gesetzesvorhaben einluden. Durch den positiven Eindruck eines Seminars über Freiheit und Sicherheit bei der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See hatte ich die vage Hoffnung, man könne die SPD von diesem hochproblematischen Gesetz abbringen. Weit gefehlt: die SPD war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht im Geringsten bereit, sich zu bewegen und wollte nur verkünden, sich um die Einwände aus dem „Internet“ bemüht zu haben. Jedenfalls löste die Aktion und besonders die anschließende Pressemitteilung der SPD bei mir ein Wutgefühl im Bauch aus, und ich überlegte, wie es weitergehen sollte: Sich weiter über die Politik zu ärgern, erschien mir schon gesundheitlich der falsche Weg. So entschloss ich mich, in die Piratenpartei einzutreten, und muss sagen: es hat sich gelohnt! Ich habe ein bisschen was bewegen können, ein neues Sprachrohr gefunden und sehr viele neue und nette Mitstreiter kennen gelernt. Jeder Entgleisung auf Seiten der Internetausdrucker (leider ist der Begriff irrelevant für die deutsche Wikipedia) brauche ich jetzt nur noch mit „Fazialpalmierung“ zu begegnen und kann mich darüber freuen, dass sie wahrscheinlich den Zulauf bei den Piraten erhöht.

Der Piratenwahlkampf war eine interessante Erfahrung, weil mir dadurch klar wurde, wie Politik an der Basis offline funktioniert. Außerdem lernt man beim lokalen Wahlkampf auch sehr viel über die Gegend, in der man wohnt. Sehr wichtig ist für mich die Umsetzung des partizipativen Parlamentarismus, der neue Möglichkeiten in der Politik eröffnet – unabhängig von „Parteigegruschel“.

Im Sommer wollte ich eigentlich zur HAR2009 und anschließend zur Wikimania reisen, was ich aber beides unterließ, weil ich im Juli heftige Rückenprobleme bekommen habe, die aber dank stetiger Physiotherapie jetzt hoffentlich nicht wieder auftreten werden. Zum Glück konnte ich mich, als die Rückenprobleme besser geworden waren, in Berlin gut ablenken, weil das Wetter ins Strandbad Wannsee lud und natürlich auch der Wahlkampf in die heiße Phase kam.

So beschränkte sich meine Reisetätigkeit auf Kurzreisen zu verschiedenen Veranstaltungen der Erfa-Kreisen und Chaostreffs des CCC, aber die SigInt in Köln entschädigte durchaus für die verpasste HAR (Köln liegt ja auch fast in NL). Im September ging es dann noch eine Woche nach Slowenien zu einem Fachkongress über Dialektologie. Es war sehr eindrucksvoll, dieses schöne Land neu zu entdecken, wo ich seit der Wende nicht mehr war.

Der Herbst war sehr arbeitsreich, besonders weil ein Riesenberg Klausuren zu korrigieren war, so dass kaum Zeit für andere Aktivitäten blieb. Zwischendurch gab es Kurzauftritte bei Studienwahl.tv und Breitband und natürlich die Vorbereitung auf den Chaos Communication Congress. Dort hielt ich wieder einen Vortrag, der offenbar gut ankam. Da aber das Thema Zensursula eigentlich durch ist, wird er bestimmt nicht so viel Echo finden wie der Vorjahresvortrag über Neusprech.

Interessanterweise hat sich 2009 auch mein Internet-Kommunikationsverhalten grundlegend geändert (was wohl auch mit der Anschaffung eines iPhone zusammenhängt): Während ich vorher Informationen im Netz meist über RSS erhalten habe (und immer weniger über E-Mail), verfolge ich RSS-Feeds gar nicht mehr, sondern verlasse mich auf Mikroblogging. Das funktioniert deutlich besser, weil wichtige Informationen wiederholt „getickert“ werden, was das „Aufmerksamkeitsmanagement“ erleichert. Daneben spielt Jabber eine sehr wichtige Rolle in meiner Kommunikation, während E-Mail für mich wegen des Informationsüberflusses fast nicht mehr verwendbar ist (das auch als Hinweis für diejenigen, die noch auf eine Antwort warten). Ich weiß leider noch nicht, wie ich das E-Mail-Problem gelöst bekomme. Mikroblogging ist wohl inzwischen das neue Leitmedium, was sich auch darin zeigt, dass viele Leute (und auch ich) weniger „makrobloggen“.

Bildungsproteste

Im Januar dieses Jahres hatte ich zusammen mit einem Kollegen eine Podiumsdiskussion zur notwendigen Reform des Bologna-Reformen veranstaltet, die leider nur sehr schwach besucht war. Dass nun im gleichen Hörsaal die studentischen Protestveranstaltungen stattfinden, freut mich da natürlich besonders. Es ist ganz wichtig, dass sich die Studierenden rühren, denn Professorenprotest verhallt bei den derzeitigen Bildungspolitikern größtenteils ungehört – Millionen protestierender Studenten haben da sicher einen anderen Effekt.

Und wieder geben sich Politiker merkbefreit – selbst solche, die es von Amts wegen eigentlich wissen sollten: Bildungsministerin Annette Schavan hat eben noch die Dynamik des Bologna-Prozesses gelobt und stellt jetzt angesichts der Proteste eine BAFöG-Erhöhung in Aussicht. Eine BAFöG-Erhöhung ist sicher überfällig, aber darum geht es doch den protestierenden Studenten gar nicht – jedenfalls nicht in erster Linie. Der Vorsitzende des RCDS, der nun wirklich wissen sollte, worum es geht, versteht die Ziele des Protestes nicht und hält die Aktionen für „Bequeme Fundamentalkritik“. Damit reiht er sich ein in die Riege der Internetausdrucker, obwohl man bezweifeln kann, dass er sich die im Netz unter dem Internet-Mem #unibrennt aufgeflammte Diskussion ausgedruckt hat – zur Kenntnis genommen hat er sie jedenfalls nicht.

Worum es eigentlich geht, fasst Julian Nida-Rümelin in einem Fernsehinterview sehr treffend zusammen: Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen ist die Bologna-Reform in Deutschland komplett gescheitert, jetzt muss es darum gehen, die Reform zu reformieren. Nida-Rümelin fordert im Übrigen eine Verdoppelung der Bildungsausgaben. Wenn ich mir die finanzielle Situation der Hochschulen – selbst im reichen Bayern – anschaue, muss ich davon ausgehen, dass eine Verdoppelung hier kaum, in manchen norddeutschen Ländern mit Sicherheit nicht reichen wird.

Neben der Reform der Bologna-Reformen und der Steigerung der Bildungsausgaben müssen weitere Verbesserungen durchgesetzt werden:

  • Vor allem die prekären (und oft fehlenden) Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den akademischen Mittelbau müssen dringend verbessert und das Lehrdeputat für alle in Forschung und Lehre tätigen Universitätsangehörigen verringert werden.
  • Außerdem dürfen Wissenschaftler grundsätzlich nicht für wissenschaftsfremde Tätigkeiten in Anspruch genommen werden wie Evaluationen, Akkreditierungen, Verwaltungs- und Managementaufgaben (die über die sicherlich notwendige akademische Selbstverwaltung hinausgehen).
  • Die Willensbildung innerhalb der Hochschule muss von den Lehrenden und Studierenden ausgehen, und darf nicht externen Hochschulräten und einem Lean-Management überlassen werden.
  • Die anonyme Gängelung von Studierenden durch Hochschulinformationssysteme, die diesen Namen nicht verdienen, muss ein Ende haben.

Ich bin zuversichtlich, dass sich aufgrund der unüberhörbaren Proteste jetzt tatsächlich etwas ändern wird.

MetaRheinMain

Am letzten Wochenende war ich auf einer Veranstaltung des Chaos Computer Clubs Darmstadt (einschließlich Mainz und dem Umfeld aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet), die weil sie eben das Rhein-Main-Gebiet umfasst, den klangvollen Namen MetaRheinMain Chaos Days hat. Für mich war es vor allem eine Möglichkeit, Leute zu treffen, mit denen ich normalerweise nur virtuell zu tun habe. Daher habe ich mir auch gar nicht viele Veranstaltungen angesehen, sondern mehr mit anderen Teilnehmern gequatscht, zumal ich hoffe, dass viele Vorträge dann auch noch online zu haben sind.

Gleich am ersten Abend gab es einen Höhepunkt im Programm: Ein Podiumsgespräch zwischen padeluun, Julius Mittenzwei (CCC) und Brigitte Zypries. Anders als ich erwartet hatte, gab es kaum Politiker-Geschwurbel, dafür mehr Clownerien von padeluun. Hätte der Moderator Holger Klein ihn mehr gezügelt, wäre die Veranstaltung weniger unterhaltsam gewesen, dafür wäre Julius’ sachliche Argumentation besser zur Geltung gekommen. Überhaupt wurde deutlich, dass Politiker und Aktivisten gute Moderatoren brauchen, Holger ist sicher ein solcher! Schade war bloß, dass aus dem Publikum keine Fragen gestellt werden konnten.

Der Vortrag von Jörg Tauss am nächsten Tag hat mich etwas enttäuscht, denn es fehlte eine klare Linie. Er hat sehr assoziativ über alle möglichen Themen gesprochen, die ihm am Herzen liegen. Zum Glück waren die Fragen aus dem Publikum überwiegend sehr interessant. Den Auftritt von Franziska Heine habe ich leider verpasst, weil ich selbst einen Programmbeitrag parallel geleitet habe.

Insgesamt war die Veranstaltung sehr politiklastig. Ich frage mich auch, ob Politiker wirklich auf CCC-Veranstaltungen so prominent auftreten sollten. Sicher ist der CCC ein Bürgerrechtsverein, in dem es um die Verbindung von Technik und Politik geht, aber hier stand die Politik sehr im Vordergrund, was ja in den heutigen Zeiten auch nicht überrascht.

Klarmachen zum Ändern – ein politischer Paradigmenwechsel

In der Politik entdecke ich Anzeichen für einen sich gerade abspielenden Innovationsprozess, den ich als Paradigmenwechsel bezeichnen möchte. Das Konzept kommt aus der Wissenschaftstheorie und ist auch dort umstritten, denn neue Zusammenhänge kommen in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik immer allmählich auf und existieren zunächst parallel zu Altem (am Rande bemerkt: das gilt natürlich auch für sprachliche und kulturelle Innovationen). So ist es wohl auch hier: es handelt sich mehr um evolutionäre als revolutionäre Veränderungen, die die folgenden Punkte betreffen:

  • Wege und Medien der politischen Kommunikation verändern sich;
  • die Themen der Politik verschieben sich;
  • die Parteienlandschaft strukturiert sich um.

Wege und Medien politischer Kommunikation

Hierzu muss nicht viel gesagt werden. Selbst die FAZ hat schon Twitter entdeckt – blogs usw. sowieso. Wahlplakate und Wahlwerbespots sind hingegen meist aussagearm und erinnern an Seifenwerbung.

Themen der Politik

Wenn ich mir die vorrangigen Themen der großen Parteien anschaue, geht es um: Arbeitsmarktpolitik, Wirtschaftswachstum und Steuersenkungen. Die Themen, die mich interessieren, spielen eine untergeordnete Rolle oder werden komplett ignoriert: Bildungspolitik, Bürger- und Grundrechte, IT-Grundrecht und Datenschutz, offene und freie Lizenzen für Software und Inhalte, Patentrechtsreform, Netz- bzw. Infrastrukturneutralität. Ich stehe keineswegs allein mit diesen Interessen, und hier zeichnen sich schon erste, zaghafte Veränderungen ab: Die Bildungspolitik rückt wieder in den Vordergrund, der Datenschutz bekommt mehr Aufmerksamkeit und auch die anderen Themen finden hin und wieder ihren Weg sogar in traditionelle Medien. Das ist typisch für Veränderungen: das zunächst allmähliche Ansteigen des Interesses.

Parteienlandschaft

Hier sind die Zeichen der Veränderung am deutlichsten: Der CDU/CSU sterben die Wähler einfach weg, wie eine in der Zeit veröffentlichte Statistik zeigt. Der SPD laufen sie eher davon, was ja angesichts des Umfallens der „Stoppschildbürger-Partei Deutschland” in Sachen Netzausblendung vor allem im Internet besonders deutlich wird (nur ein eindrucksvolles Beispiel:lobenswerter offener Brief von SPD-Kandidat Torben Friedrich). Symptomatisch sind hier auch die Piraten in der SPD (danke Florian!).

Ich will jetzt hier nicht weiter auf die SPD eindreschen, obwohl ich allen Grund dazu hätte: Ich war nämlich auf dem Treffen des SPD-Parteivorstands mit „dem Internet“ dabei und habe schnell gemerkt, wie versucht wird, uns zu instrumentalisieren, um eine Zustimmung zum Netzausblende-Gesetz zu rechtfertigen („Erfolg der Netz-Community“); weshalb nach dem Öffnen der Büchse der Pandora weitere Gespräche abgesagt wurden; sogar der Online-Beirat zog Konsequenzen. Auch manche SPD-Kandidaten sind wenig begeistert.

Der Partei Bündnis 90/Die Grünen verzeihe ich ja den deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan nicht (auch Peter Scholl-Latour bezeichnet die „Friedensmission“ [Neusprech!] als Krieg, den wir verlieren werden), selbst wenn ich den Grünen nahe stehe. Ich denke aber, dass die Grünen im Gegensatz zu den genannten Parteien tatsächlich eine Zukunft haben werden, denn Die Grünen vertreten eine Reihe der oben genannten Themen. Sie haben sogar die Chance einen Teil der konservativen Wähler für sich zu gewinnen. So sind in der Familienpolitik die Grünen die einzige Partei mit einigermaßen zeitgemäßem Programm (schwul-lesbische Partnerschaften, Patchwork-Familien usw.), aber Familienpolitik ist nicht mein Interessengebiet.

Die FDP erntet ja zur Zeit schon sehr bei der CDU. Das ist in Zeiten einer großen Koalition nur folgerichtig. Wenn die FDP auch die Themen Bürgerrechte und Bildungspolitik wieder verstärkt vertritt, hat sie gute Aussichten, zu einer wichtigen politischen Rolle zurückzufinden. Die Zukunft der Linken ist hingegen schwer einzuschätzen.

Die Piratenpartei hat sehr große Chancen, sich ebenfalls längerfristig in die Politik einmischen zu können. Sie vertritt interessanterweise genau die Punkte, die ich oben als nicht nur für mich wichtige Themen angeführt habe und ist damit natürlich keine Ein-Themen-Partei: Gerade die Infrastrukturneutralität ist eine Frage, die nicht nur mit Grundrechten zusammenhängt, sondern auch eine wirtschaftspolitische Dimension hat, denn Infrastrukturneutralität ist eindeutig gegen eine Staatswirtschaft gerichtet und auch gegen Deregulierung. Bildung, offene/freie Lizenzen und eine Patentrechtsreform haben ebenfalls eine ganz starke wirtschaftliche Komponente neben der kulturellen und sozialen.

Viele Leute sagen, dass man die Piratenpartei nicht wählen dürfe, weil man wegen der 5%-Klausel seine Stimme verschenke. Das ist Unsinn, denn eine Stärkung der Piratenpartei ist ein wichtiges politisches Signal an andere Parteien, die Anliegen der Netznutzer ernst zu nehmen. Das zeichnet sich ja gerade schon ab. Solang sich aber keine andere Partei die Anliegen der Piraten zu eigen macht (was im Moment nicht absehbar ist), bleiben die Piraten auf Kurs über die 5%-Hürde hinweg, wie die Juniorwahl zeigt.

Glaskugel

Die CDU/CSU wird sicher als Partei der Älteren mit einem Anti-Internet- und Zukunftsangst-Programm („Keine Experimente“) weiterhin eine gewisse Rolle spielen. Die SPD ahmt diese Strategie gerade nach, aber da empfiehlt sich das Original natürlich mehr. Nur wenn die SPD zu einem sozial-liberalen Politikverständnis zurückfinden sollte, wird sie sich weiter behaupten können. Die stärksten Parteien werden bald wohl Bündnis 90/Die Grünen und die FDP sein; Piratenpartei und Linke werden ebenfalls mitspielen. Dieser Blick in die Glaskugel betrifft natürlich noch nicht die kommende Bundestagswahl. Dort wird es möglicherweise zu einer Verlängerung der großen Koalition kommen, da die Stärke der FDP die Schwäche der CDU/CSU ist. Die jüngsten politischen Entscheidungen zeigen jedoch, dass das keine gute Kombination ist.

Update 19.6.09: Die Zahlen von Alexa bestätigen, dass die Piratenpartei die Webpartei ist, und zwar mit Abstand. Daraus lässt sich schließen, dass sie auf Erfolgskurs ist.

Die Qual der Wahl

Die Europawahlen stehen bevor, und ich bin immer noch unentschieden. Laut Wahl-o-mat kommen für mich drei Parteien in Frage:

  • Bündnis 90/Die Grünen: Mit dieser Partei gibt es viele Übereinstimmungen, aber ich habe auch so meine Schwierigkeiten: So haben die Grünen bei der Überwachungsgesetzgebung mitgewirkt und gehen meiner Ansicht nach zu unkritisch mit deutschen Auslandseinsätzen um (als pazifistische Partei!). Vielleicht erklärt der inzwischen latente Pazifismus der Grünen auch ihr „Signal gegen Computer-‚Killerspiele‘“ – ein weiterer Grund, warum ich die Partei nicht so recht verstehe. Vielleicht erklärt mir das noch jemand. Die Grünen zu wählen, hätte den Vorteil, mit meiner Wahl nicht unter die 5%-Klausel zu fallen.
  • Diesen Vorteil gibt es auch bei der SPD, aber auch hier spielen die schon bei den Grünen genannten Bedenken eine gewisse Rolle; hinzu kommt meine Enttäuschung, dass die SPD an einem Internetausblendegesetz festhält (pdf). Die SPD ist offenbar (noch) nicht im Internetzeitalter angekommen.
  • Internetpartei ist vielmehr die Piratenpartei. Mit der bin ich aber auch nicht in allen Punkten glücklich:
    • Die Durchsicht des Wikis der Partei (toll, dass sie so etwas haben!) zeigt, dass die Partei einen engen thematischen Fokus hat. Daher ordnet der Tagesspiegel sie in seiner Parteienübersicht auch – vielleicht zu unrecht – unter die Ein-Themen-Parteien.
    • In der Frage des Nichtraucherschutzes ist mir die Haltung der Piraten nicht ganz klar, aber offenbar wird eine gesetzlicher Nichtraucherschutz in der Gastronomie eher kritisch gesehen.
    • Die Piratenpartei ist glücklicherweise gegen eine Kulturflatrate (obwohl es zunächst anders aussieht), aber ich halte einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk (als Podcastnetzwerk!) für unentbehrlich. Der Gebühreneinzug muss zwar anders organisiert werden als bisher, aber auf die Gebührenfinanzierung sollte nicht verzichtet werden. Die Position der Piratenpartei ist da leider etwas unausgegoren.
    • Zentrales Thema der Piratenpartei ist die Neuregelung des Urheber- und Verwertungsrechts. Ich selbst habe ja vier Bücher geschrieben, die deshalb lektoriert und verlegt wurden, weil sich Verlage einen Gewinn versprochen (und wahrscheinlich auch gemacht) haben. Jetzt hätte ich natürlich auch im Netz publizieren können, allerdings wäre dann das Lektorat entfallen, und die Publikationen wären deutlich schlechter gewesen.
  • Europa – Demokratie – Esperanto ist natürlich eine Partei, deren Wahl für mich als Esperanto-Sprecher nahe liegt, zumal ich ja auch die Aktiven der Partei zum Teil kenne. Allerdings ist habe ich da auch kritische Anmerkungen: Das Durchschnittsalter der (meist männlichen) Kandidaten ist viel zu hoch (wie übrigens auch bei den etablierten Parteien), Themen die nichts mit der Sprachenfrage zu tun haben, werden im Programm nicht behandelt. Was ist mit Umweltpolitik, Agrarwirtschaft, Nichtraucherschutz, Atomenergie usw.?

Letztlich wird man keine Partei finden, mit der man völlig übereinstimmt. Aber es bleibt die Qual der Wahl! Für Hinweise und Entscheidungshilfen bin ich dankbar. Eigentlich weiß ich nur, was ich nicht will: homophobe Parteien (davon gibt es ja diesmal gleich mehrere), Parteien, die die EU-Mitgliedschaft der Türkei kategorisch ausschließen, nationalistische und religiös-fundamentalistische Parteien gehören wohl nicht ins Europaparlament.

re:publica09

Gerade bin ich auf der (bald zu Ende gehenden) re:publica09. Sie war voller und anders als die beiden vorangegangenen re:publicas, aber wieder sehr interessant. Auf der ersten war ja das Web 2.0 noch ganz neu, und man fühlte sich als Avantgarde. Das war schon bei der zweiten re:publica etwas anders. Damals war Twitter gerade der letzte Schrei und stand ziemlich im Mittelpunkt der Veranstaltung. Diesmal gab es keine solche Welle des Neuen. Dafür setzte man sich mehr mit Detailfragen auseinander. Hier die Vorträge, die mich am meisten beeindruckt haben:

  • Alvar Freudes Vortrag über Netzzensur. Der Vortragende hat sich da richtig intensiv eingearbeitet, nachrecherchiert und nachgefragt. Das war sehr aufschlussreich!
  • Das tvmagnet-Projekt von Kristian Müller und Rüdiger Weis finde ich sehr unterstützenswert. Das vorgestellte Programm ist wirklich praktisch und funktioniert. Ich glaube, dass das sicher ein kleiner, aber wichtiger Schritt in der gerade stattfindenden Medien-(R)Evolution ist.
  • Jon Worths Beitrag über die Atheist Bus Campaign hat mir sehr gut gefallen; das ist eine oft missverstandene Kampagne, denn es geht ja nicht darum, gläubige Menschen vom Atheismus zu überzeugen, sondern sie will zeigen, dass es nicht zwangsläufig ist, an einen Gott glauben zu müssen – schade, dass die Buskampagne wohl in Berlin nicht stattfinden wird. Unabhängig davon, welche religiöse Einstellung man hat, regt das doch sehr zum Nachdenken und Diskutieren an.
  • Kai Sostmann kannte ich schon von der letzten re:publica, und im Grunde ging es um dasselbe Thema, aber es war doch ein informativer Vortrag mit neuen Hinweisen wie man das Web zum Lehren und Lernen nutzen kann (aber bitte keine Titel mit „2.0“ mehr!).
  • John Kellys Visualisierungen fand ich sehr erhellend. Leider habe ich nur seinen zweiten Vortrag sehen können. Hoffentlich finde ich seine Folien irgendwo verlinkt.
  • Die Hedonistische Internationale hat es nicht so mit der Selbstpräsentation, aber inhaltlich fand ich den Beitrag sehr sehenswert.

Sehr angenehm war es natürlich wieder, vielen Leuten, die man sonst nur in der virtuellen Welt trifft, mal real in die Augen zu schauen. Das macht dann auch die virtuellen Kontakte wieder spannender. Da ist es dann auch zweitrangig, wenn die Internet-Ausdrucker immer noch nicht wissen, wie das Internet funktioniert.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Soeben habe ich die Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen unterschrieben. Die Argumente, die dafür sprechen, hat Tim Pritlove bereits treffend zusammengefasst. Dem kann ich nur hinzufügen, dass auch die Mindestlohn-Frage dadurch elegant gelöst wird (und zwar ganz liberal).

Im Detail kann ich der Petitionsbegründung nicht vollständig zustimmen. Ich halte es für eher ungünstig, wenn das Steuersystem auf die Konsumsteuer reduziert wird, denn dann hätten in Deutschland nicht steuerpflichtige Menschen das Nachsehen. Der Einwand, diese könnten sich ja die Konsumsteuern erstatten lassen, ist nicht schlüssig, denn die Erstattung gelingt einem nur unter Preisgabe seiner Identität und wenn man eine Adresse im Ausland hat.

Ich favorisiere vielmehr das Ulmer Modell, das auf dem Konzept der Negativsteuer beruht. Das bedeutet, dass jede Person, die im Prinzip ihr persönliches Einkommen versteuern müsste (auch wenn sie mangels Einnahmen keine Steuern zahlt), einen Einkommenssteuerabzug von zum Beispiel € 750 im Monat erhält. Wer gar keine Einkommenssteuern entrichten muss (Lohnsteuer zähle ich hier mal zur Einkommenssteuer), bekommt einfach € 750 ausgezahlt. Wer Tausende von Euro verdient, bekommt die € 750 von der Steuerlast abgezogen. So ergibt sich eine gewisse Gerechtigkeit, denn für jemanden, der gar nichts verdient, sind die € 750 Euro viel Geld, für jemanden der viel verdient, handelt es sich um einen vernachlässigbaren Betrag. (Die Zahl von € 750 ist jetzt nur eine „Hausnummer“.)

Wie man das Grundeinkommen realisiert, ist eigentlich ein Detail, ansonsten stimme ich Tims Argumentation zu: Mit dieser Maßnahme würde sich unsere Gesellschaft zum Positiven verbessern, und wirklich alle hätten etwas davon!

Neusprech im Bayerischen Rundfunk

Vorgestern (Freitag, 9. Januar) brachte der Bayerische Rundfunk einen Beitrag über Neusprech. Der Beitrag ist sehr professionell gemacht. Erklärungen der Sprecherin und Interview sind gut aufeinander abgestimmt. Was ich besonders erfreulich finde (und beim Bayerischen Rundfunk kaum erwartet hatte), ist folgende Beobachtung: Dass das BKA-Gesetz problematisch ist, wird als gegeben angesehen. Das ist unter Journalisten sicher keine Minderheitenmeinung. Schade ist, dass es auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks den Beitrag nicht zum Hören gibt. Falls ihn doch jemand findet, der Beitrag kommt erst in der zweiten Hälfte der Sendung (nach den 20 Uhr-Nachrichten).

25th Chaos Communication Congress

maha's Neusprech Talk by nr1@flickr cc-by-sa

This year’s Chaos Communication Congress was an overwhelming experience, mostly because of the great number of participants and the good atmosphere, although everybody had a hard time to find empty seats in the lecture halls. Fortunately, the lectures were streamed. So, I didn’t always fought my way through the crowd, but simply watched the stream instead. This is, of course, not quite the same thing. Here are some impressions of the lectures I attended or watched as a stream:

  • I was late at the opening event and wasn’t particularly captured by the keynote, so I gave up on it after some minutes. I cannot tell exactly why the keynote didn’t touch me; possibly it was John Gilmore’s way of speaking. Moreover, the opening event should be more stimulating.
  • As expected, Hacking the iPhone was the highlight of the first day. The lecture hall was very crowded; fortunately, I came early enough to get into the room and sit on the floor. Unfortunately, one of the speakers was almost incomprehensible, but the talk was certainly very interesting.
  • My personal favorite of the first day was the live feature on Kurt Gödel. Such presentations are always very funny and informative at the same time. I hope there will be more!
  • The talk on swarm robots on the second day was very thought-stimulating. In this project, the robots communicate through infra-red sensors, but it gave me an idea of how they could communicate even without a special communication device. Perhaps, I should start my own project on robot communication….
  • Magnus Manske’s talk on DNA sequencing was interesting to me, because it’s a field I don’t know anything about.
  • Rose White’s talk The Infinite Library was very entertaining, although it didn’t yield much new information. I liked it nonetheless for its entertainment value.
  • I started the third day with my own contribution on Newspeak (recording) which provoked some interesting discussions. I even gave four interviews afterwards: a very short videocast on Netzpolitik (with closed eyes), 🙁 one for Bayerischer Rundfunk (aired on January 9th, 2009), one for a free radio in Southern Germany and another one for the German Free Radio Network. I’m very happy that so many people found my ideas interesting.

I followed some other lectures, but passed most of the time in the Speakers’ Room, which is a cosy, unfortunately a little too small room where speakers like myself were accepted and could prepare their talks (there is always need for last-minute preparations). I coordinated the Speakers’ Room volunteers, which was an easy task this year, because the group worked together very harmoniously and effectively. Moreover, the Speakers’ Room is always a good place to meet interesting people.

Not surprisingly, with so many people around, it is easy to catch some viruses (computer viruses and others). Unfortunately, I caught a bad cold and had to spend the first days of the new year in bed. 🙁